
Moment, unterbrach der Instrukteur.
Nein, bitte, lassen Sie mich ausreden. Ich studiere Naturwissenschaften, genauer: ich interessiere mich für Physik. Würden Sie mir bitte antworten? Sie wissen ja viel mehr als ich, und ich möchte sehr gern wissen, wie wir Chopin einzuordnen haben. Die Revolutionsetüde – etwa.
Chopin, stotterte der Schulungsleiter, war Arier, er lehnte sich gegen die Willkürherrschaft des russischen Zarentums auf.
Und Marie Sklodowska, fragte Sophie.
Sie stellen vielleicht Fragen, erwiderte der Schulungsleiter. Aber lassen wir das. Chopin – na und? Machte Musik. Ihre Madame Curie war ja doch bloß ein Instrument – bestenfalls.
Danke, sagte Sophie, übrigens war auch sie Arierin.
Und nun folgte etwas, das nicht mehr lange zum studentischen Brauchtum gehören sollte: die pflichtgemäß Versammelten trampelten Beifall.
Sophie, sagte Annette, was hast du bloß angerichtet.
Brigitte Boysen packte ihr Strickzeug ein.
Der Student Gustav Holsten sah Sophie hinterher. Er hatte aufgehört zu lachen. Die weiß genau, was sie will, sagte er nur seinen Nachbarn, wenn ihr mich fragt, die ist ein abgefeimtes Miststück.
Der Augenschein gab ihm Recht. Vorn redete Sophie Schley mit dem Instrukteur.
Und da – zu einem frühen Zeitpunkt – mochte das Misstrauen begonnen haben.
Die sollte uns doch bloß provozieren, tönte Holsten. Müssen wir uns merken, Kommilitonen, das Gesicht –
Fieses Geschau, ergänzte ein kleiner Bayer.
Es kam zu einem jener Tumulte, die sich dazumal gar nicht leicht stoppen ließen, obgleich Studenten in SA- Uniform an den Wänden lümmelten.
Und wir dürfen sagen, wir sind dabei gewesen.
Wir waren dabei, als Claire in den Kreis der jungen Männer trat. Brigitte starrte ihr nach.
Wir hörten Claire beschwichtigend sagen: Der Aufwand lohnt doch nicht, Herr –
Holsten, sagte Holsten und machte eine ungeschickte Vorbeugung. Danke, sagte Claire. Warum erregen wir uns eigentlich, fragte sie die Runde. Wir brauchen uns doch nicht für Marie Curie einzusetzen, die Geschichte wird ihr ohnehin Recht geben.
Holsten schluckte.
Hat ihr längst Recht gegeben, oder?
Suche nach Einstein oder im Prüfstand des Gewissens
Christa Johannsen veröffentlichte fast alle ihre Bücher im Union Verlag Berlin. Doch mit dem Einstein-Roman tat man sich dort schwer, und die Autorin versuchte, das Manuskript im Verlag Neues Leben unterzubringen. Zumal sie mit dessen stellvertretender Cheflektorin gut „konnte“. Doch hatte der Schriftstellerin, wie sie es ausdrückte, auch hier der Teufel „reingesch…“, die verständnisvolle Lektorin litt an einer schweren Krankheit, lebte ein limitiertes Leben. Der Cheflektor indessen hielt ihr über Einstein einen Vortrag, der höchst ungenau und fehlerhaft war. „… um mir dann zu befehlen, wie ichs anzupacken hätte: für Fünfzehnjährige gut und spannend lesbar, etwa nach der Art von Schenzingers ‘Anilin’ und ‘Metall’, aber – selbstverständlich – sozialistisch. Ich hatte da eigentlich gleich die Nase voll, was nicht ausschließt, daß ich den EINSTEIN um jeden Preis schreiben will und werde, fragt sich fürs erste nur, mit welchem Verlag ich das mache. Im Endeffekt, schätze …
Beschreibung
Christa Johannsen veröffentlichte fast alle ihre Bücher im Union Verlag Berlin. Doch mit dem Einstein-Roman tat man sich dort schwer, und die Autorin versuchte, das Manuskript im Verlag Neues Leben unterzubringen. Zumal sie mit dessen stellvertretender Cheflektorin gut „konnte“. Doch hatte der Schriftstellerin, wie sie es ausdrückte, auch hier der Teufel „reingesch…“, die verständnisvolle Lektorin litt an einer schweren Krankheit, lebte ein limitiertes Leben. Der Cheflektor indessen hielt ihr über Einstein einen Vortrag, der höchst ungenau und fehlerhaft war. „… um mir dann zu befehlen, wie ichs anzupacken hätte: für Fünfzehnjährige gut und spannend lesbar, etwa nach der Art von Schenzingers ‘Anilin’ und ‘Metall’, aber – selbstverständlich – sozialistisch. Ich hatte da eigentlich gleich die Nase voll, was nicht ausschließt, daß ich den EINSTEIN um jeden Preis schreiben will und werde, fragt sich fürs erste nur, mit welchem Verlag ich das mache. Im Endeffekt, schätze ich, bleibt doch wieder nur der UNION Verlag übrig, falls er geneigt sein sollte zu dem (unsicheren) Unternehmen, denn in puncto Autoren ist man hierzulande mehr denn je ‘kapitalistisch‘ in der Methode …“ (Aus einem Brief Christa Johannsens an Lore Häfner.) Die auf den Union Verlag zielenden Hoffnungen erfüllten sich nicht, die Arbeit, bei sich verschlechternder Gesundheit, zog sich in die Länge, 1981, als Christa Johannsen ihrem Leben ein Ende setzte, lagen 330 Schreibmaschinenseiten vor. Aber sie hat den EINSTEIN geschrieben, sich mit ihm geplagt und gequält, immer wieder neu begonnen, neue Sichten erprobt, andere Ansätze gefunden. Einmal sollte gar Thomas Mann der Widerpart Einsteins sein. Titelüberlegungen wie: „Einstein und die Brummfliege in der Flasche“, „Einstein und die Flaschenfliege“ oder „Hinter den Spiegeln oder Jonas sucht Einstein“ geben Zeugnis von der Auseinandersetzung mit dem Stoff. Eine Einstein-Biografie allerdings erwarte der Leser nicht. Vielmehr ist Einstein, gewissermaßen die Spiegelfläche für eine Epochenabrechnung, eine biografische Abrechnung, eine Abrechnung mit der erlebten Gegenwart Christa Johannsens. Sie könne dabei von Einstein nicht lassen, meinte sie, weil er die Dinge dieser Welt, nebst integrierendem Erkenntnischarakter, vollkommen umgestülpt habe, derweil die Menschheit im alten Saft weiterschmorte. Und wenn auch seit dem Tode der Autorin mehr als dreißig Jahre vergangen sind, die Welt, in der sie schrieb, nicht mehr existiert: Das Buch spricht zu uns. „Wenn ich überhaupt noch an den EINSTEIN denke, dann nur noch im Zusammenhang mit mir selbst. Durch Erfahrung klug geworden, will ich das Opus nicht an einen Verlag binden, sondern einfach zu schreiben versuchen. Man kann es ja dann aus meinem Nachlaß herauspuhlen“ Nun, „herausgepuhlt“ ist der Text jetzt von Albrecht Franke, auch an einen Verlag gebunden. Und, wie die Dinge nun einmal liegen: Es wäre ihr wohl recht gewesen.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 17.02.2016 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 17.02.2016 |
| Seiten | 245 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-619-7 |
| ISBN (PDF) | 978-3-95655-620-3 |
| ASIN (Kindle) | B01BVLGIOI |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
2. WeltkriegAlbert EinsteinMax PlanckAtombombeDDRVerantwortungJude20. JahrhundertAutobiografieFamilienbeziehungenFrauenFreundschaftPolitikÜberlebenWissenschaftChrista JohannsenEinsteinEinstein-RomanAlbrecht FrankeDDR-LiteraturUnion VerlagNeues Lebenbiografischer Romanmoderne FrauenLeseprobe
Moment, unterbrach der Instrukteur.
Nein, bitte, lassen Sie mich ausreden. Ich studiere Naturwissenschaften, genauer: ich interessiere mich für Physik. Würden Sie mir bitte antworten? Sie wissen ja viel mehr als ich, und ich möchte sehr gern wissen, wie wir Chopin einzuordnen haben. Die Revolutionsetüde – etwa.
Chopin, stotterte der Schulungsleiter, war Arier, er lehnte sich gegen die Willkürherrschaft des russischen Zarentums auf.
Und Marie Sklodowska, fragte Sophie.
Sie stellen vielleicht Fragen, erwiderte der Schulungsleiter. Aber lassen wir das. Chopin – na und? Machte Musik. Ihre Madame Curie war ja doch bloß ein Instrument – bestenfalls.
Danke, sagte Sophie, übrigens war auch sie Arierin.
Und nun folgte etwas, das nicht mehr lange zum studentischen Brauchtum gehören sollte: die pflichtgemäß Versammelten trampelten Beifall.
Sophie, sagte Annette, was hast du bloß angerichtet.
Brigitte Boysen packte ihr Strickzeug ein.
Der Student Gustav Holsten sah Sophie hinterher. Er hatte aufgehört zu lachen. Die weiß genau, was sie will, sagte er nur seinen Nachbarn, wenn ihr mich fragt, die ist ein abgefeimtes Miststück.
Der Augenschein gab ihm Recht. Vorn redete Sophie Schley mit dem Instrukteur.
Und da – zu einem frühen Zeitpunkt – mochte das Misstrauen begonnen haben.
Die sollte uns doch bloß provozieren, tönte Holsten. Müssen wir uns merken, Kommilitonen, das Gesicht –
Fieses Geschau, ergänzte ein kleiner Bayer.
Es kam zu einem jener Tumulte, die sich dazumal gar nicht leicht stoppen ließen, obgleich Studenten in SA- Uniform an den Wänden lümmelten.
Und wir dürfen sagen, wir sind dabei gewesen.
Wir waren dabei, als Claire in den Kreis der jungen Männer trat. Brigitte starrte ihr nach.
Wir hörten Claire beschwichtigend sagen: Der Aufwand lohnt doch nicht, Herr –
Holsten, sagte Holsten und machte eine ungeschickte Vorbeugung. Danke, sagte Claire. Warum erregen wir uns eigentlich, fragte sie die Runde. Wir brauchen uns doch nicht für Marie Curie einzusetzen, die Geschichte wird ihr ohnehin Recht geben.
Holsten schluckte.
Hat ihr längst Recht gegeben, oder?






