
Der Baum beginnt zu schwanken. Der Hauptmann ist aufgesprungen und zurückgetreten. Auch die andern Offiziere treten – das Kartenspiel im Stich lassend – in respektvolle Entfernung. Die Ordonnanzen haben ein paar Stricke um die Äste des Kirschbaumes geschlungen. Sie ziehen mit aller Kraft. Und dann kracht der Baum nieder. Es klingt wie ein aus der Erde gefeuerter Kanonenschuss. Noch einmal dreht sich der mächtige Stamm halb um seine Achse, zerreißt die letzten Fasern und zerbricht am Boden die ächzenden Äste.
Das wäre nun zu Ende. Die beiden Alten wollen gehn.
Nein, es ist noch nicht zu Ende. Wenn schon, so macht man ganze Arbeit. Die Bäuerin muss noch die Kirschen pflücken und fein säuberlich im Körbchen an den Offizierstisch bringen. Und einen zweiten Korb soll sie pflücken für die Ordonnanzen und einen dritten für den Doppelposten draußen. Bitte sehr, der Herr Hauptmann versteht sogar Spaß! Er hängt dem alten Bauern und der Bäuerin je zwei Kirschen – zwei „Pärchen“ – über das Ohr, er hebt sein Glas und trinkt es in einem Schluck leer. „Prost, Russki, das ist euer Anteil! Für heute habt ihr Feierabend! Morgen gibt’s neue Arbeit! Weggetreten!“
Allerdings konnte am nächsten Morgen der Hauptmann die versprochene Arbeit nicht verteilen.
Der Kirschbaum – blutige Ernte
In den Wirren des Sommers 1941, als die Schrecken des Zweiten Weltkriegs das kleine Dorf an der Grenze Weißrusslands heimsuchen, gibt es einen Ort, der wie ein Wunder erscheint: ein einziges Haus mit einem blühenden Kirschbaumgarten. Inmitten der Zerstörung verweilt ein deutscher Hauptmann, unberührt von den Qualen der Einheimischen. Doch als er befiehlt, den geliebten Kirschbaum des alten Michail Wassiljewitsch zu fällen, entzündet sich ein unaufhaltsamer Funke des Widerstands. Ein Akt der Gewalt und der Verzweiflung entfaltet sich, der das Schicksal vieler verändern wird. Friedrich Wolfs eindringliche Erzählung ist ein zeitloses Zeugnis von Mut, Rache und der Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes. Eine Geschichte, die bis heute nachhallt und uns an die dunklen Kapitel unserer Vergangenheit erinnert.
Beschreibung
In den Wirren des Sommers 1941, als die Schrecken des Zweiten Weltkriegs das kleine Dorf an der Grenze Weißrusslands heimsuchen, gibt es einen Ort, der wie ein Wunder erscheint: ein einziges Haus mit einem blühenden Kirschbaumgarten. Inmitten der Zerstörung verweilt ein deutscher Hauptmann, unberührt von den Qualen der Einheimischen. Doch als er befiehlt, den geliebten Kirschbaum des alten Michail Wassiljewitsch zu fällen, entzündet sich ein unaufhaltsamer Funke des Widerstands. Ein Akt der Gewalt und der Verzweiflung entfaltet sich, der das Schicksal vieler verändern wird. Friedrich Wolfs eindringliche Erzählung ist ein zeitloses Zeugnis von Mut, Rache und der Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes. Eine Geschichte, die bis heute nachhallt und uns an die dunklen Kapitel unserer Vergangenheit erinnert.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 15342 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 01.08.2024 |
| Seiten | 12 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-116-7 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-117-4 |
| ASIN (Kindle) | B0D9S95HS5 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
BesatzungDeutsche SoldatenDorflebenFamilienbandeHassHeimatverlustKirschbaumKriegstraumaMenschlichkeitMutNaturOpferPartisanenRacheRebellionÜberlebenswilleVerzweiflungWeißrusslandWiderstandZweiter Weltkrieg1941deutscher HauptmannMichail WassiljewitschGewaltLeseprobe
Der Baum beginnt zu schwanken. Der Hauptmann ist aufgesprungen und zurückgetreten. Auch die andern Offiziere treten – das Kartenspiel im Stich lassend – in respektvolle Entfernung. Die Ordonnanzen haben ein paar Stricke um die Äste des Kirschbaumes geschlungen. Sie ziehen mit aller Kraft. Und dann kracht der Baum nieder. Es klingt wie ein aus der Erde gefeuerter Kanonenschuss. Noch einmal dreht sich der mächtige Stamm halb um seine Achse, zerreißt die letzten Fasern und zerbricht am Boden die ächzenden Äste.
Das wäre nun zu Ende. Die beiden Alten wollen gehn.
Nein, es ist noch nicht zu Ende. Wenn schon, so macht man ganze Arbeit. Die Bäuerin muss noch die Kirschen pflücken und fein säuberlich im Körbchen an den Offizierstisch bringen. Und einen zweiten Korb soll sie pflücken für die Ordonnanzen und einen dritten für den Doppelposten draußen. Bitte sehr, der Herr Hauptmann versteht sogar Spaß! Er hängt dem alten Bauern und der Bäuerin je zwei Kirschen – zwei „Pärchen“ – über das Ohr, er hebt sein Glas und trinkt es in einem Schluck leer. „Prost, Russki, das ist euer Anteil! Für heute habt ihr Feierabend! Morgen gibt’s neue Arbeit! Weggetreten!“
Allerdings konnte am nächsten Morgen der Hauptmann die versprochene Arbeit nicht verteilen.
Friedrich Wolf
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