
Eine Sekunde horche ich nach draußen auf das Hufgeklapper und Geschnaufe der Pferde. Vielleicht fährt mein Schlitten jetzt weg? Wie komme ich dann nach? Ich wende mich zur Bäuerin. „Schnell eine Schere oder ein Messer!“ Und wie ich ihr erschrockenes Gesicht sehe: „Ich muss den Stiefel aufschneiden! Schnell!“
„Hier!“, meint neben mir einer der Rotarmisten und klappt ein großes Taschenmesser auf. Ich beginne vorsichtig den rechten Stiefelschaft in der Naht aufzutrennen; es ist keine leichte Arbeit. Die Rotarmisten, die den Zweck des Ganzen noch nicht recht einsehen, lösen mich ab. Der junge deutsche Soldat stöhnt. Seine Kameraden reden leise auf ihn ein; aber er lässt sich nicht abhalten, zu knurren und zu stöhnen. Einmal verstehe ich die Worte: „So ein Schwindel …“
Ich habe keine Zeit zu fragen, was er meint. Es ist wirklich nicht einfach, das harte Leder – selbst in der Naht – mit dem Taschenmesser loszutrennen und den vor Schmerz sich bäumenden Soldaten dabei nicht zu verletzen. Wie ich einmal aufschaue, bemerke ich, wie die alte Bäuerin sich hinter den jungen deutschen Soldaten gesetzt und seinen Kopf mit ihren großen faltigen Händen an ihre Brust gepresst hat; dabei sagt sie: „Still, mein Kleiner! Was hast du denn, mein Junge?“ – mit jenen zärtlichen russischen Worten, mit denen man einen kleinen Knaben beschwichtigt.
Mutter – ein Akt der Barmherzigkeit
Die Erzählung nimmt den Leser mit auf eine bewegende Reise zurück in den Zweiten Weltkrieg. Im bitterkalten Februar 1943, mitten in der eisigen Wintersteppe Russlands, begegnet ein Arzt der Roten Armee deutschen Soldaten, die nach Tagen des Umherirrens erschöpft und verzweifelt sind. Während er einen schwer verwundeten jungen Soldaten versorgt, entfaltet sich eine Geschichte von Mitgefühl und Menschlichkeit inmitten des Krieges. Diese tief berührende Erzählung zeigt, dass selbst im größten Leid und in den schrecklichsten Momenten des Krieges eine einfache menschliche Geste von unschätzbarem Wert sein kann. Friedrich Wolf gelingt es, die Leser in den Bann zu ziehen und die Zeit des Krieges auf eindrucksvolle Weise lebendig werden zu lassen.
Beschreibung
Die Erzählung nimmt den Leser mit auf eine bewegende Reise zurück in den Zweiten Weltkrieg. Im bitterkalten Februar 1943, mitten in der eisigen Wintersteppe Russlands, begegnet ein Arzt der Roten Armee deutschen Soldaten, die nach Tagen des Umherirrens erschöpft und verzweifelt sind. Während er einen schwer verwundeten jungen Soldaten versorgt, entfaltet sich eine Geschichte von Mitgefühl und Menschlichkeit inmitten des Krieges. Diese tief berührende Erzählung zeigt, dass selbst im größten Leid und in den schrecklichsten Momenten des Krieges eine einfache menschliche Geste von unschätzbarem Wert sein kann. Friedrich Wolf gelingt es, die Leser in den Bann zu ziehen und die Zeit des Krieges auf eindrucksvolle Weise lebendig werden zu lassen.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 17168 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 01.08.2024 |
| Seiten | 13 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-166-2 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-167-9 |
| ASIN (Kindle) | B0DBMYN2JY |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
AmputationArztgeschichteBegegnungDeutsche SoldatenFlüchtende SoldatenKälteKriegsdramaKriegsmedizinKriegsopferKriegsschicksalLebensgefahrMenschliche WärmeMenschlichkeitMitgefühlMütterlichkeitRotarmistenSoldatenleidÜberlebenWintersteppeZweiter WeltkriegWinter 1943RusslandRote ArmeeVerwundeter SoldatLeseprobe
Eine Sekunde horche ich nach draußen auf das Hufgeklapper und Geschnaufe der Pferde. Vielleicht fährt mein Schlitten jetzt weg? Wie komme ich dann nach? Ich wende mich zur Bäuerin. „Schnell eine Schere oder ein Messer!“ Und wie ich ihr erschrockenes Gesicht sehe: „Ich muss den Stiefel aufschneiden! Schnell!“
„Hier!“, meint neben mir einer der Rotarmisten und klappt ein großes Taschenmesser auf. Ich beginne vorsichtig den rechten Stiefelschaft in der Naht aufzutrennen; es ist keine leichte Arbeit. Die Rotarmisten, die den Zweck des Ganzen noch nicht recht einsehen, lösen mich ab. Der junge deutsche Soldat stöhnt. Seine Kameraden reden leise auf ihn ein; aber er lässt sich nicht abhalten, zu knurren und zu stöhnen. Einmal verstehe ich die Worte: „So ein Schwindel …“
Ich habe keine Zeit zu fragen, was er meint. Es ist wirklich nicht einfach, das harte Leder – selbst in der Naht – mit dem Taschenmesser loszutrennen und den vor Schmerz sich bäumenden Soldaten dabei nicht zu verletzen. Wie ich einmal aufschaue, bemerke ich, wie die alte Bäuerin sich hinter den jungen deutschen Soldaten gesetzt und seinen Kopf mit ihren großen faltigen Händen an ihre Brust gepresst hat; dabei sagt sie: „Still, mein Kleiner! Was hast du denn, mein Junge?“ – mit jenen zärtlichen russischen Worten, mit denen man einen kleinen Knaben beschwichtigt.
Friedrich Wolf
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