
Wenn ich mich nicht irre, blieb Edith nach Gerdas Konfirmation noch ein weiteres Jahr, zumindest eine Reihe von Monaten, bei uns, um Gerda richtig einzuarbeiten. Das geschah weniger aus Rücksichtnahme auf das spillerige, immer noch einem zwölfjährigen Kind gleichende Jerdachen als auf meine Mutter, die in anderen Umständen war und wahrscheinlich daran dachte, eines der beiden Mädchen als Kindermädchen zu gebrauchen. Das Kind wurde tot geboren.
Davon erfuhr ich erst, als ich schon erwachsen war. Die Eltern hatten wohl den Mädchen verboten, mir davon zu erzählen. Dabei muss dieses Geschehen eine chaotische Wirkung auf meine Eltern gehabt haben, denn für eine Zeit lang ließen sie die beiden Dienstmädchen und auch mich aus den Augen.
Das gab uns Freiräume und auch Gerda die Möglichkeit, sich noch einmal kindlich auszuspielen.
Jerdachen musste tatsächlich Kind sein, ebenso wie ich. Das dritte, neugeborene Baby war meine Puppe, die wurde in den Kinderwagen meiner toten Schwester gebettet. Unsere "Eltern" waren Dora und Edith.
Dora überragte Jerdachen um eine Handbreite, war ein hübsches, kräftiges, mehr ihrer Mutter ähnelndes Mädchen. Sie war der Vater unserer improvisierten Familie, Edith die Mutter. Das Spiel wurde in den Anlagen am Oberteich betrieben, dazu hatten sie den Wäschevorrat des toten Kindes "ausgeliehen", Laken, Badetücher, Windeln. Während Gerdas und meine Aufgabe darin bestand, artig oder ungezogen zu sein, zu petzen, auf "unsere kleine Schwester" aufzupassen, gelobt oder bestraft zu werden, schliefen die Eltern wiederholt miteinander auf Parkbänken, von einem großen Moltontuch zugedeckt.
Irgendetwas war da, aber ich begriff es nicht. Wahrscheinlich war dieses Spiel überhaupt wegen seines sonderbaren Aspekts von den Mädchen ausgewählt worden ...
Interessanter waren für mich Spiele in der Kaplanstraße oder auf dem Kirchenplatz vor der Tragheimer Kirche.
Auf mein Betteln hin nahm mich Jerdachen einige Male in ihre Armeleutestraße mit. Dass de aber nuscht deine Mutter sagen tust! drohte sie.
Aber wo würde ich ... Ich half ihr sogar rasch bei einigen Arbeiten, denn ohne Gerda würden die "Kroppzeugkinder" nie mit mir spielen.
Wir tobten als Räuber und Prinzessin durch Wohnhäuser vom Keller bis zum Boden, versteckten uns auf Hinterhöfen, kletterten in den verbotenen Pfarrgarten oder schlichen durch den stillen, von riesigen Bäumen überdachten Park eines Stifts vornehmer alter Fräuleins.
Nie hätte ich ohne Gerda die aufregende Maßlosigkeit wilder Spiele erfahren, nie ein sich bis zur Erschöpfung Austoben. Sicher waren Gerdas Tage, bevor ihre Mutter starb, öfter von solchen Spielen geprägt gewesen. Wie schlimm muss es also für sie gewesen sein, als sie bei uns nun zunehmend in die Pflicht genommen wurde.
Als Gerda fünfzehn Jahre geworden war, wurde Edith entlassen. Nun zählte Jerdachen als richtiges Dienstmädchen und bekam einen monatlichen Lohn von fünfzehn Deutschen Reichsmark. FÜNFZEHN ...
Gewiss, sie wurde ernährt - darüber wird zu reden sein -, gekleidet, aus den abgelegten Sachen meiner Mutter, hatte ein Dach überm Kopf - genauer eine Speisekammerdecke.
So scheuerte, bürstete, kratzte, fegte, saugte, bohnerte, wusch Jerdachen in den nächsten zehn Jahren unsern Dreck weg. Klein, mager, schielend rackerte sie durch sechs Zimmer und drei weitere Räume. Eines Tages hackte sie sich ein Stück Finger weg.
Wieder so ein Zeichen ... Anstatt Mitgefühl zu empfinden, nahm ich ihren ekligen Finger als Beweis ihrer Minderwertigkeit. Wahrscheinlich brauchte ich eine solche Sicht, um mein schlechtes Gewissen zu unterdrücken, da ich doch erlebte, wie meine Spielgefährtin ausgenutzt wurde.
Eventuell war es aber auch so, dass ich, ein Kind, über das die Eltern ständig ihre Unzufriedenheit äußerten, froh war, dass da eine war, die noch weniger taugte als ich. Und sicher nahm ich die Ausbrüche meines Vaters über die Verstocktheit dieses "Groschenferkels" als Rechtfertigung oder fühlte Genugtuung, wenn meine Mutter von Gerdas falschem Blick sprach und behauptete: Wenn die könnte, wie sie wollte ...
Gerda, das Nuschtchen
In diesen drei Texten erzählt die Autorin mit viel Wärme und Verständnis und einem Blick für Details sowie mit für den Leser unerwarteten Wendungen von Leben, wie sie hätten sein sollen oder zumindest können und wie sie abweichend von ursprünglichen Träumen tatsächlich waren. So endete das Leben des Vaters von Onkel Alfred, dem Helden der dritten Erzählung, tragisch:Nachdem Onkel Alfreds Vater mit dem kleinen Sohn von seinen Montagearbeiten in Riga ins heimatliche Aue zurückgekehrt war, tat er etwas Fürchterliches. Er hängte sich auf!Und wir erfahren noch von einer anderen Liebe des Uhren- und Brillen-Reparateurs:In der Pause kam der Geiger an unseren Tisch. Er reichte Onkel Alfred die Hand und sagte: Nanu, Alfred, du wirst doch nicht unsolide? Mit so einer jungen Frau?Warum sollte ich nicht, antwortete Onkel Alfred in einer für seine Art ungewohnten Keckheit. Erklärte dann aber, dass ich seine Nichte, die Lehrerin aus …
Beschreibung
In diesen drei Texten erzählt die Autorin mit viel Wärme und Verständnis und einem Blick für Details sowie mit für den Leser unerwarteten Wendungen von Leben, wie sie hätten sein sollen oder zumindest können und wie sie abweichend von ursprünglichen Träumen tatsächlich waren. So endete das Leben des Vaters von Onkel Alfred, dem Helden der dritten Erzählung, tragisch:
Nachdem Onkel Alfreds Vater mit dem kleinen Sohn von seinen Montagearbeiten in Riga ins heimatliche Aue zurückgekehrt war, tat er etwas Fürchterliches. Er hängte sich auf!
Und wir erfahren noch von einer anderen Liebe des Uhren- und Brillen-Reparateurs:
In der Pause kam der Geiger an unseren Tisch. Er reichte Onkel Alfred die Hand und sagte: Nanu, Alfred, du wirst doch nicht unsolide? Mit so einer jungen Frau?
Warum sollte ich nicht, antwortete Onkel Alfred in einer für seine Art ungewohnten Keckheit. Erklärte dann aber, dass ich seine Nichte, die Lehrerin aus Berlin, sei.
Er ist ein Kollege, auch Uhrmacher, aber nicht selbstständig. In seiner Freizeit tingelt er, ich glaube, er wäre lieber ganz Musiker, vertraute mir Onkel Alfred an. Ja, wer kann im Leben schon das machen, was er gern möchte?
Wärst du lieber etwas anderes geworden? fragte ich.
Auch in den beiden anderen Erzählungen geht Schulz-Semrau auf Spurensuche: In „Karalautschi“ erzählt sie von ängstlichen Kindheitstagen und quälenden Klavierstunden sowie von einem seltsamen Abkommen mit Gott, dem Allesfresser:
Auf meinem Schulweg, der natürlich immer mit irgendetwas, das ich vergessen, nicht ordentlich oder gar nicht erledigt hatte, beschwert war, kam ich an der Konditorei Kaiser vorbei. Ich verweilte kurz vor den gefüllten Schaufenstern und begann mit meinem Ablasshandel. Also, lieber Gott, heute bekommst du zehn Stück Bienenstich, zehn Sahnerollen, fünfzehn Streuselschnecken, zehn Marzipanschnittchen, zwanzig Windbeutel, fünfzig Baiser mit Schlagsahne (das aß ich selbst am liebsten), davon ... und davon ... Danach folgten Bestellungen aus dem Milchladen und aus der Fleischerei.
Manchmal reicherte ich die Lebensmittelladung rasch noch ein wenig an, es konnte ja sein, der Gott war nicht zufrieden, würde mir also auch nicht genügend zur Seite stehen, wenn mich das Leben am Wickel hatte.
In der Titelgeschichte „Gerda, das Nuschtchen“ setzt sich die Autorin mit den Themen gelungenes und nicht gelungenes Leben auseinander:
Die todkranke Mutter der dreizehnjährigen Gerda bittet die „Gnädige“, bei der sie zusätzlich zu ihrer Arbeit an der Wäscherolle beim Hausputz hilft, sich um ihre Tochter zu kümmern. Als die Frau drei Tage später stirbt, wird die (fast) fensterlose Speisekammer als Schlafraum für das Mädchen hergerichtet, das ein Jahr später die Schule verlässt und die entlassene Dienstmagd ersetzt. Gerda hält auch auf der Flucht aus Königsberg ihren „Herrschaften“ die Treue und trägt in der schweren Nachkriegszeit mit ihrer Hände Arbeit in der neuen Heimat Tangermünde ganz wesentlich zur Ernährung bei. Ganz allmählich und sehr zaghaft entwickelt sich bei Gerda etwas Selbstbewusstsein, die nun die Frau nicht mehr „Gnädige“ nennt.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.2007 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 11.07.2014 |
| Seiten | 103 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-360-8 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-356-2 |
| ASIN (Kindle) | B00WXLHA1G |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
KönigsbergTangermündeDienstmagdWaiseFluchtGeistigbehinderterAusbeutung2. Weltkrieg20. JahrhundertKriegFamilienbeziehungenFamilieFrauenGeisteskrankheitWaisenGeschichteHistorischKinderJunge ErwachseneLiebeSchulePolitikSchikaneTod und SterbenLeseprobe
Wenn ich mich nicht irre, blieb Edith nach Gerdas Konfirmation noch ein weiteres Jahr, zumindest eine Reihe von Monaten, bei uns, um Gerda richtig einzuarbeiten. Das geschah weniger aus Rücksichtnahme auf das spillerige, immer noch einem zwölfjährigen Kind gleichende Jerdachen als auf meine Mutter, die in anderen Umständen war und wahrscheinlich daran dachte, eines der beiden Mädchen als Kindermädchen zu gebrauchen. Das Kind wurde tot geboren.
Davon erfuhr ich erst, als ich schon erwachsen war. Die Eltern hatten wohl den Mädchen verboten, mir davon zu erzählen. Dabei muss dieses Geschehen eine chaotische Wirkung auf meine Eltern gehabt haben, denn für eine Zeit lang ließen sie die beiden Dienstmädchen und auch mich aus den Augen.
Das gab uns Freiräume und auch Gerda die Möglichkeit, sich noch einmal kindlich auszuspielen.
Jerdachen musste tatsächlich Kind sein, ebenso wie ich. Das dritte, neugeborene Baby war meine Puppe, die wurde in den Kinderwagen meiner toten Schwester gebettet. Unsere "Eltern" waren Dora und Edith.
Dora überragte Jerdachen um eine Handbreite, war ein hübsches, kräftiges, mehr ihrer Mutter ähnelndes Mädchen. Sie war der Vater unserer improvisierten Familie, Edith die Mutter. Das Spiel wurde in den Anlagen am Oberteich betrieben, dazu hatten sie den Wäschevorrat des toten Kindes "ausgeliehen", Laken, Badetücher, Windeln. Während Gerdas und meine Aufgabe darin bestand, artig oder ungezogen zu sein, zu petzen, auf "unsere kleine Schwester" aufzupassen, gelobt oder bestraft zu werden, schliefen die Eltern wiederholt miteinander auf Parkbänken, von einem großen Moltontuch zugedeckt.
Irgendetwas war da, aber ich begriff es nicht. Wahrscheinlich war dieses Spiel überhaupt wegen seines sonderbaren Aspekts von den Mädchen ausgewählt worden ...
Interessanter waren für mich Spiele in der Kaplanstraße oder auf dem Kirchenplatz vor der Tragheimer Kirche.
Auf mein Betteln hin nahm mich Jerdachen einige Male in ihre Armeleutestraße mit. Dass de aber nuscht deine Mutter sagen tust! drohte sie.
Aber wo würde ich ... Ich half ihr sogar rasch bei einigen Arbeiten, denn ohne Gerda würden die "Kroppzeugkinder" nie mit mir spielen.
Wir tobten als Räuber und Prinzessin durch Wohnhäuser vom Keller bis zum Boden, versteckten uns auf Hinterhöfen, kletterten in den verbotenen Pfarrgarten oder schlichen durch den stillen, von riesigen Bäumen überdachten Park eines Stifts vornehmer alter Fräuleins.
Nie hätte ich ohne Gerda die aufregende Maßlosigkeit wilder Spiele erfahren, nie ein sich bis zur Erschöpfung Austoben. Sicher waren Gerdas Tage, bevor ihre Mutter starb, öfter von solchen Spielen geprägt gewesen. Wie schlimm muss es also für sie gewesen sein, als sie bei uns nun zunehmend in die Pflicht genommen wurde.
Als Gerda fünfzehn Jahre geworden war, wurde Edith entlassen. Nun zählte Jerdachen als richtiges Dienstmädchen und bekam einen monatlichen Lohn von fünfzehn Deutschen Reichsmark. FÜNFZEHN ...
Gewiss, sie wurde ernährt - darüber wird zu reden sein -, gekleidet, aus den abgelegten Sachen meiner Mutter, hatte ein Dach überm Kopf - genauer eine Speisekammerdecke.
So scheuerte, bürstete, kratzte, fegte, saugte, bohnerte, wusch Jerdachen in den nächsten zehn Jahren unsern Dreck weg. Klein, mager, schielend rackerte sie durch sechs Zimmer und drei weitere Räume. Eines Tages hackte sie sich ein Stück Finger weg.
Wieder so ein Zeichen ... Anstatt Mitgefühl zu empfinden, nahm ich ihren ekligen Finger als Beweis ihrer Minderwertigkeit. Wahrscheinlich brauchte ich eine solche Sicht, um mein schlechtes Gewissen zu unterdrücken, da ich doch erlebte, wie meine Spielgefährtin ausgenutzt wurde.
Eventuell war es aber auch so, dass ich, ein Kind, über das die Eltern ständig ihre Unzufriedenheit äußerten, froh war, dass da eine war, die noch weniger taugte als ich. Und sicher nahm ich die Ausbrüche meines Vaters über die Verstocktheit dieses "Groschenferkels" als Rechtfertigung oder fühlte Genugtuung, wenn meine Mutter von Gerdas falschem Blick sprach und behauptete: Wenn die könnte, wie sie wollte ...
Inhaltsverzeichnis
Karalautschi
Gerda, das Nuschtchen
Onkel Alfred
Elisabeth Schulz-Semrau
Weitere Bücher von Elisabeth Schulz-Semrau
Drei Kastanien aus Königsberg
Axel und der Maler Sim
Liane und ihr Baby.
Elchritter
Suche nach Karalautschi. Eine Kindheit in Königsberg
Wer gibt uns die Träume zurück




