
Regen in Rio
Rio de Janeiro, Brasilien
November 1992
Draußen fließt der Regen von den Sonnenschirmen über die Tische vor dem Restaurant, klatscht windgepeitscht aufs Pflaster, rauscht in die Gossen. Schon als das Wetter umschlug, hatte ich gespürt, dies würde keiner von den warmen Regen werden, jenen schnell wieder endenden Tropengüssen, wie ich sie vor Jahren in Rio erlebt hatte.
Der Dauerregen hatte die Straßenhändler mit ihren Lederwaren, Heiligenbildern, Puppen, Masken unter die Markisen der Läden getrieben, hatte die Bettler von den Straßen geschwemmt. Obdachlose, die anfangs unter den Palmen am Strand Schutz gesucht hatten, sehe ich mit durchnässten Lumpen die Häuserwände entlangstreichen, ankämpfend gegen den Wind, der den Regen schräg vom Meer über die Autos fegt, die mit zischenden Reifen, Wasser sprühend, die Avenida Atlantico entlangrasen.
Ein Junge in Fetzen, die ihm nass auf Brust, Schultern und an den Beinen kleben, huscht barfüßig über den Mittelstreifen und zwischen den Autos hindurch zum Gehsteig. Augenblicke später presst er das blasse Gesicht an das Fenster des Restaurants, in dem ich Zuflucht gesucht habe. Er hält fünf Fingerspitzen an die Lippen. Seine dunklen Augen flehen und blicken dann stumpf, als drinnen der Kellner sich dem Fenster nähert. Er weicht zurück in den Regen. Bald aber zeigt er sich mit der gleichen Geste wieder, wortlos flehend, und verschwindet erst, als der Kellner ihm droht.
Ich verliere ihn aus den Augen, glaube, dass er fort ist und sehe plötzlich, wie sich ein langstieliger Löffel durch den Spalt der nur angelehnten Restauranttür schiebt. Von unsichtbarer Hand bewegt, schlägt der Löffel so lange scheppernd auf den Boden, bis der Kellner sich erbarmt, von einem Teller, den er gerade abgeräumt hat, eine Kartoffel nimmt und sie in den Löffel tut. Sofort verschwindet der Löffel nach draußen. Der Kellner schließt heftig die Tür, aber das Rauschen des Regens ist noch immer zu hören.
Im Schloss zu Mecklenburg und anderswo
Jene Bildpostkarte aus Sydney war die erste von vielen, die ich über die Jahre an Barbara, der Ruth in diesem Buch, geschickt hatte und die ich alle noch bei ihr aufbewahrt fand - sorgsam in einen Schuhkarton geschichtet. Sie riefen die Zeit zurück, zu fernen Küsten, und enthielten sie selten mehr als nur Grüße, lösten sie doch Erinnerungen aus, die sich zu Storys formen ließen, zu einem Buch, das mit >Regen in Rio< seinen vorläufigen Abschluss fand. Danach, in den späten neunziger Jahren, waren es nicht länger die Postkarten, die mich anregten, sondern in einem Notizbuch festgehaltene Stichworte: über einen Grafen im Schloss, einen Berliner in Bulgarien, einen kanadischen Flieger auf Fidschi, und den Tod eines V-Manns. Dazwischen fanden sich auch die Zeilen über einen für immer abgemusterten und seitdem sehr gealterten Seemann, dessen Braut zeitlebens die See gewesen war — die See verlassen zu …
Beschreibung
Jene Bildpostkarte aus Sydney war die erste von vielen, die ich über die Jahre an Barbara, der Ruth in diesem Buch, geschickt hatte und die ich alle noch bei ihr aufbewahrt fand - sorgsam in einen Schuhkarton geschichtet. Sie riefen die Zeit zurück, zu fernen Küsten, und enthielten sie selten mehr als nur Grüße, lösten sie doch Erinnerungen aus, die sich zu Storys formen ließen, zu einem Buch, das mit >Regen in Rio< seinen vorläufigen Abschluss fand. Danach, in den späten neunziger Jahren, waren es nicht länger die Postkarten, die mich anregten, sondern in einem Notizbuch festgehaltene Stichworte: über einen Grafen im Schloss, einen Berliner in Bulgarien, einen kanadischen Flieger auf Fidschi, und den Tod eines V-Manns. Dazwischen fanden sich auch die Zeilen über einen für immer abgemusterten und seitdem sehr gealterten Seemann, dessen Braut zeitlebens die See gewesen war — die See verlassen zu müssen, hatte ihn auf sich selbst zurückgeworfen und ihm seine Einsamkeit bewusst gemacht: >Menetekel<, und wohl nicht nur > Menetekel< in dieser Prosasammlung, ist eine anrührende kleine Geschichte geworden.
Walter Kaufmann
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 18994 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 16.12.2013 |
| Seiten | 187 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-573-2 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-578-7 |
| ASIN (Kindle) | B00WXMYAPY |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
KubaBrasilienSeefahrtRassendiskriminierungDDRGewerkschaftSolidaritätDuisburgKurzgeschichtenReiseliteraturPostkartenNotizbuchSeemannSydneyRio de JaneiroFidschiMecklenburgDarßBoddenSan FranciscoVietnamLondonBerlinBuchenwaldLeseprobe
Regen in Rio
Rio de Janeiro, Brasilien
November 1992
Draußen fließt der Regen von den Sonnenschirmen über die Tische vor dem Restaurant, klatscht windgepeitscht aufs Pflaster, rauscht in die Gossen. Schon als das Wetter umschlug, hatte ich gespürt, dies würde keiner von den warmen Regen werden, jenen schnell wieder endenden Tropengüssen, wie ich sie vor Jahren in Rio erlebt hatte.
Der Dauerregen hatte die Straßenhändler mit ihren Lederwaren, Heiligenbildern, Puppen, Masken unter die Markisen der Läden getrieben, hatte die Bettler von den Straßen geschwemmt. Obdachlose, die anfangs unter den Palmen am Strand Schutz gesucht hatten, sehe ich mit durchnässten Lumpen die Häuserwände entlangstreichen, ankämpfend gegen den Wind, der den Regen schräg vom Meer über die Autos fegt, die mit zischenden Reifen, Wasser sprühend, die Avenida Atlantico entlangrasen.
Ein Junge in Fetzen, die ihm nass auf Brust, Schultern und an den Beinen kleben, huscht barfüßig über den Mittelstreifen und zwischen den Autos hindurch zum Gehsteig. Augenblicke später presst er das blasse Gesicht an das Fenster des Restaurants, in dem ich Zuflucht gesucht habe. Er hält fünf Fingerspitzen an die Lippen. Seine dunklen Augen flehen und blicken dann stumpf, als drinnen der Kellner sich dem Fenster nähert. Er weicht zurück in den Regen. Bald aber zeigt er sich mit der gleichen Geste wieder, wortlos flehend, und verschwindet erst, als der Kellner ihm droht.
Ich verliere ihn aus den Augen, glaube, dass er fort ist und sehe plötzlich, wie sich ein langstieliger Löffel durch den Spalt der nur angelehnten Restauranttür schiebt. Von unsichtbarer Hand bewegt, schlägt der Löffel so lange scheppernd auf den Boden, bis der Kellner sich erbarmt, von einem Teller, den er gerade abgeräumt hat, eine Kartoffel nimmt und sie in den Löffel tut. Sofort verschwindet der Löffel nach draußen. Der Kellner schließt heftig die Tür, aber das Rauschen des Regens ist noch immer zu hören.
Inhaltsverzeichnis
Am Hafentor
Requiem
Russisches Tagebuch
Die Worte des Barden
Auf dem Prüfstand
Der Sieger
Die Eine und die Andere
Wandlungen
Sehnsucht
Pro Patria
Patricia Daley
Lockruf der Werbung
Landfall
Schwedisches Intermezzo
Einsicht in die Notwendigkeit
Damals in San Francisco
Entscheidungen in Vietnam
Die Frau des Piloten
Fünf Schritte zu viel
Zwei Maler
Haus am Bodden
Irische Reise
Im Paradies
Lokalreporter
Irisches Intermezzo
Indiz
Manna des Westens
Gewitter
Jericho und zurück
Aufbruch vom Darß
Damals vor vierzig Jahren
Im Wilden Westen
Meine Stadt
Fernöstliches Kaleidoskop
Abschied
Hinter Glas gemalt
Idylle
Greenhorn on Times Square
Mitleid-Liebe
Für Evita
Ein Sheriff in Bermudas
Senor Enricos Ford
Rückkehr ins Paradies
Glücksgroschen
Anonymes Bekenntnis
Londoner Reminiszenz
Schreck im Zirkus
Regen in Rio
Im Schloss zu Mecklenburg
Buchenwaldreise
Fahrkartenkontrolle
Windschutzverleih
Unternehmer
Fluchtpunkt Antipoden
Menetekel
The Old Fart
Kameraauge
Miracle Rallye
Taxifahrt
Oskar aus Hamburg
Tod eines V-Manns
Der lange Schatten
Walter Kaufmann
Weitere Bücher von Walter Kaufmann
Ein jegliches hat seine Zeit. Wiederbegegnungen auf drei Kontinenten
American Encounter
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens
Beyond the Green World of Childhood
Die Welt des Markus Epstein
Am Kai der Hoffnung. StoriesÄhnliche Bücher
Nebelmeer und Wermutsteppe. Begegnungen
Manhattan-Sinfonie
Begegnung mit einem Jahrhundertzeugen. Walter Kaufmann und seine Bücher
Schicksalsnovellen über Malerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts
Das Verhängnis oder Die Liebe des Paul Fleming.
Schwerwiegendes, Gewichtiges, Unwichtiges, Ernst und Spaß, für jeden was