
Abends vor der Tür
Hier und da und so auch in einem kleinen Städtchen im Thüringischen gilt noch der schöne Brauch, sich abends vor das Haus zu setzen, um mit den Nachbarsleuten ein gemütliches Plauderstündchen zu halten. Gewöhnlich wurde eine schlichte Holzbank an die Hauswand gestellt, und wo diese nicht ausreichte, hockte man sich einfach auf die Stufen vor der Tür. Die Kinder durften an solchen Abenden länger als gewöhnlich aufbleiben, wenn sie sich still verhielten und die Erwachsenen nicht in ihren bedächtigen oder erregten Gesprächen störten. Über was wurde da aber auch nicht alles geredet und getuschelt. Da hieß es, dass die Jungsche, die bei Kinzings immer die Wäsche wasche, mit dem alten Kinzing was habe; oder aber, dass der Getreidehändler aus der Unterstraße krumme Geschäfte mache, obwohl er Sozialdemokrat sein wolle. Besonders dicht wurden die Köpfe zusammengesteckt und besonders leise wurde gesprochen, wenn die Rede auf den Ältesten von Hofstetts, den Karl, kam, denn Karl war ein Illegaler.
Was das war, ein Illegaler, wussten die Kinder nicht. Sie machten sich deshalb aber nicht weniger Gedanken darum, denn den Karl kannten sie alle. Wenn überhaupt einer von den Großen bei den Kindern gut angeschrieben war, dann war es Karl. Er hatte ihnen gezeigt, wie man Rohrpfeifen oder eine Armbrust macht. Und wenn einmal die Papierdrachen nicht steigen wollten, weil die Schnüre nicht im richtigen Winkel geknüpft waren, dann brauchten sie bloß zu Karl zu gehen. Sie hatten nicht danach gefragt, woher er immer die Zeit nahm, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie wussten, dass er arbeitslos war; aber das waren andere auch. Und nun hieß es, der Karl Hofstett sei über Nacht verschwunden, weil sie ihn sonst verhaftet hätten. Die Nazis waren hinter ihm her, seitdem sie an der Macht waren, weil er einmal in einer Schlägerei einem der Ihren eine handfeste Tracht Prügel verabreicht hatte. So hieß es wenigstens. Was wirklich dahinter steckte, wusste keiner.
Aber nicht die Gespräche über Karl oder über den Getreidehändler waren es, die die Kinder am meisten interessierten. Mehr als alles andere fesselten sie die Gespenstergeschichten, die gewöhnlich erzählt wurden, wenn die Dunkelheit schon hereinbrach und der leichte Wind die Geräusche der Nacht aufweckte. Die Kinder kauerten sich auf den schmalen Haussims, immer bedacht, keinen Laut von sich zu geben, damit die Großen nicht an sie erinnert würden, und lauschten mit offenem Munde. Manchmal mussten sie aber auch lachen, denn die Gespenstergeschichten, die der alte Hunold erzählte, waren oft so schnurrig, dass man sich zu gruseln vergaß. Dagegen waren die Geschichten der alten Lunatsch so unheimlich, dass es einem heiß und kalt den Rücken herunterlief.
Die Lunatsch war überhaupt ein eigenartiger Mensch. Niemand wusste so recht, wovon sie eigentlich lebte. Ihr Mann war ihr schon vor Jahren davongelaufen. Eine rechte Arbeit hatte sie nie gehabt. Ab und zu ging sie auf die Dörfer und machte Näharbeiten. Und warum man sie die alte Lunatsch nannte, war erst recht rätselhaft, denn so alt war sie noch gar nicht. Damals hatte sie sicher noch keine fünfzig Jahre auf dem Buckel. Aber von Geistern und Gespenstern wusste sie auf eine Art zu erzählen, dass man alles andere vergaß. Dabei saß sie merkwürdig steif da, die Arme unbeweglich auf die Knie gestützt; nur ihre Augen und ihr Mund bewegten sich. Wenn es dann schon schummrig war und die Linien verschwammen, konnte man glauben, sie selber sei die Hexe, von der sie erzählte, oder das alte, vom Teufel besessene Weib, das ihr angeblich nachts auf einem Feldweg begegnet sei. Ihr Gesicht wurde in der Dunkelheit so fratzenhaft, dass es mit den Vorstellungen verschmolz, die ihre Erzählungen hervorriefen. Und wenn sich ihre Zuhörer dessen bewusst wurden, schauten sie sich gegenseitig an und wurden verlegen. Einmal aber nahm die Sache einen anderen Verlauf.
Die alte Lunatsch hatte wieder eine oder zwei von ihren grusligen Geschichten erzählt, steif und unbeweglich wie immer, nur ihre Augen waren geschwind von einem zum anderen gehuscht. Dann war sie für einen Augenblick verstummt, um schließlich mit einer anderen Geschichte herauszurücken. Und alle spürten sofort, dass es mit dieser Geschichte eine besondere Bewandtnis haben musste. Die Zunge der Alten war nicht so wendig wie sonst. Sie suchte nach Worten und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Erst kürzlich, so begann sie, sei ihr das passiert, was sie jetzt erzählen wolle. Sie wäre in Ammendorf gewesen, um bei der Witwe vom alten Bürgermeister zu nähen. Heimwärts hätte sie noch über Tannweiler gehen wollen, um schnell bei ihrer Schwägerin reinzugucken, weil die sich ein Bein gebrochen habe, beim Kirchgang komischerweise. Unterwegs sei sie von der Dunkelheit überrascht worden, und da wäre sie dann doch lieber gleich nach Hause gegangen. Sie hätte nun aber nicht mehr den üblichen Weg von Ammendorf genommen, denn da wäre sie schon drüberweggewesen, sondern sie sei den Feldweg, der am Grubenhölzchen vorbeiführt, entlanggegangen. Als sie nun den kleinen Abhang vor dem Grubenhölzchen hinabgegangen wäre, hätte sie plötzlich hinter sich Geräusche vernommen. Daraufhin sei sie schneller gegangen, denn seitdem die Kiesgrube, die sich mitten in dem kleinen Wäldchen befindet, nicht mehr genutzt werde, gehe es an dieser verlassenen Ecke nicht mit rechten Dingen zu, das wisse ja jedes Kind. Nun seien ihr gar Steine hinterhergeworfen worden. Im Weiterlaufen habe sie sich umgeguckt, es wäre aber niemand zu sehen gewesen. Und die Steine wären immer noch geflogen, obwohl sich auf dem kahlen Gelände doch niemand verbergen könne. Erst am Grubenhölzchen habe es aufgehört. Nach Hause gekommen, habe sie sich gleich hinlegen müssen, ihr sei ganz schlecht gewesen.
Statt des ansonsten wohligen Gruselns verbreitete sich eine spöttische Skepsis unter den Zuhörern. Dabei ahnten alle, dass die Erzählung der Lunatsch diesmal auf Wahrheit beruhte. Aber gerade darüber war man verstimmt. Es war eine Art von stiller Verabredung, dass die Lunatsch nur erfundene Geschichten erzählte. Und deshalb war auch nie einer auf den Gedanken gekommen, sie der Unwahrheit zu bezichtigen. Aber diesmal wollte man es wissen. Die alte Lunatsch hatte gegen die Verabredung verstoßen, und alle schienen es darauf anlegen zu wollen, sie der Schwindelei zu überführen. Ehe jedoch einer der Erwachsenen etwas sagen konnte, sprang der Jochen von Westermanns auf, ein sonst stiller Junge, der damals kaum zehn Jahre alt gewesen sein konnte. Mit funkelnden Augen rief er, dabei weniger gegen die alte Lunatsch als vielmehr gegen die Zuhörer gewandt, die ganze Geschichte sei erlogen, Geister und Gespenster gäbe es nicht, und das werde er beweisen.
Die Erwachsenen waren über diesen plötzlichen Ausbruch erschrocken. Sie erinnerten sich schnell, dass Kinder eigentlich gar nichts mehr hier zu suchen hatten, und jagten sie in die Betten. Damit schien die Sache ihr Ende gefunden zu haben, und am nächsten Morgen dachte schon keiner mehr daran. Auch nicht daran, dass Jochen etwas beweisen wollte.
Handbuch der Heiterkeit
Zweifellos war Eulenspiegel ein heiterer Mann. Von ihm und seinen Eulenspiegeleien reden die Leute noch immer. Daher ist es völlig logisch, dass Eulenspiegel ein Platz in einem Handbuch der Heiterkeit gebührt. Zu diesem Zweck hat Branstner sogar eine Kabarettoper geschrieben, die so beginnt:Die NarrenschaukelKabarettoper1. Bild. Die Narrheit lebt auf großem SchuhPersonenEulenspiegel, VolksmengeVolksmenge in historischen Trachten (aus der Zeit des historischen Eulenspiegels), dazu einige Spielleute oder Gaukler. Die Menge starrt in die Höhe und verfolgt in gleichförmiger Bewegung einen bestimmten, für den Zuschauer nicht sichtbaren Vorgang in der Luft und gibt staunende A- und O-Rufe von sich, die zu einem A-und-O-Chor werden. Da kommt ein großes Bündel Schuhe aus der Luft mitten in die Menge geflogen. Der Chor bricht ab, und die Menge stürzt sich auf die Schuhe:Meine Schuh, o der Schelm, wo sind meine Schuh.(Eine Rauferei beginnt)Hier sind sie, nein hier.Mir gehört der Schuh, nein …
Beschreibung
Zweifellos war Eulenspiegel ein heiterer Mann. Von ihm und seinen Eulenspiegeleien reden die Leute noch immer. Daher ist es völlig logisch, dass Eulenspiegel ein Platz in einem Handbuch der Heiterkeit gebührt. Zu diesem Zweck hat Branstner sogar eine Kabarettoper geschrieben, die so beginnt:
Die Narrenschaukel
Kabarettoper
1. Bild. Die Narrheit lebt auf großem Schuh
Personen
Eulenspiegel, Volksmenge
Volksmenge in historischen Trachten (aus der Zeit des historischen Eulenspiegels), dazu einige Spielleute oder Gaukler. Die Menge starrt in die Höhe und verfolgt in gleichförmiger Bewegung einen bestimmten, für den Zuschauer nicht sichtbaren Vorgang in der Luft und gibt staunende A- und O-Rufe von sich, die zu einem A-und-O-Chor werden. Da kommt ein großes Bündel Schuhe aus der Luft mitten in die Menge geflogen. Der Chor bricht ab, und die Menge stürzt sich auf die Schuhe:
Meine Schuh, o der Schelm, wo sind meine Schuh.
(Eine Rauferei beginnt)
Hier sind sie, nein hier.
Mir gehört der Schuh, nein mir.
Hier, nein hier. Mir, nein mir.
Her den Schuh!
Gib doch Ruh!
EIne einzelne Stimme: Heiliger Josef, wo sind meine Schuh!
Menge:
Großer Gott, welch Graus
Keiner find’t sein’ Schuh mehr raus.
Her den Schuh!
Gib doch Ruh!
Eulenspiegel kommt an einem Seil (oder auf andere Weise) auf die Mitte der Bühne gesprungen. Alle wenden sich ihm zu, verfolgen ihn. Er flüchtet auf einen erhabenen Punkt (Treppengeländer o. ä.)
Menge: Meine Schuh, o der Schelm, wo sind meine Schuh. Wo sind meine Schuh! Her den Schuh!
Eulenspiegel: Gebt doch Ruh!
Menge: Her den Schuh!
Eulenspiegel: Gebt doch Ruh! (flüchtet sich auf einen anderen erhabenen Punkt)
Menge: (folgt ihm)
Her den Schuh!
Eulenspiegel: Gebt doch Ruh!
Menge: Her den Schuh!
Eulenspiegel: Gebt doch Ruh
und hört mir endlich zu (Ruhe tritt ein)
Eulenspiegel: (wendet sich an die Zuschauer)
Was ihr hier seht,
Hat keine Wirklichkeit.
Nichts als ein heiterer Spuk
aus längst vergangner Zeit
Die Menge ist in geisterhafter Ruhe erstarrt. Eulenspiegel reißt sich die Eulenspiegelmaske ab
Fort ins Geisterreich! (Er scheucht die ganze Gesellschaft von der Bühne, sie schwebt geisterhaft davon)
Eulenspiegel hebt einen einzelnen Schuh auf, das einzige Stück Wirklichkeit, das der Spuk zurückgelassen hat. Er hält den Schuh zögernd in der Hand und blickt den Davonschwebenden sinnend nach. Mit dem Schuh in der Hand wendet sich Eulenspiegel wieder dem Publikum zu: Verehrtes Publikum!
Der Spuk ist zwar vertrieben,
doch ein Stück Narretei (Er betrachtet den Schuh)
ist uns bis heut verblieben.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1980 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 27.09.2022 |
| Seiten | 342 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-764-5 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-765-2 |
| ASIN (Kindle) | B0BGCS1BDZ |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
HumorHeiterkeitlachenKurzgeschichtenAphorismenLyrikSatireFabelnUtopieLügengeschichtenSprücheKomödieEulenspiegelKabarettoperAnekdotenGerhard BranstnerTheaterLiederGedichteDie NarrenschaukelMechanikus FränkiLeseprobe
Abends vor der Tür
Hier und da und so auch in einem kleinen Städtchen im Thüringischen gilt noch der schöne Brauch, sich abends vor das Haus zu setzen, um mit den Nachbarsleuten ein gemütliches Plauderstündchen zu halten. Gewöhnlich wurde eine schlichte Holzbank an die Hauswand gestellt, und wo diese nicht ausreichte, hockte man sich einfach auf die Stufen vor der Tür. Die Kinder durften an solchen Abenden länger als gewöhnlich aufbleiben, wenn sie sich still verhielten und die Erwachsenen nicht in ihren bedächtigen oder erregten Gesprächen störten. Über was wurde da aber auch nicht alles geredet und getuschelt. Da hieß es, dass die Jungsche, die bei Kinzings immer die Wäsche wasche, mit dem alten Kinzing was habe; oder aber, dass der Getreidehändler aus der Unterstraße krumme Geschäfte mache, obwohl er Sozialdemokrat sein wolle. Besonders dicht wurden die Köpfe zusammengesteckt und besonders leise wurde gesprochen, wenn die Rede auf den Ältesten von Hofstetts, den Karl, kam, denn Karl war ein Illegaler.
Was das war, ein Illegaler, wussten die Kinder nicht. Sie machten sich deshalb aber nicht weniger Gedanken darum, denn den Karl kannten sie alle. Wenn überhaupt einer von den Großen bei den Kindern gut angeschrieben war, dann war es Karl. Er hatte ihnen gezeigt, wie man Rohrpfeifen oder eine Armbrust macht. Und wenn einmal die Papierdrachen nicht steigen wollten, weil die Schnüre nicht im richtigen Winkel geknüpft waren, dann brauchten sie bloß zu Karl zu gehen. Sie hatten nicht danach gefragt, woher er immer die Zeit nahm, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie wussten, dass er arbeitslos war; aber das waren andere auch. Und nun hieß es, der Karl Hofstett sei über Nacht verschwunden, weil sie ihn sonst verhaftet hätten. Die Nazis waren hinter ihm her, seitdem sie an der Macht waren, weil er einmal in einer Schlägerei einem der Ihren eine handfeste Tracht Prügel verabreicht hatte. So hieß es wenigstens. Was wirklich dahinter steckte, wusste keiner.
Aber nicht die Gespräche über Karl oder über den Getreidehändler waren es, die die Kinder am meisten interessierten. Mehr als alles andere fesselten sie die Gespenstergeschichten, die gewöhnlich erzählt wurden, wenn die Dunkelheit schon hereinbrach und der leichte Wind die Geräusche der Nacht aufweckte. Die Kinder kauerten sich auf den schmalen Haussims, immer bedacht, keinen Laut von sich zu geben, damit die Großen nicht an sie erinnert würden, und lauschten mit offenem Munde. Manchmal mussten sie aber auch lachen, denn die Gespenstergeschichten, die der alte Hunold erzählte, waren oft so schnurrig, dass man sich zu gruseln vergaß. Dagegen waren die Geschichten der alten Lunatsch so unheimlich, dass es einem heiß und kalt den Rücken herunterlief.
Die Lunatsch war überhaupt ein eigenartiger Mensch. Niemand wusste so recht, wovon sie eigentlich lebte. Ihr Mann war ihr schon vor Jahren davongelaufen. Eine rechte Arbeit hatte sie nie gehabt. Ab und zu ging sie auf die Dörfer und machte Näharbeiten. Und warum man sie die alte Lunatsch nannte, war erst recht rätselhaft, denn so alt war sie noch gar nicht. Damals hatte sie sicher noch keine fünfzig Jahre auf dem Buckel. Aber von Geistern und Gespenstern wusste sie auf eine Art zu erzählen, dass man alles andere vergaß. Dabei saß sie merkwürdig steif da, die Arme unbeweglich auf die Knie gestützt; nur ihre Augen und ihr Mund bewegten sich. Wenn es dann schon schummrig war und die Linien verschwammen, konnte man glauben, sie selber sei die Hexe, von der sie erzählte, oder das alte, vom Teufel besessene Weib, das ihr angeblich nachts auf einem Feldweg begegnet sei. Ihr Gesicht wurde in der Dunkelheit so fratzenhaft, dass es mit den Vorstellungen verschmolz, die ihre Erzählungen hervorriefen. Und wenn sich ihre Zuhörer dessen bewusst wurden, schauten sie sich gegenseitig an und wurden verlegen. Einmal aber nahm die Sache einen anderen Verlauf.
Die alte Lunatsch hatte wieder eine oder zwei von ihren grusligen Geschichten erzählt, steif und unbeweglich wie immer, nur ihre Augen waren geschwind von einem zum anderen gehuscht. Dann war sie für einen Augenblick verstummt, um schließlich mit einer anderen Geschichte herauszurücken. Und alle spürten sofort, dass es mit dieser Geschichte eine besondere Bewandtnis haben musste. Die Zunge der Alten war nicht so wendig wie sonst. Sie suchte nach Worten und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Erst kürzlich, so begann sie, sei ihr das passiert, was sie jetzt erzählen wolle. Sie wäre in Ammendorf gewesen, um bei der Witwe vom alten Bürgermeister zu nähen. Heimwärts hätte sie noch über Tannweiler gehen wollen, um schnell bei ihrer Schwägerin reinzugucken, weil die sich ein Bein gebrochen habe, beim Kirchgang komischerweise. Unterwegs sei sie von der Dunkelheit überrascht worden, und da wäre sie dann doch lieber gleich nach Hause gegangen. Sie hätte nun aber nicht mehr den üblichen Weg von Ammendorf genommen, denn da wäre sie schon drüberweggewesen, sondern sie sei den Feldweg, der am Grubenhölzchen vorbeiführt, entlanggegangen. Als sie nun den kleinen Abhang vor dem Grubenhölzchen hinabgegangen wäre, hätte sie plötzlich hinter sich Geräusche vernommen. Daraufhin sei sie schneller gegangen, denn seitdem die Kiesgrube, die sich mitten in dem kleinen Wäldchen befindet, nicht mehr genutzt werde, gehe es an dieser verlassenen Ecke nicht mit rechten Dingen zu, das wisse ja jedes Kind. Nun seien ihr gar Steine hinterhergeworfen worden. Im Weiterlaufen habe sie sich umgeguckt, es wäre aber niemand zu sehen gewesen. Und die Steine wären immer noch geflogen, obwohl sich auf dem kahlen Gelände doch niemand verbergen könne. Erst am Grubenhölzchen habe es aufgehört. Nach Hause gekommen, habe sie sich gleich hinlegen müssen, ihr sei ganz schlecht gewesen.
Statt des ansonsten wohligen Gruselns verbreitete sich eine spöttische Skepsis unter den Zuhörern. Dabei ahnten alle, dass die Erzählung der Lunatsch diesmal auf Wahrheit beruhte. Aber gerade darüber war man verstimmt. Es war eine Art von stiller Verabredung, dass die Lunatsch nur erfundene Geschichten erzählte. Und deshalb war auch nie einer auf den Gedanken gekommen, sie der Unwahrheit zu bezichtigen. Aber diesmal wollte man es wissen. Die alte Lunatsch hatte gegen die Verabredung verstoßen, und alle schienen es darauf anlegen zu wollen, sie der Schwindelei zu überführen. Ehe jedoch einer der Erwachsenen etwas sagen konnte, sprang der Jochen von Westermanns auf, ein sonst stiller Junge, der damals kaum zehn Jahre alt gewesen sein konnte. Mit funkelnden Augen rief er, dabei weniger gegen die alte Lunatsch als vielmehr gegen die Zuhörer gewandt, die ganze Geschichte sei erlogen, Geister und Gespenster gäbe es nicht, und das werde er beweisen.
Die Erwachsenen waren über diesen plötzlichen Ausbruch erschrocken. Sie erinnerten sich schnell, dass Kinder eigentlich gar nichts mehr hier zu suchen hatten, und jagten sie in die Betten. Damit schien die Sache ihr Ende gefunden zu haben, und am nächsten Morgen dachte schon keiner mehr daran. Auch nicht daran, dass Jochen etwas beweisen wollte.
Inhaltsverzeichnis
1 Anekdoten
Anekdoten, nach dem Orientalischen geschrieben
Wenn die Frau zu lange kein Fleisch bekommt
Der außerordentliche Fall
Der wundertätige Schelm
Das vollkommene Verbrechen
Die doppelte Lehre
Die Antwort des Verrückten
Die Liste für alle Fälle
Ein Hühnerdieb rettet einen Brunnenbauer
Die Geduldsprobe
Der kostspielige Hofstaat
Wenn ein König danebenschießt
Die Kunst, zur rechten Zeit verrückt zu sein
Womit der Würdenträger nicht gerechnet hatte
Die Pille der Unsterblichkeit
Das alte Lied
Der Unglücksmensch
Der schlagende Witz
Der allzu bescheidene Dieb
Der nicht zu fromme Pilgrim
Neulichkeiten
Von einem Manne, der sich zu Tode lachte, nachdem er sein Testament gemacht hatte
Wie zwei miteinander ein Geschäft machen wollten, und warum es fast nicht zustande kam
Wie Onkel Fritz den Teufel in der Flasche erschlug, und wie es dazu kam
Von der großen Vergesslichkeit eines Mannes und von der verhängnisvollen Art, wie er sich von ihr befreit hat
Ein Flickschneider wollte seine Liebe flüstern – und warum er keine Gelegenheit dazu fand
Ein Traum ohne Ende, und weshalb es fehlte
Von einem Manne, der nicht vom Frühstückstisch aufstand, ohne seine Kaffeetasse zu zerschmettern
Wie einer für andere einen Dank entgegennimmt, ohne etwas gegeben zu haben
Von einem sicheren Mittel, dem Tragischen zu begegnen
Wie ein Gebrauchtwarenhändler die Kundschaft schröpfte, indem er einen Humanisten darstellte
Wie zwei sich ausmachten, dass einer von ihnen einen Sparren haben solle, und der Förster hat es geglaubt
Wie einem Dieb seine Gutmütigkeit schlecht ausschlug
Von zwei Schneidermeistern, die wie Hund und Katze umeinander herumgingen, und wie sie sich vertragen lernten
Von der Dummheit, die dem Sozialismus ein Schnippchen zu schlagen gedachte
Eine Geschichte, in der die Sorge um den Inhalt 500 Mark weniger wert ist
Wie ein berühmter Mann von einem unberühmten Manne besucht wurde, und was der unberühmte davon zu berichten wusste
Der Mann, der seine Ruhe verborgte
Der ungezogene Dichter – und wie er artig wurde
Von einer Prüfung, nach welcher der Prüfer am Ende seiner Kraft war
Von einem Schreiner, mit dem keiner Schach spielen wollte – und wie er sich zu helfen wusste
Wie eine Straßenbahn einen Schwanz bekam und wie sich verschiedene Leute dazu verhielten
Utopische Anekdoten um den erfindungsreichen Mechanikus Fränki und seinen ihm anhängenden Freund Joschka
Der sprechende Hut
Das entblätterte Buch
Die idiotensichere Erfindung
Die halbe Unsterblichkeit
Der Behelfsmensch
Nichts ist vollkommen
Schattenspiele
Der Umkehrspray
Der Schüttelkrimi
Ohne Kontakt kein Takt
Die Zeitkrankheit
Der ehrenvolle Empfang
Die absonderliche Sprachpflege
Die umgekehrte Utopie
Die Macht der kleinen Reibungen
Des Lebens Überfluss
Was braucht der Mensch?
2 Stücke
Die Narrenschaukel
1. Bild. Die Narrheit lebt auf großem Schuh
2. Bild: Die Hast ist eine Zeitkrankheit
3. Bild: Die allzu große Sparsamkeit
4. Bild: Das Missverstehn
5. Bild: Der Plan ist meine Welt – und sonst gar nichts
6. Bild: Was es alles nicht gibt
7. Bild: O diese Männer
8. Bild: Der Sängerkrieg
9. Bild: Die Schild-Bürger
10. Bild: Die Weisheit ist nichts nutze, wenn sie nicht Narren bläut
Die Weisheit im Kruge
3 Nepomuk‘s
Die dritte Seite
Später Genuss
Gefährdete Helden
Die Feststellung
Die Zeitfrage
Was soll’s?
Die förmliche Nachfrage
Konferenzschaltung
Die Konsequenz
Wissenschaftliches Theater
Autorenschicksal
Nutzen der Kunst
Vom Wert der Kunst
Der rettende Beweis
Logik
Optimismus
Vom Nutzen der Theorie
Der Vorzug der Literatur
Die unmoralische Tugend
Das Kind im Manne
Eine spezielle Relativitätstheorie
Welthumor
Der Knalleffekt
4 Aus Romanen
Die Reise zum Stern der Beschwingten
Wie viel Möglichkeiten hat die Unendlichkeit?
Das Palaver der Vogelmenschen
Plebejade oder Die wundersamen Verrichtungen eines Riesen
18. Kapitel
5 Aphorismen
6 Lieder und Gedichte
Elegie auf den Biss eines tollen Hundes
Ballade vom lachenden Affen
Schnakenballade
Titel: Wem die Jacke passt – ist selbst ein Schwein
Ballade vom kleinen Arschkriecher
Treu und Glauben
Moritat von den schwarzen und den grauen Haaren
Der arme Mann
Des Jägers Wunderhorn
Der Gefoppte
Es ist ein eigen Ding
Die Liebe und die Weltrevolution
7 Kurzgeschichten
Abends vor der Tür
Die tückische Witwe
8 Sprüche
9 Utopische Lügengeschichten
Der Narr im Waisenhaus
Der eiserne Schildknappe
Der durchgebrannte Nothelfer
10 Fabeln
Der Pfennig prahlt mit großer Goschen: Ich bin so rund als wie ein Groschen
Nimmst du die Folge für den Grund, bringst du die Logik auf den Hund
Gegensätze ziehen sich nicht an, es sei denn, an dem einen ist vom andern etwas dran
Machst du den Gegner zum Gespenst, dann ist er das, was du nicht kennst
Ein großes Tier macht auch viel Mist, was aber kein Kriterium ist
Freiheit auf Befehl ist Kuchen ohne Mehl
Wer keine Meinung hat, hat häufig zwei parat
Verschluckter Ärger quält nur stärker
Wird die Sache zum Selbstzweck, komm’n die Personen schlecht weg
Wird ein Wort aus Angst vermieden, braucht’s kein Gesetz, es zu verbieten
Rede nicht von Sonnenschein, regnet es zum Fenster rein
Hast du was verkehrt gemacht, gib es zu, bevor man lacht
Probleme verstecken heißt Probleme hecken
Wer sich ums Gemeinwohl drückt, muss sich nicht wundern, wenn’s nicht rückt
Der Eitle irrt sich gar nicht gern: und wenn, dann – bitte schön – intern
Selbstlob hemmt den Schritt, da komm’n die Fehler mit
Auch hohe Tiere müssen mal aufs Örtchen, nur tun sie oft, als schissen sie ein Törtchen
Von wem was kommt, ist nichtig: Dass was kommt, ist wichtig
Wer schreit, bringt’s weit
11 Das Gesetz des Menschen oder Die Natur der Kunst
Kunst – Wirklichkeit
Natur – Gesellschaft – Kunst
Moral – Kunst
Lebenskunst
Heiterkeit – Kunst
Kunst – Technik der Kunst
Naturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft – Kunst
12 Nachbemerkung
Heiter verstellt – als Brotverkäufer
Gerhard Branstner
Weitere Bücher von Gerhard Branstner
Liebengrün. Ein Schutzengel sagt aus - Autobiografie
Der Sternenkavalier. oder Die Irrfahrten des ein wenig verstiegenen Großmeisters der galaktischen Wissenschaften Eto Schik und seines treuen Gefährten As Nap
Plebejade oder die wundersamen Verrichtungen eines Riesen. Eine kreuz und quer wahrhaftige und ungelogen sehr frei in der Art des Francois Rabelais verfasste Historie
Das Verhängnis der Müllerstochter. Sänge und Reime. Aus etlichen Jahrhunderten deutscher Volksdichtung ausgebuddelt und fürwitzig zurechtgemacht oder füglich neu erdacht
Der Esel als Amtmann oder Das Tier ist auch nur ein Mensch. Fabeln
Der Himmel fällt aus den Wolken. Heitere Spiele dargestellt als eingebildete Aufführungen und wohlmeinend glossiert von zwei nicht minder eingebildeten HerrenÄhnliche Bücher
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Der Himmel fällt aus den Wolken. Heitere Spiele dargestellt als eingebildete Aufführungen und wohlmeinend glossiert von zwei nicht minder eingebildeten Herren
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Petermännchen und das verborgene Glück. Das rostige Schwert – Eine rostige Armspange als Lohn
Schwerwiegendes, Gewichtiges, Unwichtiges, Ernst und Spaß, für jeden was
Räuber - Hexe - Monster - Teufel. Geschichten für alt und jung