
Eines Tages, als ich im „Stephanie“ eine französische Zeitung las, sprach mich ein junger Mann an mit etwas verwilderten schwarzen Haaren. Es war ein polnischer Journalist namens Basler. In seiner Begleitung befand sich eine schmächtige junge Dame, eine Engländerin, die keine Silbe Deutsch und sehr schlecht Französisch sprach. Sie war etwas exaltiert gekleidet und trug ein kühnes Pariser Hütchen mit einem blauen Schleier. Da ihr gerade in der Mitte des Mundes ein Zahn fehlte, hielt sie beim Sprechen stets die Hand vor den Mund.
Der Pole war von einer Pariser Zeitung nach München geschickt worden, um einen Aufsatz über München als Kunststadt zu schreiben, und bat mich um einige Hinweise, die ich ihm gern gab. Im Laufe der Unterhaltung schwärmte er in überschwänglicher Weise von Paris und riet mir dringend, es mir bald anzusehen. „Dort werden Sie wirklich sehen, wie weit man heute in der Malerei ist“, sagte er.
„Aber, was wollen Sie, ich habe kein Geld.“
Der Pole lachte. „Kein Geld? Wenn Sie in München leben können, leben Sie zehnmal in Paris. Paris ist die billigste Stadt der Welt.“
„Wenn man es kennt, vielleicht.“
„Nun, ich werde Ihnen Paris zeigen. Ich werde Ihr Führer sein. Senden Sie mir ein Telegramm, und ich bin an Ort und Stelle.“
„Wir haben ja auch kein Geld“, warf die Engländerin ein, „und wir leben doch. Ja, kommen Sie nur.“
Den vorigen Winter hatte ich in Rom verbracht und mir vorgenommen, den kommenden Winter in Paris zu leben. Musste ich es nicht als ein Wohlwollen der Götter betrachten, dass sie mir einen Führer für Paris in der Gestalt des Herrn Basler nach München schickten? Es wäre leichtfertig gewesen, diesen Hinweis zu übersehen.
Ich machte Dorn und Erika einen Abschiedsbesuch, um ihnen Lebewohl zu sagen. „Wirst du denn deiner Mutter noch in die Augen sehen können, wenn du in Paris gelebt hast?“, fragte Erika, die in vielen Dingen merkwürdige Ansichten hatte.
„Meine Mutter ist nicht so empfindlich.“
Am nächsten Tag fuhr ich nach Paris. Schon bei der Ankunft ereignete sich ein glückverheißendes Wunder. Der Zollbeamte fragte mich, ob ich zollpflichtige Dinge bei mir habe, Zigaretten zum Beispiel, und obschon ich zweihundert Zigaretten in meinen Manteltaschen verstaut hatte, leugnete ich es natürlich. Da fuhr der Zöllner mit seiner mächtigen Pranke in meine Manteltasche, in der sich hundert Zigaretten befanden, und ließ mich gehen. Ich fühlte mich erlöst, denn seine Entdeckung hätte mir den größten Teil meines Vermögens gekostet, aber ich weiß heute noch nicht, wie es kam, dass er von all den hundert Zigaretten keine einzige spürte.
Die Straßen waren nur spärlich beleuchtet und machten einen düsteren Eindruck, stundenlang klapperte unsere Droschke bis zum Quartier latin. Es regnete, und auf den Lichtinseln scharten sich Trüppchen von Dämchen zusammen, die mir alle sehr dünne Beine zu haben schienen. Mein Einzug in Paris war eine offensichtliche Enttäuschung.
Endlich hielt unsere Droschke in einer schmalen Seitenstraße beim Boulevard Saint-Michel. Mein Freund Basler, den ich kaum kannte, hatte Wort gehalten und mir ein Zimmer in dem kleinen Hotelchen bestellt, das im fünften Stock lag, wohin mich der freundliche Portier sofort führte.
Am nächsten Morgen sah ich, dass es kaum größer war als das Bett. Es hatte einen schmalen Balkon, der auf einen Platz hinausging, auf dem die Omnibusse von Montmartre ihre Endstation hatten. Die Kutscher und Kontrolleure pflegten hier stets aus dem Wagen zu klettern und ihre cent pas zu machen. Sonst war hier nichts zu sehen als die hübsche Angestellte einer Bügelei, die sauber und adrett jeden Tag ihre Wäsche auf einem langen Tisch bügelte, der das ganze Trottoir einnahm. Mit ihr pflegten Kutscher und Kondukteure der Omnibusse stets laut zu scherzen.
Wege, Worte, Welt – Erinnerungen
Mit leichter Hand und wachem Blick erzählt Bernhard Kellermann von den entscheidenden Momenten seines Lebens – vom Aufbruch eines jungen Mannes mit Rucksack über die Wanderjahre durch Franken, die Schweiz und Frankreich bis zu Begegnungen mit großen Persönlichkeiten der Literatur wie Hermann Hesse.Diese Erinnerungen sind mehr als eine persönliche Lebensgeschichte: Sie zeichnen ein lebendiges Bild einer ganzen Epoche – zwischen Kaiserreich, Weltkriegen und Nachkriegszeit. Kellermann berichtet eindrucksvoll, wie ein junger Künstler seinen Platz in der Welt sucht, das Leben in Paris erlebt, den Aufstieg der Moderne beobachtet und politische Umbrüche miterlebt.Eine kluge, nachdenkliche und zugleich mit Humor durchzogene Selbstreflexion eines Mannes, der Weltgeschichte nicht nur erlebt, sondern literarisch geprägt hat.
Beschreibung
Mit leichter Hand und wachem Blick erzählt Bernhard Kellermann von den entscheidenden Momenten seines Lebens – vom Aufbruch eines jungen Mannes mit Rucksack über die Wanderjahre durch Franken, die Schweiz und Frankreich bis zu Begegnungen mit großen Persönlichkeiten der Literatur wie Hermann Hesse.
Diese Erinnerungen sind mehr als eine persönliche Lebensgeschichte: Sie zeichnen ein lebendiges Bild einer ganzen Epoche – zwischen Kaiserreich, Weltkriegen und Nachkriegszeit. Kellermann berichtet eindrucksvoll, wie ein junger Künstler seinen Platz in der Welt sucht, das Leben in Paris erlebt, den Aufstieg der Moderne beobachtet und politische Umbrüche miterlebt.
Eine kluge, nachdenkliche und zugleich mit Humor durchzogene Selbstreflexion eines Mannes, der Weltgeschichte nicht nur erlebt, sondern literarisch geprägt hat.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 03.11.2193 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 14.10.2025 |
| Seiten | 85 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-585-1 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-586-8 |
| ASIN (Kindle) | B0FVTKW98Y |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
AutobiografieReiseberichtJugenderinnerungenLiteraturgeschichteKünstlerlebenParisMünchenWeltreiseSchweizFrankenLiteraturZeitgeschichteWanderjahreBegegnungenSchriftstellerSelbstbiografie20. JahrhundertDeutschlandErinnerungenHermann HesseHermann Graf KeyserlingMax HalbeErich MühsamFrank WedekindLeseprobe
Eines Tages, als ich im „Stephanie“ eine französische Zeitung las, sprach mich ein junger Mann an mit etwas verwilderten schwarzen Haaren. Es war ein polnischer Journalist namens Basler. In seiner Begleitung befand sich eine schmächtige junge Dame, eine Engländerin, die keine Silbe Deutsch und sehr schlecht Französisch sprach. Sie war etwas exaltiert gekleidet und trug ein kühnes Pariser Hütchen mit einem blauen Schleier. Da ihr gerade in der Mitte des Mundes ein Zahn fehlte, hielt sie beim Sprechen stets die Hand vor den Mund.
Der Pole war von einer Pariser Zeitung nach München geschickt worden, um einen Aufsatz über München als Kunststadt zu schreiben, und bat mich um einige Hinweise, die ich ihm gern gab. Im Laufe der Unterhaltung schwärmte er in überschwänglicher Weise von Paris und riet mir dringend, es mir bald anzusehen. „Dort werden Sie wirklich sehen, wie weit man heute in der Malerei ist“, sagte er.
„Aber, was wollen Sie, ich habe kein Geld.“
Der Pole lachte. „Kein Geld? Wenn Sie in München leben können, leben Sie zehnmal in Paris. Paris ist die billigste Stadt der Welt.“
„Wenn man es kennt, vielleicht.“
„Nun, ich werde Ihnen Paris zeigen. Ich werde Ihr Führer sein. Senden Sie mir ein Telegramm, und ich bin an Ort und Stelle.“
„Wir haben ja auch kein Geld“, warf die Engländerin ein, „und wir leben doch. Ja, kommen Sie nur.“
Den vorigen Winter hatte ich in Rom verbracht und mir vorgenommen, den kommenden Winter in Paris zu leben. Musste ich es nicht als ein Wohlwollen der Götter betrachten, dass sie mir einen Führer für Paris in der Gestalt des Herrn Basler nach München schickten? Es wäre leichtfertig gewesen, diesen Hinweis zu übersehen.
Ich machte Dorn und Erika einen Abschiedsbesuch, um ihnen Lebewohl zu sagen. „Wirst du denn deiner Mutter noch in die Augen sehen können, wenn du in Paris gelebt hast?“, fragte Erika, die in vielen Dingen merkwürdige Ansichten hatte.
„Meine Mutter ist nicht so empfindlich.“
Am nächsten Tag fuhr ich nach Paris. Schon bei der Ankunft ereignete sich ein glückverheißendes Wunder. Der Zollbeamte fragte mich, ob ich zollpflichtige Dinge bei mir habe, Zigaretten zum Beispiel, und obschon ich zweihundert Zigaretten in meinen Manteltaschen verstaut hatte, leugnete ich es natürlich. Da fuhr der Zöllner mit seiner mächtigen Pranke in meine Manteltasche, in der sich hundert Zigaretten befanden, und ließ mich gehen. Ich fühlte mich erlöst, denn seine Entdeckung hätte mir den größten Teil meines Vermögens gekostet, aber ich weiß heute noch nicht, wie es kam, dass er von all den hundert Zigaretten keine einzige spürte.
Die Straßen waren nur spärlich beleuchtet und machten einen düsteren Eindruck, stundenlang klapperte unsere Droschke bis zum Quartier latin. Es regnete, und auf den Lichtinseln scharten sich Trüppchen von Dämchen zusammen, die mir alle sehr dünne Beine zu haben schienen. Mein Einzug in Paris war eine offensichtliche Enttäuschung.
Endlich hielt unsere Droschke in einer schmalen Seitenstraße beim Boulevard Saint-Michel. Mein Freund Basler, den ich kaum kannte, hatte Wort gehalten und mir ein Zimmer in dem kleinen Hotelchen bestellt, das im fünften Stock lag, wohin mich der freundliche Portier sofort führte.
Am nächsten Morgen sah ich, dass es kaum größer war als das Bett. Es hatte einen schmalen Balkon, der auf einen Platz hinausging, auf dem die Omnibusse von Montmartre ihre Endstation hatten. Die Kutscher und Kontrolleure pflegten hier stets aus dem Wagen zu klettern und ihre cent pas zu machen. Sonst war hier nichts zu sehen als die hübsche Angestellte einer Bügelei, die sauber und adrett jeden Tag ihre Wäsche auf einem langen Tisch bügelte, der das ganze Trottoir einnahm. Mit ihr pflegten Kutscher und Kondukteure der Omnibusse stets laut zu scherzen.
Inhaltsverzeichnis
Erinnerungen
Ich lichte die Anker
München
Paris
Zu Leben und Werk
Kurze Selbstbiografie
Brief an Generaloberst Bersarin, Militärkommandant der Stadt Berlin
Totgeschwiegen und verfolgt
Erklärung zu meinen Büchern
Die Stadt Anatol
Aus einem Exposé
Der 9. November
Totentanz
Bernhard Kellermann
Weitere Bücher von Bernhard Kellermann
Sassa yo yassa. Japanische Tänze
Der Krieg im Argonnerwald
Das blaue Band
Die Jungfernreise der „Vaterland“
Die Stadt Anatol
Die Geschichte von der verlorenen Wimper der PrinzessinÄhnliche Bücher
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