
Das russische Kapitulationsangebot war abgelehnt worden. Die Folge war die Liquidierung des Kessels. Der erste Schlag öffnete die Front im Norden im Raum von Dmitrewka und gleichzeitig im Süden im Raum von Krawzow und Zybenko. Der weiter getragene Stoß führte im Norden bis zu dem an der Eisenbahnlinie Kalatsch–Stalingrad gelegenen großen Steppendorf Karpowka, und im Süden zielte er ebenfalls auf Karpowka. Die aus der „Nase“ flüchtenden Truppen, in der Hauptmasse war es die 3. I.D. (mot.), ließen einen Teil ihres Menschen- und Materialbestandes in einem tobenden Schneesturm zurück; und östlich Karpowka bei Nowo-Rogatschik gerieten die Haufen aufs Neue ins Feuer, dieses Mal in den von Süden vorgetragenen Stoß der Roten Armee. Die schon jenseits des Dons bei Kletskaja schwer angeschlagene 376. I.D., jetzt in der Richtung des Hauptstoßes liegend, hörte an dieser Stelle auf zu bestehen. Die in letzter Stunde zur Ablösung geschickte 29. I.D. (mot.) wurde in den Untergang hineingerissen, und nur Trümmer beider Divisionen fielen nach Osten zurück. Die weiter nördlich liegende 344. I.D. und auch die 76. I.D. wurden ebenfalls nach Osten abgedrängt. Dieses Mal war es die noch weiter nördlich liegende und bisher der Nordriegelstellung angehörende 113. I.D., die den stillstehenden Drehpunkt bildete, um den herum die Schwenkung auszuführen war. Diese Schwenkung aber war Flucht durch schneezertoste Räume und war Zurückfallen von einem Schlachtfeld, auf dem das Material von Divisionen weggeworfen wurde und auf dem nach drei Tagen währenden Kämpfen 30 000 Tote zurückblieben. Die neue Widerstandslinie, die nicht in befohlenem und ordentlich durchgeführtem Rückzug, sondern in Blut und Auflösung vom Armeeoberkommando angestrebt wurde, und die nichts als eine Linie auf dem Papier und ein auf den Generalstabskarten von Norden nach Süden und quer durch den Kessel verlaufender Strich war, trug das Kennwort „Veilchen“.
Dieser Linie im Leeren strebten die Trümmer der an der Westfront geschlagenen Divisionen zu. Die 113. I.D. im Norden hatte nur eine Schwenkung durchzuführen und das Gesicht nach Westen zu kehren. Die 76. I.D. hatte schon zu marschieren. Die 44. I.D. hatte schon einen weiten Weg durch Schnee und Sterben zurückzulegen. Die Reste der 29. I.D. (mot.) und der 3. I.D. (mot.) und die Haufen der auf dem Papier weitergeführten 376. I.D. hatten schon einen zu weiten Weg, und es waren nur noch Elendshaufen, welche die Schneefelder erreichten, die auf den Stabskarten als Abschnitte der Widerstandslinie „Veilchen“ galten.
Fünf deutsche Divisionen flohen – marschierten, in Ordnung, in Unordnung, verpflegt oder von der Verpflegung abgerissen, in Auflösung, auseinanderfallend, sich wieder sammelnd, nach Osten. Dmitrewka war überrannt worden. Karpowka, Nowo-Alexejewka, Baburkin und die Bunkerdörfer am Rossoschkaflüsschen wurden von den Stäben in Panik geräumt.
Geöffnete Koffer, zusammengeballte Decken, Uniformstücke, verstreute Akten, Notschlachtungen, lebend verladene Schweine, nach Osten getriebene Kühe, aus Hoftoren herausschwankende hochbeladene Lastkraftwagen, Kübelwagen, Befehlsomnibusse, Ferngespräche, Schreie nach Benzin für Verpflegungslager, Verwundetensammelstellen, für den Stab.
Schneesturm.
28 Grad unter Null.
Moskau-Stalingrad-Berlin. Der große Krieg im Osten
Moskau – Stalingrad – Berlin ist das monumentale Finale von Theodor Plieviers schonungsloser Chronik des Krieges im Osten. In drei gewaltigen Stationen verfolgt der Autor den Weg eines verbrecherischen Feldzugs – vom ersten Scheitern vor Moskau über den Untergang der 6. Armee in Stalingrad bis in die brennenden Trümmer Berlins.Plievier erzählt nicht aus der Perspektive der Sieger oder der großen Strategen, sondern aus der Nähe der Menschen: Soldaten, Offiziere und Zivilisten, gefangen in einem System aus Ideologie, Gehorsam und Gewalt. Er zeigt, wie der Krieg entmenschlicht, wie Schuld verdrängt und Leiden gerechtfertigt werden – und wie am Ende eines fanatischen Durchhaltens nur Ruinen, Tod und moralischer Bankrott bleiben.Dieses Buch ist mehr als ein historischer Roman. Es ist ein literarisches Zeugnis gegen den Krieg, eine Anklage gegen Militarismus und Menschenverachtung – und eine eindringliche Mahnung, wohin Nationalismus und blinder Gehorsam führen. Ein Werk von bedrückender Aktualität.
Beschreibung
Moskau – Stalingrad – Berlin ist das monumentale Finale von Theodor Plieviers schonungsloser Chronik des Krieges im Osten. In drei gewaltigen Stationen verfolgt der Autor den Weg eines verbrecherischen Feldzugs – vom ersten Scheitern vor Moskau über den Untergang der 6. Armee in Stalingrad bis in die brennenden Trümmer Berlins.
Plievier erzählt nicht aus der Perspektive der Sieger oder der großen Strategen, sondern aus der Nähe der Menschen: Soldaten, Offiziere und Zivilisten, gefangen in einem System aus Ideologie, Gehorsam und Gewalt. Er zeigt, wie der Krieg entmenschlicht, wie Schuld verdrängt und Leiden gerechtfertigt werden – und wie am Ende eines fanatischen Durchhaltens nur Ruinen, Tod und moralischer Bankrott bleiben.
Dieses Buch ist mehr als ein historischer Roman. Es ist ein literarisches Zeugnis gegen den Krieg, eine Anklage gegen Militarismus und Menschenverachtung – und eine eindringliche Mahnung, wohin Nationalismus und blinder Gehorsam führen. Ein Werk von bedrückender Aktualität.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 16438 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 08.01.2026 |
| Seiten | 4269 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-633-9 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-634-6 |
| ASIN (Kindle) | B0GFG6DJ7V |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
17. Juni 19531942AngriffskriegAngstAntifaschismusAntikriegsliteraturApokalypseBefehl und GehorsamBerlin 1945BesatzungBombenkriegDeutsche GeschichteDiktaturDokumentarromanDurchhaltewahnEntmenschlichungErinnerungskulturFluchtFrontalltagFrontberichtFrontpsychologieFrontsoldatenGewaltGewaltspiraleLeseprobe
Das russische Kapitulationsangebot war abgelehnt worden. Die Folge war die Liquidierung des Kessels. Der erste Schlag öffnete die Front im Norden im Raum von Dmitrewka und gleichzeitig im Süden im Raum von Krawzow und Zybenko. Der weiter getragene Stoß führte im Norden bis zu dem an der Eisenbahnlinie Kalatsch–Stalingrad gelegenen großen Steppendorf Karpowka, und im Süden zielte er ebenfalls auf Karpowka. Die aus der „Nase“ flüchtenden Truppen, in der Hauptmasse war es die 3. I.D. (mot.), ließen einen Teil ihres Menschen- und Materialbestandes in einem tobenden Schneesturm zurück; und östlich Karpowka bei Nowo-Rogatschik gerieten die Haufen aufs Neue ins Feuer, dieses Mal in den von Süden vorgetragenen Stoß der Roten Armee. Die schon jenseits des Dons bei Kletskaja schwer angeschlagene 376. I.D., jetzt in der Richtung des Hauptstoßes liegend, hörte an dieser Stelle auf zu bestehen. Die in letzter Stunde zur Ablösung geschickte 29. I.D. (mot.) wurde in den Untergang hineingerissen, und nur Trümmer beider Divisionen fielen nach Osten zurück. Die weiter nördlich liegende 344. I.D. und auch die 76. I.D. wurden ebenfalls nach Osten abgedrängt. Dieses Mal war es die noch weiter nördlich liegende und bisher der Nordriegelstellung angehörende 113. I.D., die den stillstehenden Drehpunkt bildete, um den herum die Schwenkung auszuführen war. Diese Schwenkung aber war Flucht durch schneezertoste Räume und war Zurückfallen von einem Schlachtfeld, auf dem das Material von Divisionen weggeworfen wurde und auf dem nach drei Tagen währenden Kämpfen 30 000 Tote zurückblieben. Die neue Widerstandslinie, die nicht in befohlenem und ordentlich durchgeführtem Rückzug, sondern in Blut und Auflösung vom Armeeoberkommando angestrebt wurde, und die nichts als eine Linie auf dem Papier und ein auf den Generalstabskarten von Norden nach Süden und quer durch den Kessel verlaufender Strich war, trug das Kennwort „Veilchen“.
Dieser Linie im Leeren strebten die Trümmer der an der Westfront geschlagenen Divisionen zu. Die 113. I.D. im Norden hatte nur eine Schwenkung durchzuführen und das Gesicht nach Westen zu kehren. Die 76. I.D. hatte schon zu marschieren. Die 44. I.D. hatte schon einen weiten Weg durch Schnee und Sterben zurückzulegen. Die Reste der 29. I.D. (mot.) und der 3. I.D. (mot.) und die Haufen der auf dem Papier weitergeführten 376. I.D. hatten schon einen zu weiten Weg, und es waren nur noch Elendshaufen, welche die Schneefelder erreichten, die auf den Stabskarten als Abschnitte der Widerstandslinie „Veilchen“ galten.
Fünf deutsche Divisionen flohen – marschierten, in Ordnung, in Unordnung, verpflegt oder von der Verpflegung abgerissen, in Auflösung, auseinanderfallend, sich wieder sammelnd, nach Osten. Dmitrewka war überrannt worden. Karpowka, Nowo-Alexejewka, Baburkin und die Bunkerdörfer am Rossoschkaflüsschen wurden von den Stäben in Panik geräumt.
Geöffnete Koffer, zusammengeballte Decken, Uniformstücke, verstreute Akten, Notschlachtungen, lebend verladene Schweine, nach Osten getriebene Kühe, aus Hoftoren herausschwankende hochbeladene Lastkraftwagen, Kübelwagen, Befehlsomnibusse, Ferngespräche, Schreie nach Benzin für Verpflegungslager, Verwundetensammelstellen, für den Stab.
Schneesturm.
28 Grad unter Null.
Theodor Plievier
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