
Als ein neues Lied begann, spürte Henrik jemand neben sich. Im Halbdunkel erkannte er ein Mädchen.
»Darf ich mal sehen?«, bat sie.
Innen hörte Henrik das Lied »Und die Gräser verneigen sich«, von dem Jan Jakwe gesprochen hatte. Der Junge kniete sich auf den Erdboden und hob die Zeltbahn ein Stück in die Höhe.
Es war, wie der Maurer es beschrieben hatte: Die Mädchen rührten sich kaum vom Fleck. Sie traten nur bedächtig von einem Bein auf das andere und bewegten ihre Oberkörper hin und her. Die meisten sangen mit.
Henrik erkannte, dass Martin der Sänger war. Hier sah er ganz anders aus als damals auf der Baustelle. Seine pechschwarzen Haare fielen ihm in die Stirn. Sein Blick ging über die Köpfe der Tanzenden hinweg. Zu seinen Füßen saßen einige Mädchen im Schneidersitz. Sie hatten ihre Knie umfasst und schaukelten vor und zurück oder von links nach rechts.
»Ich höre das Lied gern«, sagte das Mädchen neben Henrik. »Besonders von diesem Sänger.«
»Ich kenne ihn«, sagte Henrik Er stand auf und fasste an sein Knie, das sich feucht und klebrig anfühlte.
»Du kennst ihn?«, fragte das Mädchen.
Da fasste sie sich mit der Hand vor den Mund. »Bist du nicht?«
Auch Henrik erinnerte sich. Neben ihm stand das Mädchen, dem die Fahrradkette heruntergesprungen war.
»Ganz schön was los hier«, sagte Henrik.
»Ja. Schade, dass ich nicht her darf.«
»Du bist doch hier.«
»Nein, ich bin im Bett.«
Sie hob den Bund ihrer Trainingsjacke in die Höhe, und Henrik sah einen geblümten Schlafanzug.
»Dann gute Nacht«, sagte er.
Das Mädchen drehte sich um. »Schlaf schön«, sagte sie. »Ich heiße Anne. In der Klasse werde ich Anna genannt. Anne ist mir lieber. Aber du kannst mich auch Anna nennen.«
»Ich heiße Henrik«, sagte der Junge. »Ich werde immer Henrik genannt.«
Das Mädchen lief über eine angrenzende Wiese in die Dunkelheit davon. Die Lichterketten warfen farbige Flecken auf das Gras. Wenn Anne sie überquerte, sah Henrik sie wieder: mal rot, mal gelb oder blau, je nachdem, welches Licht sie traf.
Der Junge beobachtete noch eine Zeit lang die Lichtflecken auf der Wiese. Er wünschte sich, Anne käme noch einmal zurück und die farbigen Strahlen fingen sie für ihn ein.
Flammenvogel.
Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht der Hilfsschüler Henrik, der wegen seiner Geschicklichkeit und Hilfsbereitschaft überall geschätzt wird. Über seine Zugehörigkeit zur Hilfsschule hat er nie ernsthaft nachgedacht, bis er Anne kennenlernt.Henrik beginnt bewusster auf seine Umwelt zu reagieren. Die herablassenden Bemerkungen mancher Erwachsener kränken ihn tief. Anne soll nicht wissen, dass er in die Hilfsschule geht. Als sie ihn eines Tages nichts ahnend mit einer Bemerkung verletzt, zieht er sich zurück.Er sucht die Einsamkeit in der Natur, beobachtet den Rotmilan, den Flammenvogel, der am Himmel seine Kreise zieht. Doch auch dieser lebt nicht für sich allein.Dieses spannende Buch für Kinder ab 12 Jahre erschien erstmals 1984 in Der Kinderbuchverlag Berlin.
Beschreibung
Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht der Hilfsschüler Henrik, der wegen seiner Geschicklichkeit und Hilfsbereitschaft überall geschätzt wird. Über seine Zugehörigkeit zur Hilfsschule hat er nie ernsthaft nachgedacht, bis er Anne kennenlernt.
Henrik beginnt bewusster auf seine Umwelt zu reagieren. Die herablassenden Bemerkungen mancher Erwachsener kränken ihn tief. Anne soll nicht wissen, dass er in die Hilfsschule geht. Als sie ihn eines Tages nichts ahnend mit einer Bemerkung verletzt, zieht er sich zurück.
Er sucht die Einsamkeit in der Natur, beobachtet den Rotmilan, den Flammenvogel, der am Himmel seine Kreise zieht. Doch auch dieser lebt nicht für sich allein.
Dieses spannende Buch für Kinder ab 12 Jahre erschien erstmals 1984 in Der Kinderbuchverlag Berlin.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1984 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 30.07.2013 |
| Seiten | 154 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-238-0 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-241-0 |
| ASIN (Kindle) | B00WY2OX3M |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
MilanSonderschuleLernschwächeFreundschaftLiebeMusikGeschicklichkeitHenrikAnneRotmilanHilfsschuleEinsamkeitNaturbeobachtungLeseprobe
Als ein neues Lied begann, spürte Henrik jemand neben sich. Im Halbdunkel erkannte er ein Mädchen.
»Darf ich mal sehen?«, bat sie.
Innen hörte Henrik das Lied »Und die Gräser verneigen sich«, von dem Jan Jakwe gesprochen hatte. Der Junge kniete sich auf den Erdboden und hob die Zeltbahn ein Stück in die Höhe.
Es war, wie der Maurer es beschrieben hatte: Die Mädchen rührten sich kaum vom Fleck. Sie traten nur bedächtig von einem Bein auf das andere und bewegten ihre Oberkörper hin und her. Die meisten sangen mit.
Henrik erkannte, dass Martin der Sänger war. Hier sah er ganz anders aus als damals auf der Baustelle. Seine pechschwarzen Haare fielen ihm in die Stirn. Sein Blick ging über die Köpfe der Tanzenden hinweg. Zu seinen Füßen saßen einige Mädchen im Schneidersitz. Sie hatten ihre Knie umfasst und schaukelten vor und zurück oder von links nach rechts.
»Ich höre das Lied gern«, sagte das Mädchen neben Henrik. »Besonders von diesem Sänger.«
»Ich kenne ihn«, sagte Henrik Er stand auf und fasste an sein Knie, das sich feucht und klebrig anfühlte.
»Du kennst ihn?«, fragte das Mädchen.
Da fasste sie sich mit der Hand vor den Mund. »Bist du nicht?«
Auch Henrik erinnerte sich. Neben ihm stand das Mädchen, dem die Fahrradkette heruntergesprungen war.
»Ganz schön was los hier«, sagte Henrik.
»Ja. Schade, dass ich nicht her darf.«
»Du bist doch hier.«
»Nein, ich bin im Bett.«
Sie hob den Bund ihrer Trainingsjacke in die Höhe, und Henrik sah einen geblümten Schlafanzug.
»Dann gute Nacht«, sagte er.
Das Mädchen drehte sich um. »Schlaf schön«, sagte sie. »Ich heiße Anne. In der Klasse werde ich Anna genannt. Anne ist mir lieber. Aber du kannst mich auch Anna nennen.«
»Ich heiße Henrik«, sagte der Junge. »Ich werde immer Henrik genannt.«
Das Mädchen lief über eine angrenzende Wiese in die Dunkelheit davon. Die Lichterketten warfen farbige Flecken auf das Gras. Wenn Anne sie überquerte, sah Henrik sie wieder: mal rot, mal gelb oder blau, je nachdem, welches Licht sie traf.
Der Junge beobachtete noch eine Zeit lang die Lichtflecken auf der Wiese. Er wünschte sich, Anne käme noch einmal zurück und die farbigen Strahlen fingen sie für ihn ein.
Martin Meißner
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