
Thomas bemerkte nicht, dass sein Großvater in die Scheune gekommen war und seinem Tun eine Weile zusah.
„Hast das Motorrad gefunden?“
Der Junge wandte sich schreckhaft seinem Opa zu, ließ die Hände sinken, stand hilflos, verlegen, fühlte sich ertappt.
„Eine gute Maschine“, sagte der Opa und kam näher.“Neunzehnfünfundsiebzig bin ich das letzte Mal darauf gefahren. Die hat mitgemacht bei Wind und Wetter. Schläuche müssten noch da sein. Nagelneu. Talkumiert.“ Er stieß mit dem Schuh gegen den platten Mantel des Hinterrades. „Pumpe aber am besten erst einmal Luft auf. Vielleicht halten die Schläuche noch.“
Thomas lockerte seine Stellung. Kein Vorwurf. Das klang, als dürfte er mit dem Motorrad fahren.
„Deinem Vater erzähl’s lieber nicht“, sagte der Opa. Er sparte aus, warum. Thomas verstand trotzdem. Sein Vater benölte die Fliege an der Wand, seit er aus der zentralbeheizten Wohnung aufs Land gezogen war. Sie hätten sich von der totalen Freiheit der Stadt in die Zwänge des Landlebens begeben, sagte er oft. Thomas dagegen entdeckte täglich mehr Freiheiten, und für ihn war es die größere Freiheit, den Ofen selbst zu heizen, als ihn geheizt zu bekommen.
„Bist du damit auch über die Äcker gefahren. Opa?“
„Über die abgeernteten Felder, aber sicher.“ Großvaters Augen waren plötzlich von freundlichen Fältchen umkränzt.
„Fest genug musste der Boden natürlich sein, aber manchen Sandweg hat sie genommen.“
„Bist du auch Cross gefahren?“
„Nein, Cross nicht. Zur Arbeit und während der Arbeit von Feld zu Feld. Dieser Hebel ist die Fußbremse. Und der hier drüben der Ganghebel.“
„Weiß ich doch, Opa“, versicherte Thomas schnell. „Kupplungshebel, Gasgriff. Kupplung ziehen, Gang rein, Kupplung langsam kommen lassen, dabei Gas geben, und los geht’s!“
„Wenn du alles schon weißt, wird's Zeit, dass die Maschine in Ordnung kommt.“
Ein vielversprechender Satz für Thomas. Er wurde mit einem Mal quicklebendig. „Und du hast die ganze Zeit während der Arbeit im Sattel verbracht?“
„Als Feldbaubrigadier so manche Stunde, aber nicht die ganze Zeit.“
Thomas sah ihn schwärmerisch an. „Ich möchte einen Beruf haben, der nur mit dem Motorrad ausgeführt werden kann.“
Der Großvater dachte nach. „Einen solchen Beruf wirst du wohl kaum finden. Als ich noch ein bisschen jünger war als du, wollte ich ‚Hans im Glück‘ werden. Das schien mir der rechte Beruf zu sein. Und was bin ich geworden? Bauer. Kühe hatte ich, auch Schweine, einen Klumpen Gold allerdings nicht. Es war ein schöner Beruf. Ich habe nie geklagt. Bei den Soldaten gab’s das früher, Kradmelder.“
Thomas merkte auf. „Und heute in der Armee?“
„Was weiß ich“, sagte der Großvater. „Morgen nach der Schule, noch bevor dein Vater von der Arbeit kommt, ziehen wir erst einmal die Schläuche auf.“
Hoffnungen
Jürgen Ritschel erzählt von Jugendlichen der DDR, ihren Lebensauffassungen, Erwartungen und Hoffnungen. An der Schwelle vom Kindes- zum Erwachsenenalter stehen sie vor Entscheidungen, die für ihr weiteres Leben wichtig sind. Ein jeder wird gebraucht, jeder muss seinen Platz finden. Jeder hat seine Chance, aber auch seine Pflichten, und immer werden Lehrer, Eltern oder Vorgesetzte gefordert.Der Autor rückt in den vorliegenden drei Erzählungen Haltungen wie Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen, Bewähren oder Versagen in schwierigen Situationen in den Mittelpunkt seiner Erkundungen.In «Jagdflieger sein» hat es sich ein Vierzehnjähriger in den Kopf gesetzt, Jagdflieger zu werden. Gesundheitliche Schäden nach einer Rettungstat werfen all seine Pläne zunächst über den Haufen ...Mit welchem Maß an Strenge und Feingefühl kann ein Ausbilder im GST-Lager der Studenten seine Aufgabe lösen? Dieser Frage geht Jürgen Ritschel in der Erzählung «Jochen Winter» nach.In «Cross auf Lanz Bulldog» wendet sich der Autor …
Beschreibung
Jürgen Ritschel erzählt von Jugendlichen der DDR, ihren Lebensauffassungen, Erwartungen und Hoffnungen. An der Schwelle vom Kindes- zum Erwachsenenalter stehen sie vor Entscheidungen, die für ihr weiteres Leben wichtig sind. Ein jeder wird gebraucht, jeder muss seinen Platz finden. Jeder hat seine Chance, aber auch seine Pflichten, und immer werden Lehrer, Eltern oder Vorgesetzte gefordert.
Der Autor rückt in den vorliegenden drei Erzählungen Haltungen wie Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen, Bewähren oder Versagen in schwierigen Situationen in den Mittelpunkt seiner Erkundungen.
In «Jagdflieger sein» hat es sich ein Vierzehnjähriger in den Kopf gesetzt, Jagdflieger zu werden. Gesundheitliche Schäden nach einer Rettungstat werfen all seine Pläne zunächst über den Haufen ...
Mit welchem Maß an Strenge und Feingefühl kann ein Ausbilder im GST-Lager der Studenten seine Aufgabe lösen? Dieser Frage geht Jürgen Ritschel in der Erzählung «Jochen Winter» nach.
In «Cross auf Lanz Bulldog» wendet sich der Autor Konflikten zu, die sich in einer achten Klasse ergeben. Auch hier erweist sich der Autor als gut beobachtender Zeitgenosse.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1987 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 09.07.2015 |
| Seiten | 197 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-417-9 |
| ISBN (PDF) | 978-3-95655-418-6 |
| ASIN (Kindle) | B011AHCE50 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
DDRNVAStudiumSchuleStudienabbrecherFreundschaftJagdfliegerMotorradPanzerLebensretter20. JahrhundertFamilieGroßelternJugendlicheMilitärTeenagerComing-of-ageGSTLanz BulldogLandlebenPflichtenEntscheidungLeseprobe
Thomas bemerkte nicht, dass sein Großvater in die Scheune gekommen war und seinem Tun eine Weile zusah.
„Hast das Motorrad gefunden?“
Der Junge wandte sich schreckhaft seinem Opa zu, ließ die Hände sinken, stand hilflos, verlegen, fühlte sich ertappt.
„Eine gute Maschine“, sagte der Opa und kam näher.“Neunzehnfünfundsiebzig bin ich das letzte Mal darauf gefahren. Die hat mitgemacht bei Wind und Wetter. Schläuche müssten noch da sein. Nagelneu. Talkumiert.“ Er stieß mit dem Schuh gegen den platten Mantel des Hinterrades. „Pumpe aber am besten erst einmal Luft auf. Vielleicht halten die Schläuche noch.“
Thomas lockerte seine Stellung. Kein Vorwurf. Das klang, als dürfte er mit dem Motorrad fahren.
„Deinem Vater erzähl’s lieber nicht“, sagte der Opa. Er sparte aus, warum. Thomas verstand trotzdem. Sein Vater benölte die Fliege an der Wand, seit er aus der zentralbeheizten Wohnung aufs Land gezogen war. Sie hätten sich von der totalen Freiheit der Stadt in die Zwänge des Landlebens begeben, sagte er oft. Thomas dagegen entdeckte täglich mehr Freiheiten, und für ihn war es die größere Freiheit, den Ofen selbst zu heizen, als ihn geheizt zu bekommen.
„Bist du damit auch über die Äcker gefahren. Opa?“
„Über die abgeernteten Felder, aber sicher.“ Großvaters Augen waren plötzlich von freundlichen Fältchen umkränzt.
„Fest genug musste der Boden natürlich sein, aber manchen Sandweg hat sie genommen.“
„Bist du auch Cross gefahren?“
„Nein, Cross nicht. Zur Arbeit und während der Arbeit von Feld zu Feld. Dieser Hebel ist die Fußbremse. Und der hier drüben der Ganghebel.“
„Weiß ich doch, Opa“, versicherte Thomas schnell. „Kupplungshebel, Gasgriff. Kupplung ziehen, Gang rein, Kupplung langsam kommen lassen, dabei Gas geben, und los geht’s!“
„Wenn du alles schon weißt, wird's Zeit, dass die Maschine in Ordnung kommt.“
Ein vielversprechender Satz für Thomas. Er wurde mit einem Mal quicklebendig. „Und du hast die ganze Zeit während der Arbeit im Sattel verbracht?“
„Als Feldbaubrigadier so manche Stunde, aber nicht die ganze Zeit.“
Thomas sah ihn schwärmerisch an. „Ich möchte einen Beruf haben, der nur mit dem Motorrad ausgeführt werden kann.“
Der Großvater dachte nach. „Einen solchen Beruf wirst du wohl kaum finden. Als ich noch ein bisschen jünger war als du, wollte ich ‚Hans im Glück‘ werden. Das schien mir der rechte Beruf zu sein. Und was bin ich geworden? Bauer. Kühe hatte ich, auch Schweine, einen Klumpen Gold allerdings nicht. Es war ein schöner Beruf. Ich habe nie geklagt. Bei den Soldaten gab’s das früher, Kradmelder.“
Thomas merkte auf. „Und heute in der Armee?“
„Was weiß ich“, sagte der Großvater. „Morgen nach der Schule, noch bevor dein Vater von der Arbeit kommt, ziehen wir erst einmal die Schläuche auf.“
Inhaltsverzeichnis
Jochen Winter
Cross auf Lanz Bulldog
Jagdflieger sein








