
Gerechter Lohn für schöne Worte*
Ein Dichter hatte auf einen Würdenträger ein überschwängliches Loblied gemacht. Darauf sagte der Würdenträger zu dem Dichter: „Komm morgen zu mir, und ich will dir ein reiches Geschenk machen.“
Am nächsten Tage kam der Dichter schon bei Morgengrauen und wollte das Geschenk abholen. Der Würdenträger aber sagte: „Du hast ein Gedicht geschrieben, das nicht der Wahrheit entspricht, und ich habe ein Versprechen gegeben, das nicht der Wahrheit entspricht. Somit haben wir uns gegenseitig mit schönen Worten erfreut und sind quitt. Was willst du jetzt noch?“
Also: Nicht immer und an allen Orten
gewinnt die Kunst mit schönen Worten
Vom Nutzen der Gleichnisse*
„Weshalb sprichst du immer in Gleichnissen?“, fragte ein Mann seinen Freund. „Die Leute halten dich deshalb für hochmütig und machen sich über dich lustig. Es ist mir allmählich peinlich, dein Freund zu sein.“
„Du gleichst einem Papagei“, erwiderte der Freund und ging seiner Wege.
Der andere lief ihm wütend hinterher. „Wie kannst du mich so beleidigen!“, rief er und bedrohte den Freund mit Schlägen.
„Weshalb bist du so wütend?“, fragte dieser. „Hast du denn überhaupt verstanden, was ich mit dem Gleichnis sagen wollte?“
„Aber das versteht doch jedes Kind“, erwiderte der Gefragte ärgerlich. „Du wolltest damit sagen, dass ich gedankenlos nachplappere, was andere reden; dass ich keine eigene Meinung habe; dass ich leere Worte von mir gebe, ohne zu wissen, was sie bedeuten; dass ich …“
„Siehst du“, unterbrach ihn sein Freund, „wie viele Worte du brauchst, um das zu sagen, was ich mit einem Wort gesagt habe? Eben deshalb spreche ich in Gleichnissen, und jeder kann sie verstehen. Sie sind das Bekannte, durch das wir uns das Unbekannte verständlich machen, indem wir dieses mit jenem vergleichen.“
„Du hast recht“, gestand der andere, „und ich bin stolz darauf, dein Freund zu sein.“
Also: Im Gleichnis liegt verkürzt,
was eine Rede würzt
Belohnung eines schwierigen Talentes*
Ein Derwisch behauptete, mit der Spitze einer Nadel über drei Schritte Entfernung hinweg in das Öhr einer anderen Nadel treffen zu können.
Der König ließ den Mann rufen und forderte ihn auf, seine Kunst vor dem versammelten Hofe zu beweisen. Der Derwisch gehorchte dem Befehl, legte eine Nadel auf den Boden, trat drei Schritte zurück und warf eine andere Nadel mit der Spitze in das Öhr der am Boden liegenden.
Die Hofleute bekundeten ihr Erstaunen, der König aber befahl den Schatzmeister und einen Prügelknecht zu sich und sagte: „Gebt ihm dreißig Silberstücke und dreißig Stockschläge!“
Die Hofleute bekundeten abermals ihr Erstaunen und wussten nicht, wie dieser Widerspruch zu verstehen sei. Da erklärte der König: „Ein Talent soll man belohnen, seine nutzlose Verwendung aber bestrafen.“
Also: ist ein Talent nicht einfach,
so nimm es eben zweifach.
Das alte Lied*
Ein neu eingesetzter Beamter gab für die Würdenträger seines Amtsbereiches ein Fest. Zur Unterhaltung der Gäste trat auch ein Sänger auf, der sich wie folgt vernehmen ließ: „Fort mit dem Alten, herein mit dem Neuen; fort mit dem Unglücksstern, herein mit dem Glücksstern!“
Der Beamte fühlte sich über die Maßen geschmeichelt. „Das ist ein schönes Lied“, meinte er, „es hat mir sehr gefallen.“ „Das war auch die Meinung Eures Vorgängers“, sagte der Sänger stolz.
„Wie!“, rief der Beamte, „singst du dieses Lied jedes Mal bei Ankunft eines neuen Beamten?“
„Es ist das einzige Lied, das ich kenne“, sagte der Sänger.
Also: Das Lob im Allgemeinen
passt immer, will es scheinen
Ein Hühnerdieb rettet einen Brunnenbauer*
Am Rande einer Landstraße, die das Dorf mit der Stadt verband, wurde auf halber Strecke ein Brunnen gebaut. Die Leute freuten sich darüber und lobten den Brunnenbauer, denn bisher konnte man auf diesem Wege keinen Tropfen Wasser bekommen, um seinen Durst zu löschen. Nur wenige Tage danach fiel des Nachts ein Mann in den Brunnen und ertrank. Da schimpften die Leute auf den, der an dieser Stelle einen Brunnen angelegt hatte und forderten seine Bestrafung.
Als sich aber herausstellte, dass der in den Brunnen gefallene Mann ein seit langem vergeblich gesuchter Hühnerdieb war, da lachten die Leute und brachten dem Brunnenbauer einen Korb Eier.
Also: Verschmähe Lob und Tadel nicht,
doch wisse stets: sie ändern sich.
Das unbedachte Lob*
„Meine Schilde sind so fest, dass nichts sie durchbohren kann“, rief ein Händler, der Schilde und Speere auf dem Markt feilbot, „und meine Speere sind so spitz, dass sie alles durchstechen können!“
Da fragt ihn jemand: „Und was geschieht, wenn einer deiner Speere auf einen deiner Schilde trifft?“
Also: Du magst es drehn und wenden –
das höchste Lob kann man nur einem spenden.
Der Mond über der großen Stadt*
Nachdem ein junger Bursche das erste Mal in der Hauptstadt des Landes gewesen war, erzählte er den Leuten seines Heimatdorfes die wunderbarsten Dinge.
„In der Hauptstadt“, sagte er, „sind die Häuser viel schöner und die Straßen viel breiter und die Schulen viel höher und die Schüler viel klüger. Und die Frauen haben mehr Gefühl und die Männer mehr Verstand; und schon die kleinen Kinder sind dort gescheiter als bei uns ein Erwachsener.“
So ging das den ganzen Tag, und allmählich wurde dieses Gerede den Leuten im Dorf lästig. Aber der Bursche wusste immer neue Herrlichkeiten zu berichten.
„In der Hauptstadt ist der Mond viel größer als bei uns“, sagte er eines Tages.
Da wurde es seinem Vater zu viel, und er gab dem Schwätzer eine gewaltige Ohrfeige.
„Und die Ohrfeigen“, sagte der unbeirrt, „sind in der Hauptstadt viel kräftiger als bei uns.“
Also: Das Großmaul
ist selten faul
Die größten Zeiten sind mit den kleinlichsten Ärgernissen verbunden. Das kommt daher, dass die große Ordnung der kleinen vorangeht.
Geschichte ist das, was sich die Menschen nicht aussuchen können, sowenig sich die Geschichte die Menschen aussuchen kann, von denen sie gemacht wird. Daher kann man die Zukunft nicht nach der gegebenen Beschaffenheit derer beurteilen, die sie vollbringen werden. Die Geschichte hebt ihre Vollbringer auf das Niveau ihrer Taten. Darin besteht ihre Dankbarkeit.
Rote werden diejenigen genannt, die sich an den Faden der Geschichte halten.
Zum ersten Mal seit ihrer Existenz ist die Menschheit in der wunderbaren Lage, ihre Gegenwart angesichts eines deutlichen Bildes von der Zukunft aufzubauen. Daher erhält aber unser heutiges Werk die Weihe des Zukünftigen, des über unsere Zeit Hinausweisenden; oder umgekehrt; wir holen die Zukunft bereits in unser jetziges Leben herein, und wir können in einem völlig neuen Sinne ausrufen: Bereichert euch! Denn die Zukunft ist unendlich reich, und sie wird nicht ärmer, wenn wir ihr etwas vorwegnehmen.
Die Exkremente einer neuen Gesellschaftsordnung sind die Merkmale der alten.
Leider gibt es keine Scheuerfrauen der Geschichte, auch keine Müllabfuhr. Der ganze Dreck muss verarbeitet werden.
In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs wird unvermeidlich die Dummheit aufgerührt und bloßgestellt, weil dem schöpferischen Denken entgegengestellt. Daraus entspringt immer wieder die Auffassung, dass es noch nie so viel Dummheit gegeben habe wie gerade heute, obwohl diese optische Täuschung einen Zuwachs an aufrührender Klugheit zur Voraussetzung hat.
Das höchste Vergnügen ist das Vergnügen, Zeitgenosse zu sein. Es setzt allerdings voraus, dass uns diese Zeit im Sinne des Wortes gegenwärtig ist.
Manche fragen, ob es nicht eintönig sei, nur eine Weltanschauung, nämlich die marxistische, zu besitzen. Bezeichnenderweise wird diese Frage nur von denen gestellt, die sie nicht besitzen.
Die marxistische Philosophie ist die erste Wissenschaft, die das volle Bewusstsein ihrer selbst besitzt. Das ist aber identisch mit der Selbsterkenntnis des Menschen, denn die Souveränität der Philosophie ist die geistige Souveränität des Menschen.
Die logische Konsequenz
Nepomuk hörte sich einen Vortrag an. Als der Redner am Ende Beifall klatschte, verbeugte sich Nepomuk höflich.
Das Glück des Tüchtigen
Nepomuk war bei einem Verkehrsunfall zu Schaden gekommen. Als man ihm sagte, dass er von Glück reden könne, noch mit dem Leben davongekommen zu sein, wehrte er bescheiden ob.
Naive und sentimentalische Dichtung
„Ein Genie zu sein“, äußerte Nepomuk einmal, „ist keine Kunst. Wir übrigen dagegen, die wir so tun, als ob wir welche wären, müssen wirklichen Verstand aufbringen.“
In Deutschland (und nicht nur in Deutschland) werden Feiertage etc. gewöhnlich am Vorabend begangen, während der Feiertag selbst öde und leer ausgeht. Dieses Bestreben, es schon hinter sich gebracht und nichts mehr vor sich zu haben, ist ein Zeichen mangelnder Lebensart.
Die bloße Heiterkeit wird oft der Oberflächlichkeit geziehn.
Der ernsten Oberflächlichkeit jedoch ist sie weit vorzuziehn.
Der arme Mann
Ihm starb das Weib und auch die Kuh,
da war er übel dran.
Die Nachbarn boten als Ersatz
ihm ihre Töchter an.
Er fand vor Weibern keine Ruh,
man wollt’ ihm zehne schenken.
Doch keiner schenkt’ ihm eine Kuh –
das gab ihm viel zu denken.
Der Narrenspiegel. Aber auch Das Buch der sieben Künste
Gleich sieben Künsten widmet sich der Autor in diesem Buch, worin die erste jene die Kunst zu lachen ist. Auch dort kommt Branstner bald auf sein eigentliches Thema zu sprechen – auf die Kunst zu leben, also auf die Lebenskunst, wie er am Beispiel einer anderen Kunst erläutert:Eine LebenskunstEin Mann verwendete die beste Zeit seines Lebens darauf, die Kunst des Drachentötens zu erlernen; und er hatte sein ganzes Vermögen dafür hingegeben.Einen Drachen aber bekam er niemals zu Gesicht.Also: Kunst und Leben treffen sichmitunter nur gelegentlichAuch in diesem ersten Kunst-Kapitel finden sich einige seiner Nepomuk-Anekdoten wie die beiden folgenden:LogikNepomuk sollte nach B. fahren. Er erkundigte sich auch alsbald nach einem passenden Zug, schob jedoch die Reise immer wieder hinaus. Als aber auf der Strecke nach B. ein Zugunglück geschah, sagte er: „So, jetzt haben wir das Unglück hinter uns, und ich kann beruhigt fahren.“CharakterNepomuk hatte etwas …
Beschreibung
Gleich sieben Künsten widmet sich der Autor in diesem Buch, worin die erste jene die Kunst zu lachen ist. Auch dort kommt Branstner bald auf sein eigentliches Thema zu sprechen – auf die Kunst zu leben, also auf die Lebenskunst, wie er am Beispiel einer anderen Kunst erläutert:
Eine Lebenskunst
Ein Mann verwendete die beste Zeit seines Lebens darauf, die Kunst des Drachentötens zu erlernen; und er hatte sein ganzes Vermögen dafür hingegeben.
Einen Drachen aber bekam er niemals zu Gesicht.
Also: Kunst und Leben treffen sich
mitunter nur gelegentlich
Auch in diesem ersten Kunst-Kapitel finden sich einige seiner Nepomuk-Anekdoten wie die beiden folgenden:
Logik
Nepomuk sollte nach B. fahren. Er erkundigte sich auch alsbald nach einem passenden Zug, schob jedoch die Reise immer wieder hinaus. Als aber auf der Strecke nach B. ein Zugunglück geschah, sagte er: „So, jetzt haben wir das Unglück hinter uns, und ich kann beruhigt fahren.“
Charakter
Nepomuk hatte etwas außerhalb der Stadt, gut zwei Wegstunden von seiner Wohnung entfernt, ein Gartengrundstück erworben und stellte, noch bevor der Zaun errichtet war, eine Gartentür auf und versah sie mit einem sicheren Schloss. Eines Tages, vor der Tür stehend, musste er feststellen, dass er den Schlüssel vergessen hatte. Ohne Zögern kehrte er um, den Schlüssel zu holen.
„Es hätte ein schlechtes Beispiel gemacht“, erklärte er, „wenn ich mein Eigentum neben der Tür betreten hätte.“
Und da haben wir einen guten Eindruck von der hintergründigen Sicht des Autors auf zwei der von ihm behandelten Künste.
Auch die anderen fünf Künste behandelt Gerhard Branstner auf ähnliche Weise. Greifen wir als Beispiel und Einladung zum Selber-Lesen und Mit-Denken nur die Kunst zu lästern heraus. Was würde man erwarten?
Auch hier präsentiert Branstner einige Nepomuk-Anekdoten:
Das kleine Einmaleins
Als es auf einen Menschen zu sprechen kam, der zum Klassengegner übergelaufen war, meinte Nepomuk: „Ein Sozialist, der im Kampf gegen den Kapitalismus versagt, ist wie ein Mathematiklehrer, der sich beim Korrigieren von Rechenaufgaben zu den Fehlern bekehrt.“
Gegen Spontaneität
Nepomuk stand gewöhnlich morgens auf und legte sich gewöhnlich abends zu Bett. Die Selbstverständlichkeit, mit der er das tat, verdross ihn. Er beschloss, es fortan bewusst zu tun.
Berufsverkehr
In einem Gespräch wurde die Ansicht geäußert, dass der Besitzer eines Autos mehr von der Welt zu sehen bekomme als ein Benutzer der volkstümlichen Verkehrsmittel.
„Von welcher Welt?“, fragte Nepomuk.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1971 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 05.09.2022 |
| Seiten | 238 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-750-8 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-751-5 |
| ASIN (Kindle) | B0BCS71JTF |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
HumorHeiterkeitlachenKurzgeschichtenAphorismenliebenleidenlästernlobenlernenlebenSatireAnekdotenLebenskunstNepomukKunstGesellschaftskritikIronieLeseprobe
Gerechter Lohn für schöne Worte*
Ein Dichter hatte auf einen Würdenträger ein überschwängliches Loblied gemacht. Darauf sagte der Würdenträger zu dem Dichter: „Komm morgen zu mir, und ich will dir ein reiches Geschenk machen.“
Am nächsten Tage kam der Dichter schon bei Morgengrauen und wollte das Geschenk abholen. Der Würdenträger aber sagte: „Du hast ein Gedicht geschrieben, das nicht der Wahrheit entspricht, und ich habe ein Versprechen gegeben, das nicht der Wahrheit entspricht. Somit haben wir uns gegenseitig mit schönen Worten erfreut und sind quitt. Was willst du jetzt noch?“
Also: Nicht immer und an allen Orten
gewinnt die Kunst mit schönen Worten
Vom Nutzen der Gleichnisse*
„Weshalb sprichst du immer in Gleichnissen?“, fragte ein Mann seinen Freund. „Die Leute halten dich deshalb für hochmütig und machen sich über dich lustig. Es ist mir allmählich peinlich, dein Freund zu sein.“
„Du gleichst einem Papagei“, erwiderte der Freund und ging seiner Wege.
Der andere lief ihm wütend hinterher. „Wie kannst du mich so beleidigen!“, rief er und bedrohte den Freund mit Schlägen.
„Weshalb bist du so wütend?“, fragte dieser. „Hast du denn überhaupt verstanden, was ich mit dem Gleichnis sagen wollte?“
„Aber das versteht doch jedes Kind“, erwiderte der Gefragte ärgerlich. „Du wolltest damit sagen, dass ich gedankenlos nachplappere, was andere reden; dass ich keine eigene Meinung habe; dass ich leere Worte von mir gebe, ohne zu wissen, was sie bedeuten; dass ich …“
„Siehst du“, unterbrach ihn sein Freund, „wie viele Worte du brauchst, um das zu sagen, was ich mit einem Wort gesagt habe? Eben deshalb spreche ich in Gleichnissen, und jeder kann sie verstehen. Sie sind das Bekannte, durch das wir uns das Unbekannte verständlich machen, indem wir dieses mit jenem vergleichen.“
„Du hast recht“, gestand der andere, „und ich bin stolz darauf, dein Freund zu sein.“
Also: Im Gleichnis liegt verkürzt,
was eine Rede würzt
Belohnung eines schwierigen Talentes*
Ein Derwisch behauptete, mit der Spitze einer Nadel über drei Schritte Entfernung hinweg in das Öhr einer anderen Nadel treffen zu können.
Der König ließ den Mann rufen und forderte ihn auf, seine Kunst vor dem versammelten Hofe zu beweisen. Der Derwisch gehorchte dem Befehl, legte eine Nadel auf den Boden, trat drei Schritte zurück und warf eine andere Nadel mit der Spitze in das Öhr der am Boden liegenden.
Die Hofleute bekundeten ihr Erstaunen, der König aber befahl den Schatzmeister und einen Prügelknecht zu sich und sagte: „Gebt ihm dreißig Silberstücke und dreißig Stockschläge!“
Die Hofleute bekundeten abermals ihr Erstaunen und wussten nicht, wie dieser Widerspruch zu verstehen sei. Da erklärte der König: „Ein Talent soll man belohnen, seine nutzlose Verwendung aber bestrafen.“
Also: ist ein Talent nicht einfach,
so nimm es eben zweifach.
Das alte Lied*
Ein neu eingesetzter Beamter gab für die Würdenträger seines Amtsbereiches ein Fest. Zur Unterhaltung der Gäste trat auch ein Sänger auf, der sich wie folgt vernehmen ließ: „Fort mit dem Alten, herein mit dem Neuen; fort mit dem Unglücksstern, herein mit dem Glücksstern!“
Der Beamte fühlte sich über die Maßen geschmeichelt. „Das ist ein schönes Lied“, meinte er, „es hat mir sehr gefallen.“ „Das war auch die Meinung Eures Vorgängers“, sagte der Sänger stolz.
„Wie!“, rief der Beamte, „singst du dieses Lied jedes Mal bei Ankunft eines neuen Beamten?“
„Es ist das einzige Lied, das ich kenne“, sagte der Sänger.
Also: Das Lob im Allgemeinen
passt immer, will es scheinen
Ein Hühnerdieb rettet einen Brunnenbauer*
Am Rande einer Landstraße, die das Dorf mit der Stadt verband, wurde auf halber Strecke ein Brunnen gebaut. Die Leute freuten sich darüber und lobten den Brunnenbauer, denn bisher konnte man auf diesem Wege keinen Tropfen Wasser bekommen, um seinen Durst zu löschen. Nur wenige Tage danach fiel des Nachts ein Mann in den Brunnen und ertrank. Da schimpften die Leute auf den, der an dieser Stelle einen Brunnen angelegt hatte und forderten seine Bestrafung.
Als sich aber herausstellte, dass der in den Brunnen gefallene Mann ein seit langem vergeblich gesuchter Hühnerdieb war, da lachten die Leute und brachten dem Brunnenbauer einen Korb Eier.
Also: Verschmähe Lob und Tadel nicht,
doch wisse stets: sie ändern sich.
Das unbedachte Lob*
„Meine Schilde sind so fest, dass nichts sie durchbohren kann“, rief ein Händler, der Schilde und Speere auf dem Markt feilbot, „und meine Speere sind so spitz, dass sie alles durchstechen können!“
Da fragt ihn jemand: „Und was geschieht, wenn einer deiner Speere auf einen deiner Schilde trifft?“
Also: Du magst es drehn und wenden –
das höchste Lob kann man nur einem spenden.
Der Mond über der großen Stadt*
Nachdem ein junger Bursche das erste Mal in der Hauptstadt des Landes gewesen war, erzählte er den Leuten seines Heimatdorfes die wunderbarsten Dinge.
„In der Hauptstadt“, sagte er, „sind die Häuser viel schöner und die Straßen viel breiter und die Schulen viel höher und die Schüler viel klüger. Und die Frauen haben mehr Gefühl und die Männer mehr Verstand; und schon die kleinen Kinder sind dort gescheiter als bei uns ein Erwachsener.“
So ging das den ganzen Tag, und allmählich wurde dieses Gerede den Leuten im Dorf lästig. Aber der Bursche wusste immer neue Herrlichkeiten zu berichten.
„In der Hauptstadt ist der Mond viel größer als bei uns“, sagte er eines Tages.
Da wurde es seinem Vater zu viel, und er gab dem Schwätzer eine gewaltige Ohrfeige.
„Und die Ohrfeigen“, sagte der unbeirrt, „sind in der Hauptstadt viel kräftiger als bei uns.“
Also: Das Großmaul
ist selten faul
Die größten Zeiten sind mit den kleinlichsten Ärgernissen verbunden. Das kommt daher, dass die große Ordnung der kleinen vorangeht.
Geschichte ist das, was sich die Menschen nicht aussuchen können, sowenig sich die Geschichte die Menschen aussuchen kann, von denen sie gemacht wird. Daher kann man die Zukunft nicht nach der gegebenen Beschaffenheit derer beurteilen, die sie vollbringen werden. Die Geschichte hebt ihre Vollbringer auf das Niveau ihrer Taten. Darin besteht ihre Dankbarkeit.
Rote werden diejenigen genannt, die sich an den Faden der Geschichte halten.
Zum ersten Mal seit ihrer Existenz ist die Menschheit in der wunderbaren Lage, ihre Gegenwart angesichts eines deutlichen Bildes von der Zukunft aufzubauen. Daher erhält aber unser heutiges Werk die Weihe des Zukünftigen, des über unsere Zeit Hinausweisenden; oder umgekehrt; wir holen die Zukunft bereits in unser jetziges Leben herein, und wir können in einem völlig neuen Sinne ausrufen: Bereichert euch! Denn die Zukunft ist unendlich reich, und sie wird nicht ärmer, wenn wir ihr etwas vorwegnehmen.
Die Exkremente einer neuen Gesellschaftsordnung sind die Merkmale der alten.
Leider gibt es keine Scheuerfrauen der Geschichte, auch keine Müllabfuhr. Der ganze Dreck muss verarbeitet werden.
In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs wird unvermeidlich die Dummheit aufgerührt und bloßgestellt, weil dem schöpferischen Denken entgegengestellt. Daraus entspringt immer wieder die Auffassung, dass es noch nie so viel Dummheit gegeben habe wie gerade heute, obwohl diese optische Täuschung einen Zuwachs an aufrührender Klugheit zur Voraussetzung hat.
Das höchste Vergnügen ist das Vergnügen, Zeitgenosse zu sein. Es setzt allerdings voraus, dass uns diese Zeit im Sinne des Wortes gegenwärtig ist.
Manche fragen, ob es nicht eintönig sei, nur eine Weltanschauung, nämlich die marxistische, zu besitzen. Bezeichnenderweise wird diese Frage nur von denen gestellt, die sie nicht besitzen.
Die marxistische Philosophie ist die erste Wissenschaft, die das volle Bewusstsein ihrer selbst besitzt. Das ist aber identisch mit der Selbsterkenntnis des Menschen, denn die Souveränität der Philosophie ist die geistige Souveränität des Menschen.
Die logische Konsequenz
Nepomuk hörte sich einen Vortrag an. Als der Redner am Ende Beifall klatschte, verbeugte sich Nepomuk höflich.
Das Glück des Tüchtigen
Nepomuk war bei einem Verkehrsunfall zu Schaden gekommen. Als man ihm sagte, dass er von Glück reden könne, noch mit dem Leben davongekommen zu sein, wehrte er bescheiden ob.
Naive und sentimentalische Dichtung
„Ein Genie zu sein“, äußerte Nepomuk einmal, „ist keine Kunst. Wir übrigen dagegen, die wir so tun, als ob wir welche wären, müssen wirklichen Verstand aufbringen.“
In Deutschland (und nicht nur in Deutschland) werden Feiertage etc. gewöhnlich am Vorabend begangen, während der Feiertag selbst öde und leer ausgeht. Dieses Bestreben, es schon hinter sich gebracht und nichts mehr vor sich zu haben, ist ein Zeichen mangelnder Lebensart.
Die bloße Heiterkeit wird oft der Oberflächlichkeit geziehn.
Der ernsten Oberflächlichkeit jedoch ist sie weit vorzuziehn.
Der arme Mann
Ihm starb das Weib und auch die Kuh,
da war er übel dran.
Die Nachbarn boten als Ersatz
ihm ihre Töchter an.
Er fand vor Weibern keine Ruh,
man wollt’ ihm zehne schenken.
Doch keiner schenkt’ ihm eine Kuh –
das gab ihm viel zu denken.
Inhaltsverzeichnis
Die Kunst zu lachen
Herein, ihr Narrenvolk!
Von einem Manne, der sich zu Tode lachte, nachdem er sein Testament gemacht hatte
Das Ende der Welt
Ein lahmer Schreiber kann keinen eiligen Brief schreiben*
Der wundertätige Schelm*
Ein Geizhals begleicht eine Rechnung*
Erkenntnis des Wesens der Schweine*
Ein Gelehrter kauft einen Esel*
Eine Lebenskunst*
Die Liste für alle Fälle*
Der strenge Lehrer im Brunnen*
Die doppelte Lehre*
Die Antwort des Verrückten*
Eine Frage an Gott den Herrn
Welthumor
Der rettende Beweis
Logik
Charakter
Wie ein Pfarrer den lieben Gott ankündigte, und was darauf geschah
Wie Onkel Fritz den Teufel in der Flasche erschlug, und wie es dazu kam
Wie zwei sich ausmachten, dass einer von ihnen einen Sparren haben solle, und der Förster hat es geglaubt
Wie ein berühmter Mann von einem unberühmten Manne besucht wurde, und was der unberühmte davon zu berichten wusste
Die Kunst zu lieben
Treu und Glauben
Aus der überlieferten Aufzeichnung eines Chronisten, welcher von der merkwürdigen Art berichtet, wie einmal ein König seinem Sohne einen Lehrmeister der Liebeskunst beschaffte
Ein altes Hausmittel gegen Unbotmäßigkeit*
Das vollkommene Verbrechen
Der nicht zu fromme Pilgrim*
Der allzubescheidene Dieb*
Politik des Geschmacks
Von einem Manne, der nicht vom Frühstückstisch aufstand, ohne seine Kaffeetasse zu zerschmettern
Ein Traum ohne Ende, und weshalb es fehlte
Ein Flickschneider wollte seine Liebe flüstern – und warum er keine Gelegenheit dazu fand
Der Gefoppte
Davon, wie einmal eine Frau verreiste und der Mann in großer Sorge zu Hause blieb
Ein Mann ohne Weib ist ein Deckel ohne Topf
Womit der Würdenträger nicht gerechnet hatte*
Der außerordentliche Fall*
Es ist ein eigen Dingen
Die Kunst zu leiden
Der Unglücksmensch*
Wie einer einen Gimpel fing*
Der Tischler, der ungestört arbeiten wollte*
Der bezeichnende Gesichtsausdruck*
Geteiltes Lob
Steckbrief des (Literatur-) Kritikers, der als Ausnahme die Regel beschädigt:
Der Buchungsfehler
Wissenschaftliches Theater
Der ungezogene Dichter – und wie er artig wurde
Wohin gehst du, kleines Wort?
Bei der Frage genommen
Vom Wert der Kunst
Das Urteil der Zeit
Was soll’s?
Vom Nutzen der Theorie
Der akademische Traum
Die sicherste Art, einen Dieb zu erwischen*
Wie aus einem Gerücht ein Beweis wird*
Die heilsame Täuschung*
Wie zwei sich Beine und Augen ausliehen*
Die teuer bezahlte Ruhe*
Der schwierige Schuhkauf*
Der Anfang und das Ende*
Der Dieb als Lehrer*
Der gründliche Arzt*
Die Gefahren eines hohen Ranges*
Vierzig brave Leute und ein Würfelspieler*
Die Geduldsprobe*
Von einer Prüfung, nach welcher der Prüfer am Ende seiner Kraft war
Von der großen Vergesslichkeit eines Mannes und von der verhängnisvollen Art, wie er sich von ihr befreit hat
Von einem Bauern, der über viele Gräben sprang, um in den letzten hineinzufallen
Die Kunst zu lästern
Elegie auf den Biss eines tollen Hundes
Die Stadt der Letzten
Das kleine Einmaleins
Gegen Spontaneität
Berufsverkehr
Das Schlafmittel
Erkenne dich selbst
Eine Geschichte, in der die Sorge um den Inhalt 500 Mark weniger wert ist
Die Kunst zu loben
Gerechter Lohn für schöne Worte*
Vom Nutzen der Gleichnisse*
Belohnung eines schwierigen Talentes*
Das alte Lied*
Ein Hühnerdieb rettet einen Brunnenbauer*
Das unbedachte Lob*
Der Mond über der großen Stadt*
Die logische Konsequenz
Das Glück des Tüchtigen
Naive und sentimentalische Dichtung
Der arme Mann
Geistige Größe
Von einem, der sich eines Fingerhuts wegen nicht unglücklich machen wollte
Ein Mann verursacht ein Verkehrshindernis und wird für seine Freundlichkeit bedankt
Von der Dummheit, die dem Sozialismus ein Schnippchen zu schlagen gedachte
Ein Kaffee wurde nicht getrunken – und wie es dazu kam
Von einer Frau, die dem Arzt nur ein Bein zeigen wollte, weil das andere, wie sie sagte, ganz gesund sei
Die Zeit der Wunder
Die Existenzfrage
Die Zeitfrage
Zu Besuch auf der Erde
Die Kunst zu lernen
Der schlagfertige Ketzer*
Der unbelehrbare König*
Wie durch Umpflanzen Diebe entstehen*
Der kostspielige Hofstaat*
Die Kunst, zur rechten Zeit verrückt zu sein*
Die Pille der Unsterblichkeit*
Die verräterische Bescheidenheit*
Wenn zwei zu voreilig sind*
Der nützliche Vorschlag*
Der schlagende Witz*
Wenn ein König danebenschießt*
Was keiner weiß*
Wie einer umfiel und wie vier umfielen, als sie ihm helfen wollten
Der tödliche Trugschluss
Wie einem Dieb seine Gutmütigkeit schlecht ausschlug
Das größte Wunder ist der Mensch, und wunderlicher kann keiner sein
Wie ein Gebrauchtwarenhändler die Kundschaft schröpfte, indem er einen Humanisten darstellte
Wie zwei miteinander ein Geschäft machen wollten und warum es fast nicht zustande kam
Von Gespenstern – und wie ein Junge nicht an sie glaubte
Schild und Schwert
Das Kind im Manne
Vom Nutzen des Zusehens
Konferenzschaltung
Ruhestandsphilosophie
Die Feststellung
Die Kunst zu leben
Wie einer einen Dank entgegennimmt, ohne etwas dafür gegeben zu haben
Der Mann, der seine Ruhe verborgte
Von einem Schreiner, mit dem keiner Schach spielen wollte – und wie er sich zu helfen wusste
Von einem sicheren Mittel, dem Tragischen zu entgehen
Nutzen der Kunst
Von zwei Schneidermeistern, die wie Hund und Katze umeinander herumgingen, und wie sie sich vertragen lernten
Heiter wird der Tag
Davon, dass das Schicksal einen Gebrauchswert, aber keinen Tauschwert hat
Die Grenzen der Form
Eine spezielle Relativitätstheorie
Der Bücherfreund
Lebenskunst
Maß für Maß
Wer hat denn jetzt den Einbrecher erschossen?
Wie geht’s der Lebenskunst?
Der Vorzug der Literatur
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Schwerwiegendes, Gewichtiges, Unwichtiges, Ernst und Spaß, für jeden was
Der Himmel fällt aus den Wolken. Heitere Spiele dargestellt als eingebildete Aufführungen und wohlmeinend glossiert von zwei nicht minder eingebildeten Herren
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