
Während meine Freundin behaglich schwelgte, kriegte ich kaum einen Bissen herunter. Unser Vorhaben saß mir quer vorm Magen. Meine ehemalige Ritterin dagegen bewies erstaunliche Kaltblütigkeit. Beim Zahlen (sie rechnete die Posten der Preise gewissenhaft nach) sagte sie beiläufig: „Na, und wo ist nun dein Kärtchen?“
Es war eine gute Idee, die Visitenkarte des Dottore mit auf den Teller zu dem Geld zu legen. Der Chef brachte unbewegten Gesichts das Wechselgeld. Seitlich quer über der Rechnung stand: Ab 14 Uhr in Palermo, Katakomben.
Bradamante schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Spielen die mit uns Schnitzeljagd? Nun dürfen wir also wieder zurück nach Palermo. He, Alter!“ Mit beflissenem Gesichtsausdruck kam der Wirt an den Tisch. „Du alter Gauner wirst uns sofort sagen, wo der Dottore ist, oder ...“
Bevor ich überhaupt begriff, hatte sie ihren Dolch gezückt und dem Mann an den Hals gesetzt.
Der hob langsam die Hände. „Ich weiß von gar nichts“, stammelte er (und erinnerte mich damit an Nina in der Wohnung in Palermo), „halten zu Gnaden, Madonna, ich zahle meine Schutzgebühren, ohne den Herrn zu kennen, der sie kassiert, und tue, was man von mir verlangt, ich bin nur beauftragt, demjenigen, der die Karte bringt, diese Mitteilung zu geben. Ich bin ein kleiner Geschäftsmann, der überleben will und -“
Bradamantes Dolch war immer noch gezückt, aber da betrat eine lärmende, fröhliche Touristengruppe das Restaurant. Erlöst ließ der Wirt die Hände sinken und eilte mit der Speisekarte zu den neuen Gästen.
„Du hältst dich an den Falschen“, bemerkte ich leise, während sie ihren Wein austrank.
„Ich lasse mich nicht gern zum Narren halten“, knurrte sie. „Eine feine Gesellschaft! Also zurück nach Palermo!“
Der Bus war jetzt, gegen Mittag, kein bisschen leerer. „Was sind das für seltsame Höhlen, zu denen man uns bestellt hat?“, fragte Bradamante, die missmutig neben mir saß und auf das betonverwüstete Palermo hinunterschaute.
„Mich wundert, dass du sie nicht kennst“, antwortete ich. „Etwas ziemlich Gruseliges, wenn du mich fragst.“
Sie lachte auf. „Ich fürchte mich vor nichts.“
„Fürchten und Gruseln sind zweierlei“, erklärte ich. „In den Katakomben, den unterirdischen Gängen eines Kapuzinerklosters, sitzen und liegen, seit dem siebzehnten Jahrhundert angesammelt, etwa achttausend Mumien, nach ihrem Tode von den trauernden Familienangehörigen angekleidet wie zu ihren Lebzeiten - die hochgeborenen Familien hatten sogar die Erlaubnis, ihre teuren Toten jedes Jahr nach der neuesten Mode anzuziehen - wie findest du das?“
Bradamante zuckte die Achseln. „Etwas kurios, aber wenn sie meinten, dass ihre Angehörigen ein Panoptikum darstellen sollten - bitte. Mich kümmert das nicht. Ich will wissen, was mit unserem Dottore los ist.“
Es ging auf zwei Uhr, und trotz der herbstlichen Jahreszeit war es gegen Mittag ganz schön heiß. Die Stadt war wie ausgestorben. Im Süden hält man während der Zeit der Mittagshitze Siesta, Ruhepause. Auch die Geschäfte sind geschlossen. Wenn es kühler wird, öffnen sie wieder, und man hat dafür bis in die späte Nacht Gelegenheit, einzukaufen und herumzubummeln.
Wir gingen die stille Gasse hinunter, die zu dem Kapuzinerkloster führte, ich vornweg. Ich war so in meine Grübeleien über diese unwahrscheinlichen Vorfälle versunken, dass ich gar nicht auf das Knattern des Mopeds hörte, das sich uns von hinten näherte. Plötzlich fühlte ich, wie etwas an den Riemen meiner Tasche griff, ein Ruck, ich hielt fest, taumelte, fiel hin, wurde ein Stück durch den Staub geschleift, und dann hörte ich hinter mir das Klappern der hochhackigen Stiefel und wie meine Freundin mit kräftiger Stimme schimpfte: „Verbrecher, Halunken, Mörder, Totschläger!“
Zwei Mopeds umkreisten mich und meine Handtasche, die ich wundersamerweise noch immer hatte. Die Fahrer zogen Schleifen, näherten sich wieder, ihre Gesichter und die der Beifahrer waren mir zugewendet: junge, kindliche Gesichter. Vor mir tänzelte Bradamante mit ihrem Dolch und hielt die Räuber wütend in Schach. Mit Widerstand hatten sie wohl nicht gerechnet. Noch eine Runde, und sie zogen ab, wobei die Beifahrer wild gestikulierten und irgendetwas Unverständliches riefen.
Bradamante half mir auf. Mein Blusenärmel war zerrissen, die Haut am Knöchel abgeschürft, das war alles. „Puh“, schnaufte ich, „das ist ja noch mal gut gegangen.“
„Waren sie das?“, fragte meine kriegerische Retterin mit blitzenden Augen.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. So ungekonnt arbeiten die nicht. Das waren bloß ein paar Jungen, die ein bisschen Kleingeld erbeuten wollten, um abends ihre Mädchen zum Tanz zu führen. Hast du sie nicht angesehen? Die waren doch höchstens vierzehn Jahre alt.“
„Wie kommen sie dazu?“
„Wenn überall Gewalt ist - warum sollen sie nicht auch versuchen, sich zu nehmen, was sie brauchen?“, murmelte ich traurig.
Addio, Bradamante. Drei Geschichten aus Italien
Die Autorin hat berühmte und sehr verschiedene italienische Landschaften und Städte besucht. In die Toskana, nach Rom und Sizilien führen die drei Erzählungen dieses Buches, Reisebericht und mitreißendes Erlebnis zugleich. Zahlreich sind die Stationen und die Begegnungen mit den Bewohnern des Landes. Die toskanische Schäferin Cincia, die mit der Besitzerin des alten romantischen Turmes in Fehde liegt, Fortunata, die Tänzerin in Rom, deren Traum vom Aufstieg zur Primaballerina zerbrochen ist, vor allem aber Bradamante, den alten Rittergeschichten entstiegen: sie alle und andere mehr sind lebendig, liebenswürdig in ihrem Temperament und interessant in den Fragen, die sie beschäftigen. Spannende Abenteuer lassen nicht auf sich warten, und Geheimnisse wollen gedeutet sein.
Beschreibung
Die Autorin hat berühmte und sehr verschiedene italienische Landschaften und Städte besucht. In die Toskana, nach Rom und Sizilien führen die drei Erzählungen dieses Buches, Reisebericht und mitreißendes Erlebnis zugleich. Zahlreich sind die Stationen und die Begegnungen mit den Bewohnern des Landes. Die toskanische Schäferin Cincia, die mit der Besitzerin des alten romantischen Turmes in Fehde liegt, Fortunata, die Tänzerin in Rom, deren Traum vom Aufstieg zur Primaballerina zerbrochen ist, vor allem aber Bradamante, den alten Rittergeschichten entstiegen: sie alle und andere mehr sind lebendig, liebenswürdig in ihrem Temperament und interessant in den Fragen, die sie beschäftigen. Spannende Abenteuer lassen nicht auf sich warten, und Geheimnisse wollen gedeutet sein.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1986 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 29.07.2015 |
| Seiten | 185 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-437-7 |
| ISBN (PDF) | 978-3-95655-438-4 |
| ASIN (Kindle) | B012YB8LW6 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
ItalienSizilienRomToskanaZaubereiMagieMafiaEntführungArmutFamilienbeziehungenGeschwisterFreundschaftGeisterKinderBallettPalermoKapuzinenkatakombenBradamanteCinciaFortunataReiseerzählungenErzählungenFrauenfigurenTänzerinLeseprobe
Während meine Freundin behaglich schwelgte, kriegte ich kaum einen Bissen herunter. Unser Vorhaben saß mir quer vorm Magen. Meine ehemalige Ritterin dagegen bewies erstaunliche Kaltblütigkeit. Beim Zahlen (sie rechnete die Posten der Preise gewissenhaft nach) sagte sie beiläufig: „Na, und wo ist nun dein Kärtchen?“
Es war eine gute Idee, die Visitenkarte des Dottore mit auf den Teller zu dem Geld zu legen. Der Chef brachte unbewegten Gesichts das Wechselgeld. Seitlich quer über der Rechnung stand: Ab 14 Uhr in Palermo, Katakomben.
Bradamante schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Spielen die mit uns Schnitzeljagd? Nun dürfen wir also wieder zurück nach Palermo. He, Alter!“ Mit beflissenem Gesichtsausdruck kam der Wirt an den Tisch. „Du alter Gauner wirst uns sofort sagen, wo der Dottore ist, oder ...“
Bevor ich überhaupt begriff, hatte sie ihren Dolch gezückt und dem Mann an den Hals gesetzt.
Der hob langsam die Hände. „Ich weiß von gar nichts“, stammelte er (und erinnerte mich damit an Nina in der Wohnung in Palermo), „halten zu Gnaden, Madonna, ich zahle meine Schutzgebühren, ohne den Herrn zu kennen, der sie kassiert, und tue, was man von mir verlangt, ich bin nur beauftragt, demjenigen, der die Karte bringt, diese Mitteilung zu geben. Ich bin ein kleiner Geschäftsmann, der überleben will und -“
Bradamantes Dolch war immer noch gezückt, aber da betrat eine lärmende, fröhliche Touristengruppe das Restaurant. Erlöst ließ der Wirt die Hände sinken und eilte mit der Speisekarte zu den neuen Gästen.
„Du hältst dich an den Falschen“, bemerkte ich leise, während sie ihren Wein austrank.
„Ich lasse mich nicht gern zum Narren halten“, knurrte sie. „Eine feine Gesellschaft! Also zurück nach Palermo!“
Der Bus war jetzt, gegen Mittag, kein bisschen leerer. „Was sind das für seltsame Höhlen, zu denen man uns bestellt hat?“, fragte Bradamante, die missmutig neben mir saß und auf das betonverwüstete Palermo hinunterschaute.
„Mich wundert, dass du sie nicht kennst“, antwortete ich. „Etwas ziemlich Gruseliges, wenn du mich fragst.“
Sie lachte auf. „Ich fürchte mich vor nichts.“
„Fürchten und Gruseln sind zweierlei“, erklärte ich. „In den Katakomben, den unterirdischen Gängen eines Kapuzinerklosters, sitzen und liegen, seit dem siebzehnten Jahrhundert angesammelt, etwa achttausend Mumien, nach ihrem Tode von den trauernden Familienangehörigen angekleidet wie zu ihren Lebzeiten - die hochgeborenen Familien hatten sogar die Erlaubnis, ihre teuren Toten jedes Jahr nach der neuesten Mode anzuziehen - wie findest du das?“
Bradamante zuckte die Achseln. „Etwas kurios, aber wenn sie meinten, dass ihre Angehörigen ein Panoptikum darstellen sollten - bitte. Mich kümmert das nicht. Ich will wissen, was mit unserem Dottore los ist.“
Es ging auf zwei Uhr, und trotz der herbstlichen Jahreszeit war es gegen Mittag ganz schön heiß. Die Stadt war wie ausgestorben. Im Süden hält man während der Zeit der Mittagshitze Siesta, Ruhepause. Auch die Geschäfte sind geschlossen. Wenn es kühler wird, öffnen sie wieder, und man hat dafür bis in die späte Nacht Gelegenheit, einzukaufen und herumzubummeln.
Wir gingen die stille Gasse hinunter, die zu dem Kapuzinerkloster führte, ich vornweg. Ich war so in meine Grübeleien über diese unwahrscheinlichen Vorfälle versunken, dass ich gar nicht auf das Knattern des Mopeds hörte, das sich uns von hinten näherte. Plötzlich fühlte ich, wie etwas an den Riemen meiner Tasche griff, ein Ruck, ich hielt fest, taumelte, fiel hin, wurde ein Stück durch den Staub geschleift, und dann hörte ich hinter mir das Klappern der hochhackigen Stiefel und wie meine Freundin mit kräftiger Stimme schimpfte: „Verbrecher, Halunken, Mörder, Totschläger!“
Zwei Mopeds umkreisten mich und meine Handtasche, die ich wundersamerweise noch immer hatte. Die Fahrer zogen Schleifen, näherten sich wieder, ihre Gesichter und die der Beifahrer waren mir zugewendet: junge, kindliche Gesichter. Vor mir tänzelte Bradamante mit ihrem Dolch und hielt die Räuber wütend in Schach. Mit Widerstand hatten sie wohl nicht gerechnet. Noch eine Runde, und sie zogen ab, wobei die Beifahrer wild gestikulierten und irgendetwas Unverständliches riefen.
Bradamante half mir auf. Mein Blusenärmel war zerrissen, die Haut am Knöchel abgeschürft, das war alles. „Puh“, schnaufte ich, „das ist ja noch mal gut gegangen.“
„Waren sie das?“, fragte meine kriegerische Retterin mit blitzenden Augen.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. So ungekonnt arbeiten die nicht. Das waren bloß ein paar Jungen, die ein bisschen Kleingeld erbeuten wollten, um abends ihre Mädchen zum Tanz zu führen. Hast du sie nicht angesehen? Die waren doch höchstens vierzehn Jahre alt.“
„Wie kommen sie dazu?“
„Wenn überall Gewalt ist - warum sollen sie nicht auch versuchen, sich zu nehmen, was sie brauchen?“, murmelte ich traurig.
Inhaltsverzeichnis
Der Turm und der Ölbaum
Die Geschwister
Addio, Bradamante
Waldtraut Lewin
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Der Sohn des Adlers, des Müllmanns und der hässlichsten Frau der Welt. Ein Märchen vom Eis und vom Feuer
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Vom Eulchen und der Dunkelheit
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