
Marta war zwanzig, Paul Grabs sechsundzwanzig Jahre alt, als sich ihre Wege auf nicht alltägliche Weise kreuzten. Ein Bäcker wurde in ihrem Betrieb gesucht, und ganz unabhängig voneinander wandten sich zwei der bereits beschäftigten Gesellen an den Meister.
"Chef, wenn's recht ist, wüsste ich da einen Kumpel. Er ist ein guter Bäcker, zuverlässig und sucht dringend Arbeit. Soll ich mal mit ihm reden?"
"Meester, ich kenn da jemanden in Halle, der ist schon 'ne ganze Weile arbeitslos. 'Ne ehrliche Haut und einer, der unser Handwerk vom Teigkneten an gelernt hat, um 's mal so auszudrücken. Ist schon in der Welt rumgekommen und hat überall gute Zeugnisse gekriegt. Das wär bestimmt der Richtige für uns."
Der Meister denkt bei sich, dass zwei Bäcker besser als einer sind, da kann er auswählen. "Na gut", sagt er zu dem ersten Gesellen, wenn du meinst, dass dein Mann zuverlässig und für die Stelle geeignet ist, dann soll er sich mal bei mir vorstellen. Ich guck ihn mir gerne an."
Und etwas später am Tag zum anderen: "Was du sagst, klingt ja vielversprechend. Soll dein Bekannter ruhig bei mir vorbeischaun, damit ich mir ein Bild machen kann. Aber er darf nicht zu lange warten. Da klopfen viele an."
Gleich nach Feierabend schwingt sich der eine Geselle aufs Rad, denn er möchte dem Freund wirklich helfen, und er weiß, dass es auf Schnelligkeit ankommt. In der Saalestadt, am Haus, wo Paul Grabs wohnt, angelangt, steht da schon jemand, den er kennt. "Mensch, Erwin, was machst du denn hier?"
"Ich will zu Grabs. Der Meester sucht doch 'nen Bäcker. Da dacht ich mir..."
Der andere Geselle fängt an zu lachen. "Deshalb bist du hier! Also weißt du! Hätt'st doch was pfeifen können. Ich hab auch gleich an Paul gedacht."
"Und warum hast du nichts gesagt?"
Ja, warum. Die beiden lachen wieder und beschließen, die verheißungsvolle Botschaft gemeinsam zu überbringen. Einer hinter dem andern stapfen sie die Treppe hoch und klopfen an die Tür. Eine wirklich freudige Überraschung.
Am nächsten Morgen macht sich Paul Grabs beizeiten und voller Hoffnung nach Klitzschmar auf. Der Meister, als er die Geschichte erfährt, lacht gleichfalls. "Eigentlich wollte ich ja zwischen zwei Bäckergesellen auswählen", erklärt er. "Aber wenn ihr beide denselben meint, dann muss es ja der Richtige sein."
Auf diese Weise bekam Vater seine neue Stelle und Mama einen Kollegen, der erstaunlich oft bei ihr am Arbeitsplatz vorbeischaute. Und zwar nicht, um nachzugucken, ob sie alles richtig machte. Was danach kam, ahnt jeder, und es war nur noch für die beiden ungewöhnlich. Marta war ein hübsches Mädchen. Wenn ich im Album blättere, stelle ich sogar fest, dass man sie, entsprechend in Positur gebracht, durchaus als schöne junge Frau bezeichnen kann.
Bäckerbrot und Bergkristall. Nach den Aufzeichnungen von Gisela Pekrul
Das war ein furchtbarer Moment:Da Mama am Tisch zu tun hatte, setzten wir uns mit unseren Stühlen etwas abseits unter den Handtuchhalter. Wir kicherten und stritten uns manchmal ein bisschen. Es war schon Abend, als es plötzlich an der Tür klopfte. Christina hatte gerade nach Hause gehen wollen.Ingo, Annelies oder Wolfgang konnten es nicht sein, die befanden sich alle im Haus und hätten auch nicht angeklopft. Bevor wir uns noch wundern konnten, ging auf Mamas „Herein“ die Tür auf. Zwei Männer in dunklen Mänteln, die Pelzkappen in der Hand, traten ein. Der Kleinere fragte: „Sind Sie Frau Grabs?“„Ja, worum geht's denn?“„Wir kommen von der Wismut. Wir müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen.“ Der Mann stockte.Mama war aufgestanden. „Um Himmels willen! Es ist doch nichts passiert?!“„Es tut uns wirklich sehr leid, Frau Grabs“, meldete sich nun betont forsch der andere zu Wort. „Wir wissen, wie …
Beschreibung
Das war ein furchtbarer Moment:
Da Mama am Tisch zu tun hatte, setzten wir uns mit unseren Stühlen etwas abseits unter den Handtuchhalter. Wir kicherten und stritten uns manchmal ein bisschen. Es war schon Abend, als es plötzlich an der Tür klopfte. Christina hatte gerade nach Hause gehen wollen.
Ingo, Annelies oder Wolfgang konnten es nicht sein, die befanden sich alle im Haus und hätten auch nicht angeklopft. Bevor wir uns noch wundern konnten, ging auf Mamas „Herein“ die Tür auf. Zwei Männer in dunklen Mänteln, die Pelzkappen in der Hand, traten ein. Der Kleinere fragte: „Sind Sie Frau Grabs?“
„Ja, worum geht's denn?“
„Wir kommen von der Wismut. Wir müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen.“ Der Mann stockte.
Mama war aufgestanden. „Um Himmels willen! Es ist doch nichts passiert?!“
„Es tut uns wirklich sehr leid, Frau Grabs“, meldete sich nun betont forsch der andere zu Wort. „Wir wissen, wie schrecklich das für Sie sein muss, aber es ist nun einmal geschehen. Ihr Mann ist tödlich verunglückt.“
„Nein", sagte Mama tonlos, „das kann nicht sein. Das ist unmöglich. Ich hab gerade heute einen Brief von ihm gekriegt.“
„Es ist gestern früh passiert, Frau Grabs. Ein Unfall. Aber Sie können stolz auf Ihren Mann sei. Durch seinen Mut hat er ein Unglück verhindert.“
Mama ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht. „Paul“, murmelte sie, „mein Paul.“ Die letzten Sätze des Mannes hatte sie gar nicht zur Kenntnis genommen.
Der Mann, von dem hier die Rede ist, wäre gern Lehrer geworden. Er hätte das Zeug dazu gehabt. Die Umstände und sein Vater bestimmten es anders. Die Umstände waren die des 20. Jahrhunderts, an dessen Beginn, am 2. September 1906, Paul Grebs im damals noch deutschen Niederschlesien geboren wurde. Die Umstände dieses 20. Jahrhunderts, das von Historikern als das Jahrhundert der Katastrophen bezeichnet wird, bedeuteten für Leute wie ihn die größte aller anzunehmenden Katastrophen – Krieg, Weltkrieg. Und der Vater bestimmte, dass sein Sohn Bäcker werden solle – da könne er sich seine Brötchen wenigstens selber verdienen. Aber nicht immer gab es in der ersten Hälfte dieses 20. Jahrhundert Arbeit für Bäcker. Auch nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nicht, als Grabs und seine Familie schon in Sachsen-Anhalt lebten. Als aus dem gelernter Bäcker ein ungelernter Wismut-Kumpel wurde. Bei jedem Einfahren in den Schacht fuhr immer auch ein Stück Angst mit ein: Dann kam dieser 18. Januar 1955 …
Und aus Paul Grabs wurde ein Held.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.2012 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 15.10.2012 |
| Seiten | 221 |
| ISBN (Print) | 978-3-86394-804-7 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-805-4 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-320-3 |
| ISBN (Hörbuch) | 978-3-68912-000-9 |
| ASIN (Kindle) | B00WWJ8UWM |
| Hörbuchdauer (Minuten) | 254 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
| Sprecher / Vertonung | KI-generierte Stimme |
Schlagwörter
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Marta war zwanzig, Paul Grabs sechsundzwanzig Jahre alt, als sich ihre Wege auf nicht alltägliche Weise kreuzten. Ein Bäcker wurde in ihrem Betrieb gesucht, und ganz unabhängig voneinander wandten sich zwei der bereits beschäftigten Gesellen an den Meister.
"Chef, wenn's recht ist, wüsste ich da einen Kumpel. Er ist ein guter Bäcker, zuverlässig und sucht dringend Arbeit. Soll ich mal mit ihm reden?"
"Meester, ich kenn da jemanden in Halle, der ist schon 'ne ganze Weile arbeitslos. 'Ne ehrliche Haut und einer, der unser Handwerk vom Teigkneten an gelernt hat, um 's mal so auszudrücken. Ist schon in der Welt rumgekommen und hat überall gute Zeugnisse gekriegt. Das wär bestimmt der Richtige für uns."
Der Meister denkt bei sich, dass zwei Bäcker besser als einer sind, da kann er auswählen. "Na gut", sagt er zu dem ersten Gesellen, wenn du meinst, dass dein Mann zuverlässig und für die Stelle geeignet ist, dann soll er sich mal bei mir vorstellen. Ich guck ihn mir gerne an."
Und etwas später am Tag zum anderen: "Was du sagst, klingt ja vielversprechend. Soll dein Bekannter ruhig bei mir vorbeischaun, damit ich mir ein Bild machen kann. Aber er darf nicht zu lange warten. Da klopfen viele an."
Gleich nach Feierabend schwingt sich der eine Geselle aufs Rad, denn er möchte dem Freund wirklich helfen, und er weiß, dass es auf Schnelligkeit ankommt. In der Saalestadt, am Haus, wo Paul Grabs wohnt, angelangt, steht da schon jemand, den er kennt. "Mensch, Erwin, was machst du denn hier?"
"Ich will zu Grabs. Der Meester sucht doch 'nen Bäcker. Da dacht ich mir..."
Der andere Geselle fängt an zu lachen. "Deshalb bist du hier! Also weißt du! Hätt'st doch was pfeifen können. Ich hab auch gleich an Paul gedacht."
"Und warum hast du nichts gesagt?"
Ja, warum. Die beiden lachen wieder und beschließen, die verheißungsvolle Botschaft gemeinsam zu überbringen. Einer hinter dem andern stapfen sie die Treppe hoch und klopfen an die Tür. Eine wirklich freudige Überraschung.
Am nächsten Morgen macht sich Paul Grabs beizeiten und voller Hoffnung nach Klitzschmar auf. Der Meister, als er die Geschichte erfährt, lacht gleichfalls. "Eigentlich wollte ich ja zwischen zwei Bäckergesellen auswählen", erklärt er. "Aber wenn ihr beide denselben meint, dann muss es ja der Richtige sein."
Auf diese Weise bekam Vater seine neue Stelle und Mama einen Kollegen, der erstaunlich oft bei ihr am Arbeitsplatz vorbeischaute. Und zwar nicht, um nachzugucken, ob sie alles richtig machte. Was danach kam, ahnt jeder, und es war nur noch für die beiden ungewöhnlich. Marta war ein hübsches Mädchen. Wenn ich im Album blättere, stelle ich sogar fest, dass man sie, entsprechend in Positur gebracht, durchaus als schöne junge Frau bezeichnen kann.
Klaus Möckel
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