
Eine Frau Mertens - das entnahm ich meinen Notizen, als Peter den zweiten Strauß erwarb - wohnte gegenüber von dem Blumenladen. Es war ein großes Mietshaus mit einer kleinen Anlage davor, die sich in eine sanfte Kurve der Hauptstraße einpasste. Frau Mertens wohnte im zweiten Stock.
„Das ist aber nett“, sagte sie, noch ehe ich eine neue Neffenvariante erfinden konnte. Sie machte die Tür sperrangelweit auf und dirigierte uns mit der Hand in einen dunklen Korridor. „Ich dachte schon, diesmal hätten sie mich vergessen. Gerade diesmal, wo ich so allein bin.“
„Vergessen?“, sagte ich, verspürte ein flaues Gefühl im Magen und hätte mich gern durch einen Blick mit Peter verständigt, aber im Korridor war es so dunkel, dass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Die Frau öffnete eine Tür und lud uns an einen gedeckten Kaffeetisch ein. Ich wusste nichts zu sagen und starrte auf Peter, der unschuldig dreinschaute und die Unterlippe hängen ließ.
Die Frau war am Tisch stehen geblieben, griff nach der leeren Vase, die zwischen Tassen und Kuchen stand, und nahm Peter die Blumen aus der Hand. „Sehr schön sind sie. Olga weiß, dass ich Levkojen liebe.“
Wäre es nicht der zweite Stock gewesen, ich hätte das Fenster aufgerissen und einen Satz gemacht. Für wen hielt uns die Frau? Wen hatte sie erwartet? Vielleicht geht sie mit den Blumen hinaus, macht Wasser in die Vase ... Aber sie stellte das Bukett nur hinein.
„Tja“, sagte sie, „dann wollen wir mal. Achtundsechzig werde ich heute. Noch nie haben sie meinen Geburtstag vergessen, seit die Olga bei der Volkssolidarität ist. Sie wäre ja gern selbst gekommen, hat sie gesagt, aber sie hat mir gestern schon angekündigt, dass sie Volkshelfer zum Gratulieren schickt. Langen Sie zu.“
Über den dampfenden Kaffee hinweg warf ich Peter einen Blick zu, aber die Torte nahm ihn so sehr in Anspruch, dass er für meine Augensprache keinen Sinn hatte. Langsam stieß nun auch ich die Kuchengabel in das Gebilde aus Creme, Nüssen, Schokolade und etwas Teig.
„Schmeckt es Ihnen? Wie lange sind Sie denn schon Volkshelfer? Ich hab Sie noch nie gesehen.“
„Mensch“, sagte ich zu Peter, als die Frau an die Tür gegangen war, wo die Klingel angeschlagen hatte, „was machen wir nun? Ich halt nicht mehr lange durch.“
„Wir können nicht abhauen, sie freut sich doch so.“
Als Frau Mertens wieder auf der Schwelle stand, schien sie weit ab von jeglicher Freude zu sein. Sie hielt Blumen in der Hand und gab einer älteren Frau, die am Stock ging, den Blick auf uns frei. „Nein, nein, meine Liebe, diese Burschen kenne ich gar nicht, wer weiß ...“
„Frau Mertens , sagte ich schnell, indem ich aufstand, „das war ein Missverständnis von Ihnen, und das ging alles so schnell, aber wir hätten den Irrtum noch aufgeklärt. Das ist so ...“
Die hinzugekommene Frau trat an den Tisch, und Peter sprang auf, um ihr den Stuhl unterzuschieben. Das hätte ich ihm nie zugetraut.
„Das ist nämlich Olga, von der ich gerade sprach“, sagte Frau Mertens. „Aber wie war das nun mit Ihnen?“
„Sie haben doch ein Zimmer frei — haben wir jedenfalls gehört , sagte ich und stellte fest, dass sich die eigenartige Spannung auf dem Gesicht der Besucherin in ein verständnisvolles Lächeln verwandelte, „und da wollten wir fragen, ob Sie nicht ..."
„Ihr seid mir welche!“, rief Frau Mertens und stimmte in das Lachen Olgas ein, „aber eigentlich könnt ihr ja nichts dafür, dass ich euch für Olgas Volkshelfer hielt. Also das Zimmer wollt ihr …“
„Er“, sagte ich und deutete auf Peter, der inzwischen seinen Kuchenteller leer gegessen hatte und nickte.
Frau Mertens betrachtete Peter, und es wirkte so, als hätte sie seine Anwesenheit bisher noch gar nicht recht wahrgenommen und sei nun sehr erstaunt. „Ach, nur er“, sagte sie, wandte sich an Olga und fragte: „Was meinst du, soll ich ihm das Zimmer überlassen? Ich wäre dann wenigstens nicht mehr so allein.“
Ich will einen Turm besteigen
Es müsste einen Turm geben, von dem aus man sein ganzes Leben überblicken kann – jenes, das bereits hinter einem liegt mit allen Glücksmomenten ebenso wie mit den Unbilden des Schicksals. Aber auch den bevorstehenden Lebensabschnitt, der sich Zukunft nennt.Das wünscht sich Günter, der als Kind von seiner Mutter verlassen wird. In der Familie seines Freundes Peter findet er Aufnahme, so dass beide sich wie Brüder fühlen.Von jenem Turm aus könnte er dann rechtzeitig die ‚Zopfliese’ erkennen, die eines Tages in sein Leben tritt und die Freundschaft beider Jungen erschüttert. Oder in weiterer Ferne das Mädchen Inge, das seinen Platz an Günters Seite sucht.Auch den wissbegierigen ‚Grübel’ und den einflussreichen Mann ‚Biber’ würde er vorzeitig wahrnehmen, und sich auf sie einrichten können. Er ahnt nicht, dass sie einmal sein Leben beeinflussen werden.Weil die Zukunft jedoch nicht von einem Turm aus sichtbar ist, muss der Heranwachsende …
Beschreibung
Es müsste einen Turm geben, von dem aus man sein ganzes Leben überblicken kann – jenes, das bereits hinter einem liegt mit allen Glücksmomenten ebenso wie mit den Unbilden des Schicksals. Aber auch den bevorstehenden Lebensabschnitt, der sich Zukunft nennt.
Das wünscht sich Günter, der als Kind von seiner Mutter verlassen wird. In der Familie seines Freundes Peter findet er Aufnahme, so dass beide sich wie Brüder fühlen.
Von jenem Turm aus könnte er dann rechtzeitig die ‚Zopfliese’ erkennen, die eines Tages in sein Leben tritt und die Freundschaft beider Jungen erschüttert. Oder in weiterer Ferne das Mädchen Inge, das seinen Platz an Günters Seite sucht.
Auch den wissbegierigen ‚Grübel’ und den einflussreichen Mann ‚Biber’ würde er vorzeitig wahrnehmen, und sich auf sie einrichten können. Er ahnt nicht, dass sie einmal sein Leben beeinflussen werden.
Weil die Zukunft jedoch nicht von einem Turm aus sichtbar ist, muss der Heranwachsende unvorbereitet alle Konflikte lösen, die sich ihm in der schweren Zeit zwischen Kriegsende und Neubeginn aufdrängen.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1974 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 13.12.2014 |
| Seiten | 436 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-201-4 |
| ISBN (PDF) | 978-3-95655-202-1 |
| ASIN (Kindle) | B00WYNRMXE |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
NachkriegszeitDDRRepublikflucht17. Juni 1953TalsperrenbauFDJFreundschaftLiebeComing-of-AgeHeimatVerlassenwerdenGünterPeterIngeZopflieseGrübelBiberBrückstedtWolfshagenVolkssolidaritätJugendgruppeFahnenBürgermeisterJugendromanLeseprobe
Eine Frau Mertens - das entnahm ich meinen Notizen, als Peter den zweiten Strauß erwarb - wohnte gegenüber von dem Blumenladen. Es war ein großes Mietshaus mit einer kleinen Anlage davor, die sich in eine sanfte Kurve der Hauptstraße einpasste. Frau Mertens wohnte im zweiten Stock.
„Das ist aber nett“, sagte sie, noch ehe ich eine neue Neffenvariante erfinden konnte. Sie machte die Tür sperrangelweit auf und dirigierte uns mit der Hand in einen dunklen Korridor. „Ich dachte schon, diesmal hätten sie mich vergessen. Gerade diesmal, wo ich so allein bin.“
„Vergessen?“, sagte ich, verspürte ein flaues Gefühl im Magen und hätte mich gern durch einen Blick mit Peter verständigt, aber im Korridor war es so dunkel, dass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Die Frau öffnete eine Tür und lud uns an einen gedeckten Kaffeetisch ein. Ich wusste nichts zu sagen und starrte auf Peter, der unschuldig dreinschaute und die Unterlippe hängen ließ.
Die Frau war am Tisch stehen geblieben, griff nach der leeren Vase, die zwischen Tassen und Kuchen stand, und nahm Peter die Blumen aus der Hand. „Sehr schön sind sie. Olga weiß, dass ich Levkojen liebe.“
Wäre es nicht der zweite Stock gewesen, ich hätte das Fenster aufgerissen und einen Satz gemacht. Für wen hielt uns die Frau? Wen hatte sie erwartet? Vielleicht geht sie mit den Blumen hinaus, macht Wasser in die Vase ... Aber sie stellte das Bukett nur hinein.
„Tja“, sagte sie, „dann wollen wir mal. Achtundsechzig werde ich heute. Noch nie haben sie meinen Geburtstag vergessen, seit die Olga bei der Volkssolidarität ist. Sie wäre ja gern selbst gekommen, hat sie gesagt, aber sie hat mir gestern schon angekündigt, dass sie Volkshelfer zum Gratulieren schickt. Langen Sie zu.“
Über den dampfenden Kaffee hinweg warf ich Peter einen Blick zu, aber die Torte nahm ihn so sehr in Anspruch, dass er für meine Augensprache keinen Sinn hatte. Langsam stieß nun auch ich die Kuchengabel in das Gebilde aus Creme, Nüssen, Schokolade und etwas Teig.
„Schmeckt es Ihnen? Wie lange sind Sie denn schon Volkshelfer? Ich hab Sie noch nie gesehen.“
„Mensch“, sagte ich zu Peter, als die Frau an die Tür gegangen war, wo die Klingel angeschlagen hatte, „was machen wir nun? Ich halt nicht mehr lange durch.“
„Wir können nicht abhauen, sie freut sich doch so.“
Als Frau Mertens wieder auf der Schwelle stand, schien sie weit ab von jeglicher Freude zu sein. Sie hielt Blumen in der Hand und gab einer älteren Frau, die am Stock ging, den Blick auf uns frei. „Nein, nein, meine Liebe, diese Burschen kenne ich gar nicht, wer weiß ...“
„Frau Mertens , sagte ich schnell, indem ich aufstand, „das war ein Missverständnis von Ihnen, und das ging alles so schnell, aber wir hätten den Irrtum noch aufgeklärt. Das ist so ...“
Die hinzugekommene Frau trat an den Tisch, und Peter sprang auf, um ihr den Stuhl unterzuschieben. Das hätte ich ihm nie zugetraut.
„Das ist nämlich Olga, von der ich gerade sprach“, sagte Frau Mertens. „Aber wie war das nun mit Ihnen?“
„Sie haben doch ein Zimmer frei — haben wir jedenfalls gehört , sagte ich und stellte fest, dass sich die eigenartige Spannung auf dem Gesicht der Besucherin in ein verständnisvolles Lächeln verwandelte, „und da wollten wir fragen, ob Sie nicht ..."
„Ihr seid mir welche!“, rief Frau Mertens und stimmte in das Lachen Olgas ein, „aber eigentlich könnt ihr ja nichts dafür, dass ich euch für Olgas Volkshelfer hielt. Also das Zimmer wollt ihr …“
„Er“, sagte ich und deutete auf Peter, der inzwischen seinen Kuchenteller leer gegessen hatte und nickte.
Frau Mertens betrachtete Peter, und es wirkte so, als hätte sie seine Anwesenheit bisher noch gar nicht recht wahrgenommen und sei nun sehr erstaunt. „Ach, nur er“, sagte sie, wandte sich an Olga und fragte: „Was meinst du, soll ich ihm das Zimmer überlassen? Ich wäre dann wenigstens nicht mehr so allein.“
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel, in dem der Held seinen Vater bekommt, die Benzingase eines Autos schluckt und mit einem dauerhaften Erbe ausgestattet wird
2. Kapitel, in dem der Held vor einer Reise flieht, eine Papptafelaufschrift entziffert und an einem stillen Ort Tränen vergießt
3. Kapitel, in dem der Held zum Lebensunterhalt beiträgt, von Hundeschnappern überfallen wird und den Bürgermeister vor eine Entscheidung stellt
4. Kapitel, in dem der Held ein Geheimnis des Bürgermeisters entdeckt, von wütenden Hunden fast zerrissen wird und schließlich ein Mädchen mit Zöpfen kennenlernt
5. Kapitel, in dem der Held in Brückstedt ankommt, mit der Zopfliese und Peter einen Turm besteigt und Peters Streit mit dem Sekretär beiwohnt
6. Kapitel, in dem der Held von der Jugendgruppe einen Auftrag erhält, durch Peters Vermittlung in einen Schacht einfährt und einer Lernbewegung seinen Namen leiht
7. Kapitel, in dem der Held Fahnen in einem Keller verbirgt, von Peter aus dem Feuer geholt wird und am Krankenbett Besuche empfängt
8. Kapitel, in dem der Held mit Marianne einen Plan bespricht, in ein freundliches Balkonzimmer zieht und bei Biber kein Recht bekommt
9. Kapitel, in dem der Held bei einer Zimmersuche einen Trick anwendet, in Wolfshagen ein ernstes Gespräch mit dem Bürgermeister führt und über einen Ausspruch seines Freundes Peter nachdenken muss
10. Kapitel, in dem der Held mit Inge einen seltsamen Kinobesuch arrangiert, sich in einer ernsthaften Auseinandersetzung verteidigen muss und sich bei einem Jahrmarktbummel nicht umstimmen lässt
11. Kapitel, in dem der Held vorgibt, von seinem Charakter getrieben zu werden, in ein Geheimnis eingeweiht wird und am Rande der Baustelle auf einen Verbündeten trifft
12. Kapitel, in dem der Held mit Inge einen Einstieg durchs Fenster wagt, Grübel von einem gefährlichen Ort wegholt und durch Bibers Einfluss einen inneren Bergrutsch erlebt
13. Kapitel, in dem der Held ein Kästchen in der Hosentasche verbirgt, hört, dass Biber einmal ein kluger Kerl sein wollte und schließlich einem alten Freund in ein fremdes Haus folgt
Siegfried Maaß
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