
Nein, die Schritte der Mutter waren es nicht. Der Vater befand sich ohnehin wieder auf Reisen. Vielleicht weilte er wirklich in Berlin, vielleicht auch nur dort, wo er nach seiner Geographie Berlin angesiedelt hatte. Aber was störte es ihn noch! Ihm, Robert, war es gleich, schnurzpiepe, wo sein Alter die Nächte verbrachte. Lina Bonk, nach dieser Enttäuschung, war nicht mehr sein Typ. Ihr Bild war ihm während seiner Abwesenheit entwendet worden. Aber selbst, wenn er es noch besessen hätte, er hätte es zerrissen und seine Fetzen durchs Klobecken gespült. Dort gehörten sie beide hin, sie und sein Vater ...
Clara ... Es konnte nur Clara sein, die so spät umhergeisterte. Eine dumpfe Ahnung befiel ihn, und er mußte ihr nachgehen. Was hatte denn sie noch, um diese Zeit, im Wohnzimmer zu suchen?
Einige Male, obwohl zögernd, mit verhaltenen Worten, ihrer Sache nicht sicher, hatte sich in den letzten Wochen die Mutter darüber beklagt, daß ihr im Portemonnaie Geld fehle, und stets dabei ihn mit mißtrauischen, fast strafenden Augen angesehen. Nachdem jedoch seine Schwester in der Kaufhalle die Schokolade gestohlen hatte, waren ihre Blicke - und diesmal trauriger denn je, wie ihm schien - vom einen zum anderen gewandert. Er vermutete, daß es sich nur um Pfennigbeträge handelte, dieses oder jenes Markstück, aber er, das konnte er beschwören, mußte er wohl von sich selber hundertprozentig wissen, war in dieser Beziehung sauber.
Er kroch aus dem Bett, schlich sich durch den Korridor. Wenn das zuträfe, was er glaubte, sein detektivischer Spürsinn nicht trog und er sie auf frischer Tat überraschte ... Er könnte sich ein für allemal reinwaschen.
Und so geschah es.
Als er die Tür aufriß, sah er Clara über die Couch gebeugt, halb auf den Knien, im Nachthemd. Nur das Licht der Stehlampe in der Sesselecke funzelte. Dennoch war alles klar zu erkennen. Mit beiden Händen wühlte sie soeben in der Umhängetasche, in der die Mutter Papiere des täglichen Bedarfs aufbewahrte, ihren Personalausweis, Straßenbahnfahrkarten, ein Schlüsselbund, auch sonst eine Menge Krimskrams und - ihr Portemonnaie aus rotem Rindsleder.
»Ich hab dich erwischt«, schrie er. »Du gemeines Biest, du Diebin!«
O, jetzt konnte er wieder einmal Gerechtigkeit üben. Er stürzte auf sie zu und versetzte ihr links und rechts Ohrfeigen.
Sie heulte, stotterte irgend etwas vor sich hin, wimmerte, bat ihn, halb erstickt unter Tränen, sie nicht zu verraten. Sie erschien ihm in diesem Zustand noch häßlicher als sonst. Er schlug ihr nochmals ins sommersprossige Gesicht und vernahm nur die Worte: »Bitte, bitte, wecke sie nicht. Sie will ihre Ruhe haben. Wir sollen sie nicht stören ...«
»Das könnte dir so passen ...«
Nein, diesen Gefallen würde er seiner Schwester niemals tun. Denn was für eine einmalige Gelegenheit bot sich ihm da, der Mutter zu beweisen, daß nicht er der ständige Sündenbock sei, sondern dieses ihm stets vorgezogene, mit Lobsprüchen noch bis vor kurzem überhäufte Töchterchen.
Er klopfte an die Tür des Schlafzimmers.
»Mama! Mama!«
Nichts aber rührte sich.
»Mama! Wach auf! Mir tut es leid, aber ich muß dich stören ...«
Er erhielt keine Antwort.
Das Schlafzimmer, so hatten es die Eltern bestimmt, war ein Bereich, den sowohl er als auch Clara nur mit ihrer Erlaubnis betreten durften. Nicht selten kam es auch vor, besonders in letzter Zeit, daß sich die Mutter, sobald sie sich unwohl fühlte, darin einschloß.
Robert zögerte einen Moment. Dann aber drückte er die Klinke nieder, sie gab nach. Endlich sollte die Mutter die Wahrheit erfahren, wissen, wer sie bestahl.
Er schaltete das Licht an.
Da sah er sie liegen. Auf ihrer Seite in den Ehebetten. So ungemein friedlich, wie es schien. Bis ans Kinn gezogen die Decke. Mit geschlossenen Augen. Doch verfallen, zusammengeschrumpft der Mund, ein wenig zwar geöffnet, aber mit ganz schmalen Lippen.
Er trat näher. Er vernahm keinen Atemzug an ihr.
Bleiern senkte sich etwas in ihn hinab. Yesterday, I Want to Hold Your Hand ... Es dröhnte in seinem Kopf. Jetzt sah er es deutlicher: Der Anblick seiner Mutter war so unnatürlich, daß es ihm ein Frösteln einjagte und seine Gedanken sich verwirrten.
Von einer unbestimmten Furcht gepackt, wagte er dennoch, sie anzurühren. Er versuchte, sie wachzurütteln, nur zaghaft, ängstlich.
Unter der Bettdecke glitt ein Arm hervor. Die Hand mit dem Ehering. Schlaff hing sie herunter.
Auf dem Nachtschrank stand ein Glas mit Wasser, in dem ihre Zahnprothese schwamm.
Daneben lag ein Blatt Papier, willkürlich mit Druckbuchstaben aus Schlagzeilen von Zeitungen beklebt: SeHR geEhrTe FraU LuTteR ...
Er kannte den Text. Er war sein Werk, und er riß den Zettel an sich. Der Brief hatte sie doch nur warnen sollen, und niemals hatte er daran gedacht, daß sie sich deswegen ...
Wie im Traum, benommen vor Schreck, gewahrte er noch auf dem Bettvorleger ein zweites Glas. Es lag dort umgekippt und leer.
Er rannte zurück in den Korridor. »Clara! Clara ... Die Mama!«
Seine Schwester hockte nach wie vor winselnd in irgendeiner Ecke.
Ihn aber erfüllte nur noch Entsetzen, und nichts von alledem, was er jetzt tat, drang in sein Bewußtsein. Zwar begriff er, die Mutter war tot, doch er wollte sie immer noch retten, die Mutter, mit ihrer ... Trotz allem ... Mit ihrer großen Liebe zu ihm, ohne die er verloren sein würde ...
Er lief ins Treppenhaus, klingelte bei den Nachbarn, hielt den Finger auf dem Knopf, bis ihm aufgetan wurde.
»Tante Gisela! Tante Gisela! Ich glaube ... Es ist ...« Er würgte an jedem Wort.
Der Friede im Osten. Erstes, zweites, drittes und viertes Buch
Ein Apriltag des Jahres 1945. An einer Panzersperre erleben Achim Steinhauer und Frank Lutter als Hitlerjungen das Ende des Krieges. Aber war wirklich zu Ende, was sie mit Blut beschworen hatten?Achim Steinhauer wird es nicht leicht haben, seinen Weg aus den Verstrickungen der geschlagenen Welt des Faschismus in eine neue Zeit zu finden. Er begegnet schwierigen Situationen, er erkennt seine künftigen Freunde nur schwer, etwa Matthias Münz, den Kommunisten, der aus dem KZ kommt. Auch Franks Weg, der sich bald den antifaschistischen Kräften anschließt, versteht er zunächst nicht. Und schwierig wird für ihn die Zeit im Gefängnis, wo ihm schließlich der sowjetische Oberst Koschkin zu sich selbst und zur Freiheit verhilft.Bewähren und bestehen muss er die Station der Schule, wo man ihn, den Arbeiterjungen, anfeindet und vor allem wird ihn seine Liebe zu Ulrike Jaro in konfliktreiche Situationen führen. Wie wird er das alles meistern, …
Beschreibung
Ein Apriltag des Jahres 1945. An einer Panzersperre erleben Achim Steinhauer und Frank Lutter als Hitlerjungen das Ende des Krieges. Aber war wirklich zu Ende, was sie mit Blut beschworen hatten?
Achim Steinhauer wird es nicht leicht haben, seinen Weg aus den Verstrickungen der geschlagenen Welt des Faschismus in eine neue Zeit zu finden. Er begegnet schwierigen Situationen, er erkennt seine künftigen Freunde nur schwer, etwa Matthias Münz, den Kommunisten, der aus dem KZ kommt. Auch Franks Weg, der sich bald den antifaschistischen Kräften anschließt, versteht er zunächst nicht. Und schwierig wird für ihn die Zeit im Gefängnis, wo ihm schließlich der sowjetische Oberst Koschkin zu sich selbst und zur Freiheit verhilft.
Bewähren und bestehen muss er die Station der Schule, wo man ihn, den Arbeiterjungen, anfeindet und vor allem wird ihn seine Liebe zu Ulrike Jaro in konfliktreiche Situationen führen. Wie wird er das alles meistern, und wie werden es seine Freunde schaffen?
So begegnen wir ihnen wieder: Frank Lutter ist Student der Journalistik, Achim Steinhauer studiert Biologie in Leipzig. Beide - jeder auf seine Art - haben nicht geringe Konflikte, Fragen, Zweifel zu bewältigen auf dem Weg durch das Studium. Sie durchleben den stürmischen, ereignisvollen, problemreichen „Frühling mit Gewalt" der Jahre 1951 bis 1953 und werden mit brisanten weltanschaulichen, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und entscheidenden politischen Ereignissen konfrontiert.
Was ist Objektivismus in der Wissenschaft in dieser Zeit? Ist Widerruf legitim? Ein Plan wird vorfristig erfüllt: Wo liegen die Grenzen zwischen Taktik und Betrug?
Wir begegnen auch Münz, dem Genossen und Freund, der mittlerweile Chefredakteur einer Parteizeitung geworden ist, und Erich Höllsfahrt, der als Arbeiter an einer schwierigen Phase des Aufbaus einer neuen Industrie teilnimmt. Und neue Gestalten kommen ins Bild, wie der faszinierende Biologieprofessor Beesendahl. In den Kämpfen und Konflikten gilt es, Standpunkte zu erwerben, zu prüfen und zu behaupten. Und nicht wenige Episoden des turbulenten Studentenalltags zeigen sich auch in ihrer heiteren Dimension.
Was bleibt nur Symbol und worin besteht der tatsächliche geschichtliche Sinn, wenn in den Niederschachtöfen von Eisenstadt »die Feuer verlöschen«?
Ein Werk, mit seiner Produktion einst lebensnotwendig für den jungen Arbeiter- und Bauern-Staat, wird »umprofiliert«, verschrottet. Dieser Prozess greift tief in die Schicksale, bis in die intimsten Beziehungen jener Figuren ein, die dem Leser bereits aus Erik Neutschs vorangegangenen Büchern seines großangelegten Romanwerkes »Der Friede im Osten« bekannt sind: Achim Steinhauer und seine Frau Ulrike, Erich Höllsfahrt und Frank Lutter.
Und andere treten neu in die Handlung, so der Parteisekretär Kühnau und der Werkleiter Diepold, die, jeder auf seine Art, von den Konflikten bis an die Grenze ihrer physischen Existenz getrieben werden.
Überzeugend wird sichtbar, unter welcher Anspannung die Menschen am Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre um den Aufbau der neuen Gesellschaft kämpfen, wie sie die Macht der Arbeiter und Bauern verteidigen.
Dabei erweist sich Erik Neutsch wiederum als ein Erzähler mit großem Atem, Sachkenntnis und geistig-moralischem Anspruch, dem es stets auch auf die »Profilierung« seiner Helden in erregenden Bewährungssituationen ankommt.
Nahe der Grenze zur CSSR, in den Wäldern des Erzgebirges, begegnen wir Achim Steinhauer wieder, dessen Lebensweg eine überraschende Wende genommen hat: Vom Drang nach Selbstbehauptung erfüllte Jahre als Gleisbauer, Fernfahrer und Mitarbeiter einer Vogelwarte liegen hinter ihm seit jenem Abschied aus Eisenstadt. In dieser Zeit hat er zu schreiben begonnen, eine Erzählung wird publiziert, die er mit Soldaten und Offizieren in einem Feldlager der NVA nach den Ereignissen vom August 1968 diskutiert.
Doch in diesen Tagen erfuhren er und Ulrike auch von Ilse Lutters plötzlichem Tod. Was ist geschehen?
Ins Zentrum dieses Romans von Erik Neutsch rückt die Geschichte um Frank Lutters Ehe. Er hat promoviert und befindet sich im Aufstieg. Bohrend sind die Fragen, wieweit ihm dabei seine Frau und Lina Bonk, die Journalistin, zu helfen vermögen, und – hat die Freundschaft zwischen ihm und Achim Steinhauer noch eine Chance?
Nahe der Grenze – der Titel des Buches wird zum Bild für die inneren und äußeren Vorgänge, die der Leser miterlebt.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 20.08.2020 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 20.08.2020 |
| Seiten | 2183 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-075-2 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-076-9 |
| ASIN (Kindle) | B08G1SFNFB |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
17. Juni 19532. WeltkriegAbtreibungAlkoholikerCSSRDDRFDJFremdgehenGenforschungHalleHitlerjugendHollygansJenaJugendgangKollektivierungLeipzigLPGLyssenkoNKWDNVARationalisierungSekteSowjetische BesatzungszoneSozialismusLeseprobe
Nein, die Schritte der Mutter waren es nicht. Der Vater befand sich ohnehin wieder auf Reisen. Vielleicht weilte er wirklich in Berlin, vielleicht auch nur dort, wo er nach seiner Geographie Berlin angesiedelt hatte. Aber was störte es ihn noch! Ihm, Robert, war es gleich, schnurzpiepe, wo sein Alter die Nächte verbrachte. Lina Bonk, nach dieser Enttäuschung, war nicht mehr sein Typ. Ihr Bild war ihm während seiner Abwesenheit entwendet worden. Aber selbst, wenn er es noch besessen hätte, er hätte es zerrissen und seine Fetzen durchs Klobecken gespült. Dort gehörten sie beide hin, sie und sein Vater ...
Clara ... Es konnte nur Clara sein, die so spät umhergeisterte. Eine dumpfe Ahnung befiel ihn, und er mußte ihr nachgehen. Was hatte denn sie noch, um diese Zeit, im Wohnzimmer zu suchen?
Einige Male, obwohl zögernd, mit verhaltenen Worten, ihrer Sache nicht sicher, hatte sich in den letzten Wochen die Mutter darüber beklagt, daß ihr im Portemonnaie Geld fehle, und stets dabei ihn mit mißtrauischen, fast strafenden Augen angesehen. Nachdem jedoch seine Schwester in der Kaufhalle die Schokolade gestohlen hatte, waren ihre Blicke - und diesmal trauriger denn je, wie ihm schien - vom einen zum anderen gewandert. Er vermutete, daß es sich nur um Pfennigbeträge handelte, dieses oder jenes Markstück, aber er, das konnte er beschwören, mußte er wohl von sich selber hundertprozentig wissen, war in dieser Beziehung sauber.
Er kroch aus dem Bett, schlich sich durch den Korridor. Wenn das zuträfe, was er glaubte, sein detektivischer Spürsinn nicht trog und er sie auf frischer Tat überraschte ... Er könnte sich ein für allemal reinwaschen.
Und so geschah es.
Als er die Tür aufriß, sah er Clara über die Couch gebeugt, halb auf den Knien, im Nachthemd. Nur das Licht der Stehlampe in der Sesselecke funzelte. Dennoch war alles klar zu erkennen. Mit beiden Händen wühlte sie soeben in der Umhängetasche, in der die Mutter Papiere des täglichen Bedarfs aufbewahrte, ihren Personalausweis, Straßenbahnfahrkarten, ein Schlüsselbund, auch sonst eine Menge Krimskrams und - ihr Portemonnaie aus rotem Rindsleder.
»Ich hab dich erwischt«, schrie er. »Du gemeines Biest, du Diebin!«
O, jetzt konnte er wieder einmal Gerechtigkeit üben. Er stürzte auf sie zu und versetzte ihr links und rechts Ohrfeigen.
Sie heulte, stotterte irgend etwas vor sich hin, wimmerte, bat ihn, halb erstickt unter Tränen, sie nicht zu verraten. Sie erschien ihm in diesem Zustand noch häßlicher als sonst. Er schlug ihr nochmals ins sommersprossige Gesicht und vernahm nur die Worte: »Bitte, bitte, wecke sie nicht. Sie will ihre Ruhe haben. Wir sollen sie nicht stören ...«
»Das könnte dir so passen ...«
Nein, diesen Gefallen würde er seiner Schwester niemals tun. Denn was für eine einmalige Gelegenheit bot sich ihm da, der Mutter zu beweisen, daß nicht er der ständige Sündenbock sei, sondern dieses ihm stets vorgezogene, mit Lobsprüchen noch bis vor kurzem überhäufte Töchterchen.
Er klopfte an die Tür des Schlafzimmers.
»Mama! Mama!«
Nichts aber rührte sich.
»Mama! Wach auf! Mir tut es leid, aber ich muß dich stören ...«
Er erhielt keine Antwort.
Das Schlafzimmer, so hatten es die Eltern bestimmt, war ein Bereich, den sowohl er als auch Clara nur mit ihrer Erlaubnis betreten durften. Nicht selten kam es auch vor, besonders in letzter Zeit, daß sich die Mutter, sobald sie sich unwohl fühlte, darin einschloß.
Robert zögerte einen Moment. Dann aber drückte er die Klinke nieder, sie gab nach. Endlich sollte die Mutter die Wahrheit erfahren, wissen, wer sie bestahl.
Er schaltete das Licht an.
Da sah er sie liegen. Auf ihrer Seite in den Ehebetten. So ungemein friedlich, wie es schien. Bis ans Kinn gezogen die Decke. Mit geschlossenen Augen. Doch verfallen, zusammengeschrumpft der Mund, ein wenig zwar geöffnet, aber mit ganz schmalen Lippen.
Er trat näher. Er vernahm keinen Atemzug an ihr.
Bleiern senkte sich etwas in ihn hinab. Yesterday, I Want to Hold Your Hand ... Es dröhnte in seinem Kopf. Jetzt sah er es deutlicher: Der Anblick seiner Mutter war so unnatürlich, daß es ihm ein Frösteln einjagte und seine Gedanken sich verwirrten.
Von einer unbestimmten Furcht gepackt, wagte er dennoch, sie anzurühren. Er versuchte, sie wachzurütteln, nur zaghaft, ängstlich.
Unter der Bettdecke glitt ein Arm hervor. Die Hand mit dem Ehering. Schlaff hing sie herunter.
Auf dem Nachtschrank stand ein Glas mit Wasser, in dem ihre Zahnprothese schwamm.
Daneben lag ein Blatt Papier, willkürlich mit Druckbuchstaben aus Schlagzeilen von Zeitungen beklebt: SeHR geEhrTe FraU LuTteR ...
Er kannte den Text. Er war sein Werk, und er riß den Zettel an sich. Der Brief hatte sie doch nur warnen sollen, und niemals hatte er daran gedacht, daß sie sich deswegen ...
Wie im Traum, benommen vor Schreck, gewahrte er noch auf dem Bettvorleger ein zweites Glas. Es lag dort umgekippt und leer.
Er rannte zurück in den Korridor. »Clara! Clara ... Die Mama!«
Seine Schwester hockte nach wie vor winselnd in irgendeiner Ecke.
Ihn aber erfüllte nur noch Entsetzen, und nichts von alledem, was er jetzt tat, drang in sein Bewußtsein. Zwar begriff er, die Mutter war tot, doch er wollte sie immer noch retten, die Mutter, mit ihrer ... Trotz allem ... Mit ihrer großen Liebe zu ihm, ohne die er verloren sein würde ...
Er lief ins Treppenhaus, klingelte bei den Nachbarn, hielt den Finger auf dem Knopf, bis ihm aufgetan wurde.
»Tante Gisela! Tante Gisela! Ich glaube ... Es ist ...« Er würgte an jedem Wort.
Inhaltsverzeichnis
Erstes Buch: Am FlußVorspann
Teil I: NACHKRIEG
Teil 2: GEFANGENSCHAFT
Teil 3: SCHULE
Teil IV: LIEBE
Zweites Buch: Frühling mit Gewalt
Teil I: Besteigung einer Stadt
Teil II: Fast ein Fall
Epilog: Im Garten
Drittes Buch: Wenn Feuer verlöschen
Prolog: Zu zweit
Teil I: Es wiederholt sich nichts
Teil II: Enge und Weite
Teil III: Unser Werk
Viertes Buch: Nahe der Grenze
Das Lager im Gebirge
Doktor Lutter
Familiensache
Neue Aussicht
Wechsel
Das Lager im Gebirge (Fortsetzung)
Die Fessel
Schlag ins Wasser
Flucht
Wie ein Tonbandstopp
Abschied vom Gebirge












