
Rettung vor dem Hunger
Ich vermute, bei den meisten von uns gibt es heute zum Essen einen Topf Kartoffeln, gleich welche Beilage sich die Köchin ausgesucht hat. Diese Frucht hat uns ein Krieg beschert, der Siebenjährige. In Pommern und Schlesien wurde die Kartoffel sogar zwangsweise gepflanzt. Wie das vor sich ging, zeigt der Vorgang in Kolberg, bereits einige Jahre vor dem Krieg: „Im Jahre 1745 erhielt Kolberg durch die Güte des Großen Friedrich ein ganz besonderes Geschenk. Es waren Kartoffeln, die damals bei uns noch kein Mensch kannte. Durch Trommelschlag wurde in der Stadt und in den Vorstädten bekannt gemacht, dass jeder Gartenbesitzer sich zu einer bestimmten Stunde vor dem Rathaus einfinden sollte. Die Ratsherren zeigten nun den Leuten die neue Frucht, die hier noch keiner gesehen hatte. Dann wurde eine umständliche Anweisung vorgelesen, wie die Kartoffel gepflanzt und bewirtschaftet und wie sie dann gekocht und zubereitet werden sollte. Es wäre allerdings besser gewesen, wenn man eine geschriebene oder gedruckte Anweisung verteilt hätte, denn die meisten passten im Gedränge nicht auf. Dafür nahmen die guten Leute die Knolle in die Hand und rochen, schmeckten und leckten daran. Man brach sie auseinander und warf sie den Hunden vor, die daran schnupperten, sie aber nicht fressen wollten. Nun wusste man Bescheid! ,Die Dinger‘, so sagte man, riechen nicht und schmecken nicht, nicht mal die Hunde wollen sie fressen. Was sollen wir damit?“
Die meisten glaubten, die Kartoffeln würden zu Bäumen heranwachsen, und man könnte dann die Knollen von ihnen abschütteln. Inzwischen war das Geschenk des Königs unter die Gartenbesitzer verteilt worden, aber keiner hatte begriffen, wie er die Kartoffeln anbauen sollte. Die Ratsherren waren bald dahinter gekommen, dass gar nicht alle Kartoffeln in die Erde gekommen waren. Darum gab es im Sommer durch den Ratsdiener und den Feldwächter eine Kartoffelschau, und die Widerspenstigen mussten kleine Geldstrafen zahlen. Das gab natürlich ein großes Geschrei, und die Bestraften wurden dadurch erst recht nicht zu Freunden der neuen Frucht.
Im nächsten Jahr wiederholte der König seine Spende, und es kam wieder eine Ladung Kartoffeln. Aber diesmal wurde die Sache anders und zweckmäßiger gemacht. Es wurde nämlich ein Landreiter mitgeschickt, der aus Schwaben stammte und mit dem Anbau der Kartoffel genau Bescheid wusste. Er war den Leuten bei der Aussaat behilflich und gab ihnen Anweisungen für die weitere Pflege.
Dass der junge Joachim Nettelbeck, der uns diesen Bericht überlieferte, 1807 bei der langen Belagerung durch die Franzosen in Kolberg die Vorzüge der Kartoffel schätzen gelernt hatte, ist gar keine Frage.
Meine Amsel singt in Tamsel. Märkische Miniaturen
Das Buch ist bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten gewidmet, deren Leben die Geschichte Brandenburgs und seine Bewohner mitgeprägt haben. Der Leser lernt Carl August von Hardenberg, Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, Sophie Charlotte, Königin von Preußen und andere geschichtsträchtige Persönlichkeiten näher kennen. Aber auch zu Unrecht vergessene Menschen, wie den Fleischermeister Cassel aus Potsdam, den Erfinder des so gern gegessenen Kasslers, ruft Hans Bentzien wieder ins Gedächtnis.
Beschreibung
Das Buch ist bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten gewidmet, deren Leben die Geschichte Brandenburgs und seine Bewohner mitgeprägt haben. Der Leser lernt Carl August von Hardenberg, Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, Sophie Charlotte, Königin von Preußen und andere geschichtsträchtige Persönlichkeiten näher kennen. Aber auch zu Unrecht vergessene Menschen, wie den Fleischermeister Cassel aus Potsdam, den Erfinder des so gern gegessenen Kasslers, ruft Hans Bentzien wieder ins Gedächtnis.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1996 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 23.08.2015 |
| Seiten | 94 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-477-3 |
| ISBN (PDF) | 978-3-95655-478-0 |
| ASIN (Kindle) | B014C39H5E |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
OderbruchPreußenBrandenburgPolenFriedrich II.2. WeltkriegOderUrbarmachungKüstrinBismarckTheodor FontaneFriedrich III.Friedrich I.Friedrich Wilhelm I.Carl August von HardenbergJohann Friedrich Adolf von der MarwitzSophie CharlotteLeibnizHalleThomasiusFranckeSpenerKatteJohann JacobyLeseprobe
Rettung vor dem Hunger
Ich vermute, bei den meisten von uns gibt es heute zum Essen einen Topf Kartoffeln, gleich welche Beilage sich die Köchin ausgesucht hat. Diese Frucht hat uns ein Krieg beschert, der Siebenjährige. In Pommern und Schlesien wurde die Kartoffel sogar zwangsweise gepflanzt. Wie das vor sich ging, zeigt der Vorgang in Kolberg, bereits einige Jahre vor dem Krieg: „Im Jahre 1745 erhielt Kolberg durch die Güte des Großen Friedrich ein ganz besonderes Geschenk. Es waren Kartoffeln, die damals bei uns noch kein Mensch kannte. Durch Trommelschlag wurde in der Stadt und in den Vorstädten bekannt gemacht, dass jeder Gartenbesitzer sich zu einer bestimmten Stunde vor dem Rathaus einfinden sollte. Die Ratsherren zeigten nun den Leuten die neue Frucht, die hier noch keiner gesehen hatte. Dann wurde eine umständliche Anweisung vorgelesen, wie die Kartoffel gepflanzt und bewirtschaftet und wie sie dann gekocht und zubereitet werden sollte. Es wäre allerdings besser gewesen, wenn man eine geschriebene oder gedruckte Anweisung verteilt hätte, denn die meisten passten im Gedränge nicht auf. Dafür nahmen die guten Leute die Knolle in die Hand und rochen, schmeckten und leckten daran. Man brach sie auseinander und warf sie den Hunden vor, die daran schnupperten, sie aber nicht fressen wollten. Nun wusste man Bescheid! ,Die Dinger‘, so sagte man, riechen nicht und schmecken nicht, nicht mal die Hunde wollen sie fressen. Was sollen wir damit?“
Die meisten glaubten, die Kartoffeln würden zu Bäumen heranwachsen, und man könnte dann die Knollen von ihnen abschütteln. Inzwischen war das Geschenk des Königs unter die Gartenbesitzer verteilt worden, aber keiner hatte begriffen, wie er die Kartoffeln anbauen sollte. Die Ratsherren waren bald dahinter gekommen, dass gar nicht alle Kartoffeln in die Erde gekommen waren. Darum gab es im Sommer durch den Ratsdiener und den Feldwächter eine Kartoffelschau, und die Widerspenstigen mussten kleine Geldstrafen zahlen. Das gab natürlich ein großes Geschrei, und die Bestraften wurden dadurch erst recht nicht zu Freunden der neuen Frucht.
Im nächsten Jahr wiederholte der König seine Spende, und es kam wieder eine Ladung Kartoffeln. Aber diesmal wurde die Sache anders und zweckmäßiger gemacht. Es wurde nämlich ein Landreiter mitgeschickt, der aus Schwaben stammte und mit dem Anbau der Kartoffel genau Bescheid wusste. Er war den Leuten bei der Aussaat behilflich und gab ihnen Anweisungen für die weitere Pflege.
Dass der junge Joachim Nettelbeck, der uns diesen Bericht überlieferte, 1807 bei der langen Belagerung durch die Franzosen in Kolberg die Vorzüge der Kartoffel schätzen gelernt hatte, ist gar keine Frage.
Inhaltsverzeichnis
Zwei Eichen, ein Förster und ein Feldmarschall — oder — Im neuen, alten Bundesland
Carl August von Hardenberg — oder — Alles oder nichts
Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, ein Maurer und die brandenburgische Toleranz
Sophie Charlotte und die ersten preußischen Gelehrten
Stellvertreter im Tod
Anfänge der Demokratie
Wieder: Der Alte Fritz — und gleich zweimal
Pfingstreise nach Gusow
Meine Amsel singt in Tamsel
Rettung vor dem Hunger
Kant über den Verstand
„Turner, auf zum Streite“
Naturrecht und föderatives Staatensystem
Der Mittelpunkt der Monarchie
Das stehende Heer, seine Zuchtmeister und die Kopfsteuer
Dr. Eysenbarth in Berlin
Grabstein
Seelenkäufer
Machtpolitik und ihre Grenzen
Die andere Linie
Ausweglos
Pücklers Ideal
Zwischen Jüterbog und Berlin
Sächsisches Gold
Getauft?
Kassler, Bockwurst und Eisbein
Sauener Wald
Chirurgen und Medicos
Hans Bentzien
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Was geschah am 17. Juni? Vorgeschichte, Verlauf, Hintergründe
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