
Wullwäwer nickte. "Ja. Diphtherie."
"Was nun?", fuhr Tressow dazwischen. "Die Bräune oder Diphtherie?"
"Das ist ein und dasselbe, Herr von Tressow. Und es steht ernst. Ich muss eine Tracheotomie machen, dass heißt, die Luftröhre öffnen."
"Schneiden? Sie wollen an meinem Kind herumschneiden?"
"Operieren", sagte Wullwäwer. Sophie-Margaret wand sich in einem erneuten Erstickungsanfall. Schutzsuchend sank sie ihrer Gouvernante in die Arme, drängte sich an sie, als versuchte sie, sich vor Wullwäwer zu verstecken.
Wullwäwer rückte den Tisch von der Wand, verlängerte durch Ausklappen die Platte, bedeckte sie mit einem Laken, das für solche Fälle bereit lag. Mit Hilfe der jungen Frau bettete er die nach Luft Ringende darauf. Rollte ein Handtuch zusammen, schob es unter ihren Nacken und beugte Sophies Kopf weit nach hinten.
Er rief in die Küche nach heißem Wasser, das die Mutter persönlich brachte. Warf Instrumente in Karbollösung. Metall klirrte gegen Porzellan. All diese Vorbereitungen dauerten dem besorgten von Tressow viel zu lange. Sophies Gesicht verfärbte sich bläulich. Und Wullwäwer begann sich die Hände zu schrubben.
"Mann! Sind Sie ein Waschbär! Wozu das Geplansche! Schneiden Sie doch! Sie ist schon wieder ohnmächtig."
"Dann brauch ich ihr keine Narkose zu geben", überlegte Wullwäwer. Ehe er nach dem Skalpell griff, schickte er von Tressow hinaus.
Widerstrebend und erleichtert zugleich verließ er den Raum. Die Gouvernante wollte ihm folgen.
"Sie bleiben!" Wullwäwer bat, der Kleinen die Bluse aufzuknöpfen und ihren Kopf zu halten.
Mit der Linken ertastete er den Kehlkopf seiner Patientin und eröffnete durch einen Einschnitt unterhalb des Ringknorpels die Haut. Zog mit einem Haken die Hautwunde auseinander und betupfte sie reichlich mit Karbollösung.
Die Gouvernante hätte sich am liebsten abgewandt, doch sie unterstützte ihn, als hätte sie es gelernt. Gebannt musste sie hinschauen, wie er weiter arbeitete, wie die Luftröhre sichtbar wurde, die er quer etwa einen Zentimeter durchschnitt. Luft zischte in Sophie-Margarets Lunge. Mit einer Pinzette entfernte Wullwäwer ein weißlich graues Häutchen, legte in den Spalt eine Kanüle, die er mit einem Band um den Hals des Mädchens befestigte. Allmählich kehrte das Bewusstsein der Kleinen zurück Schon versorgte Wullwäwer die Wunde und verband sie, beruhigend auf Sophie einsprechend, deren Körper sich mehr und mehr entspannte.
Die Gouvernante war sehr blass. Sie schluckte und hätte sich gern gesetzt. Aber der Doktor bot ihr keinen der beiden Stühle an. Außerdem schämte sie sich vor ihm, weil ihr die Knie zitterten. Scheinbar ungerührt wusch er sich wieder gründlich die Hände, den Blick auf die Kleine gerichtet. Dann bat er von Tressow wieder herein.
"Ist alles...?" Der Mann stürzte zum Tisch, beugte sich über sein Kind.
Sophie-Margaret atmete leicht. Sie streckte dem Vater die Arme entgegen.
Wullwäwer krempelte die Manschetten seiner Hemdärmel herunter. "Ihre Tochter kann jetzt nicht antworten, da die Atemluft nicht durch ihren Kehlkopf strömt, sondern durch dieses Röhrchen."
Herr von Tressow erschrak. Seine Tochter war stumm.
"Alle zwei Tage werde ich das Röhrchen wechseln. Der Schnitt heilt später rasch. Bis Pfingsten ist alles vergessen."
"Hoffentlich!" Von Tressow stemmte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, die unter seinem Gewicht knackte.
"Damit ich die Patientin beobachten und notfalls frisch verbinden kann, empfehle ich, das Fräulein mit ihr für die nächste Zeit nebenan im Hotel "Stadt Hamburg" einzumieten."
"Nein!", entschied von Tressow barsch. "Ich nehme mein Kind mit nach Hause. Johann wird hübsch langsam kutschieren. Hübsch vorsichtig. Kommen Sie Mademoiselle!"
Wider die kleinen Mörder.
Wir schreiben das Jahr 1869. März 1869. Ein junger, zweiundzwanzigjähriger Arzt beendet sein Medizinstudium in Greifswald. Allerdings ungern und erst etwas später, als es seine Mutter und der Bürgermeister seiner Heimatstadt wollen:Dennoch ertrotzte sich Jacob Robert Andreas Wullwäwer noch das chirurgische Examen. Obwohl Mutter schrieb, sein Vater hätte auch ohne Examen die Kranken behandelt. Überhaupt sei die Chirurgie ein unfeines Geschäft.Aber Jacob, ihr Sohn, tat, was er für notwendig hielt. Nahm sogar noch an einem Operations-Kursus teil. Das eigentlich, um sich nicht vom Labor und von der Universitätsbibliothek trennen zu müssen. Nur im Labor würde er den kleinen Mördern auf die Schliche kommen, glaubte er.Um welche kleinen Mörder geht es? Gemeint sind Bakterien, an die auch sein kurz zuvor angeblich an einer Blutvergiftung verstorbener Vater, ebenfalls Arzt, nicht geglaubt hatte: Nie hatte sich Dr. med. Robert Wullwäwer von seiner Uhr getrennt. Das kühle Metall zwischen …
Beschreibung
Wir schreiben das Jahr 1869. März 1869. Ein junger, zweiundzwanzigjähriger Arzt beendet sein Medizinstudium in Greifswald. Allerdings ungern und erst etwas später, als es seine Mutter und der Bürgermeister seiner Heimatstadt wollen:
Dennoch ertrotzte sich Jacob Robert Andreas Wullwäwer noch das chirurgische Examen. Obwohl Mutter schrieb, sein Vater hätte auch ohne Examen die Kranken behandelt. Überhaupt sei die Chirurgie ein unfeines Geschäft.
Aber Jacob, ihr Sohn, tat, was er für notwendig hielt. Nahm sogar noch an einem Operations-Kursus teil. Das eigentlich, um sich nicht vom Labor und von der Universitätsbibliothek trennen zu müssen. Nur im Labor würde er den kleinen Mördern auf die Schliche kommen, glaubte er.
Um welche kleinen Mörder geht es? Gemeint sind Bakterien, an die auch sein kurz zuvor angeblich an einer Blutvergiftung verstorbener Vater, ebenfalls Arzt, nicht geglaubt hatte:
Nie hatte sich Dr. med. Robert Wullwäwer von seiner Uhr getrennt. Das kühle Metall zwischen den Fingern spürend, begriff Jacob endgültig: Vater ist tot.
„Eine Blutvergiftung war's?“, fragte der Sohn.
„Wahrscheinlich.“
Die hätte er vermeiden können, dachte Jacob. Aber Vater glaubte nicht an Bakterien. „Ich hab noch keine gesehen“, pflegte er zu sagen. Das war die Wahrheit. Gesehen hatte auch Jacob sie noch nicht. Trotzdem war er überzeugt, dass sie existierten. Ebenso war Jacob davon überzeugt, dass seine beiden kleinen Schwestern von Bakterien umgebracht worden waren, wenn es auch hieß, sie seien an der Halsbräune gestorben. Erstickt. Zuerst Friederike. Drei Stunden später Katerina. Friederike im Alter von acht Jahren, drei Monaten und fünf Tagen. Katerina wurde nur sechs Jahre, einen Monat und sieben Tage alt.
Der junge Arzt, der seinen ersten Fall übernommen hatte, der ihm gleichsam vor die Postkutsche gelaufen war, noch bevor er überhaupt richtig zu Hause angekommen war, wollte am liebsten in einem Laboratorium mit dem Mikroskop herausfinden, ob es diese Bakterien wirklich gab und wie man sie am besten bekämpfen konnte. Und der arme Junge, den Wullwäwer ins Armenhospital eingewiesen hatte und dessen gebrochenes Bein er selbst behandelte, wurde zu einem Experiment in den Antworten auf eine medizinische Gretchenfrage: Wie hast du’s mit Bakterien?
Die Position des jungen Landarztes war umso schwieriger, da damals selbst große Mediziner die Existenz von Bakterien total ablehnten. Würde Dr. Jacob Robert Andreas Wullwäwer dem Jungen und der medizinischen Wissenschaft helfen können?
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1994 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 08.06.2012 |
| Seiten | 114 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-068-3 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-202-1 |
| ASIN (Kindle) | B00WWUC7UC |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
AntisepsisBakterienArztDiphtherieKrankenhausBeinbruchHygieneNarkoseMedizingeschichteTracheotomieGreifswaldLandarzt19. JahrhundertBrigitte BirnbaumWider die kleinen Mörderchirurgisches ExamenArmenhospitalLeseprobe
Wullwäwer nickte. "Ja. Diphtherie."
"Was nun?", fuhr Tressow dazwischen. "Die Bräune oder Diphtherie?"
"Das ist ein und dasselbe, Herr von Tressow. Und es steht ernst. Ich muss eine Tracheotomie machen, dass heißt, die Luftröhre öffnen."
"Schneiden? Sie wollen an meinem Kind herumschneiden?"
"Operieren", sagte Wullwäwer. Sophie-Margaret wand sich in einem erneuten Erstickungsanfall. Schutzsuchend sank sie ihrer Gouvernante in die Arme, drängte sich an sie, als versuchte sie, sich vor Wullwäwer zu verstecken.
Wullwäwer rückte den Tisch von der Wand, verlängerte durch Ausklappen die Platte, bedeckte sie mit einem Laken, das für solche Fälle bereit lag. Mit Hilfe der jungen Frau bettete er die nach Luft Ringende darauf. Rollte ein Handtuch zusammen, schob es unter ihren Nacken und beugte Sophies Kopf weit nach hinten.
Er rief in die Küche nach heißem Wasser, das die Mutter persönlich brachte. Warf Instrumente in Karbollösung. Metall klirrte gegen Porzellan. All diese Vorbereitungen dauerten dem besorgten von Tressow viel zu lange. Sophies Gesicht verfärbte sich bläulich. Und Wullwäwer begann sich die Hände zu schrubben.
"Mann! Sind Sie ein Waschbär! Wozu das Geplansche! Schneiden Sie doch! Sie ist schon wieder ohnmächtig."
"Dann brauch ich ihr keine Narkose zu geben", überlegte Wullwäwer. Ehe er nach dem Skalpell griff, schickte er von Tressow hinaus.
Widerstrebend und erleichtert zugleich verließ er den Raum. Die Gouvernante wollte ihm folgen.
"Sie bleiben!" Wullwäwer bat, der Kleinen die Bluse aufzuknöpfen und ihren Kopf zu halten.
Mit der Linken ertastete er den Kehlkopf seiner Patientin und eröffnete durch einen Einschnitt unterhalb des Ringknorpels die Haut. Zog mit einem Haken die Hautwunde auseinander und betupfte sie reichlich mit Karbollösung.
Die Gouvernante hätte sich am liebsten abgewandt, doch sie unterstützte ihn, als hätte sie es gelernt. Gebannt musste sie hinschauen, wie er weiter arbeitete, wie die Luftröhre sichtbar wurde, die er quer etwa einen Zentimeter durchschnitt. Luft zischte in Sophie-Margarets Lunge. Mit einer Pinzette entfernte Wullwäwer ein weißlich graues Häutchen, legte in den Spalt eine Kanüle, die er mit einem Band um den Hals des Mädchens befestigte. Allmählich kehrte das Bewusstsein der Kleinen zurück Schon versorgte Wullwäwer die Wunde und verband sie, beruhigend auf Sophie einsprechend, deren Körper sich mehr und mehr entspannte.
Die Gouvernante war sehr blass. Sie schluckte und hätte sich gern gesetzt. Aber der Doktor bot ihr keinen der beiden Stühle an. Außerdem schämte sie sich vor ihm, weil ihr die Knie zitterten. Scheinbar ungerührt wusch er sich wieder gründlich die Hände, den Blick auf die Kleine gerichtet. Dann bat er von Tressow wieder herein.
"Ist alles...?" Der Mann stürzte zum Tisch, beugte sich über sein Kind.
Sophie-Margaret atmete leicht. Sie streckte dem Vater die Arme entgegen.
Wullwäwer krempelte die Manschetten seiner Hemdärmel herunter. "Ihre Tochter kann jetzt nicht antworten, da die Atemluft nicht durch ihren Kehlkopf strömt, sondern durch dieses Röhrchen."
Herr von Tressow erschrak. Seine Tochter war stumm.
"Alle zwei Tage werde ich das Röhrchen wechseln. Der Schnitt heilt später rasch. Bis Pfingsten ist alles vergessen."
"Hoffentlich!" Von Tressow stemmte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, die unter seinem Gewicht knackte.
"Damit ich die Patientin beobachten und notfalls frisch verbinden kann, empfehle ich, das Fräulein mit ihr für die nächste Zeit nebenan im Hotel "Stadt Hamburg" einzumieten."
"Nein!", entschied von Tressow barsch. "Ich nehme mein Kind mit nach Hause. Johann wird hübsch langsam kutschieren. Hübsch vorsichtig. Kommen Sie Mademoiselle!"
Brigitte Birnbaum
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