
DAS FÜNFMETERBRETT
Seit Tagen kämpft Jochen mit sich. Er will den Sprung vom Fünfmeterbrett wagen. Immer schiebt er ihn hinaus und schleicht um den Turm herum. Der Andrang vor dem Freibad ist heute besonders groß. Es ist schwül, und die Sonne scheint molkig trüb. Als Jochen ans Schwimmbecken kommt, hat er es nicht mehr eilig. Er grübelt, ob er gleich auf den Sprungturm steigen oder sich zunächst auf die Wiese legen soll. Dabei blickt er zum Fünfmeterbrett hinauf.
Ein älterer Schüler mit brauner, geölter Haut, der eine kurze Dreieckhose anhat, wippt in die Höhe und zeigt einen herrlichen Kopfsprung. Sein Rücken ist durchgedrückt, seine Brust vorgewölbt. Wenn ich einen solchen Kopfsprung könnte, denkt Jochen neidvoll und beklommen. Er sieht den älteren Schüler aus dem Wasser auftauchen. Flüssig sind dessen Kraulschläge. Am Beckenrand stützt er sich auf und zieht sich mit leichtem Schwung heraus.
Jochen springt ins Wasser und schwimmt erst einmal zum Einmeterbrett. Am Beckenrand hievt er sich ebenso elegant und kraftvoll aus dem Wasser, wie er es von dem älteren Schüler gesehen hat. Dann steigt er auf das Einmeterbrett, wippt, versucht auf Zehenspitzen die Balance zu halten, rutscht ab und fällt seitwärts ins Wasser. Beim Auftauchen hört er das Gekicher einiger Mädchen und Jungen.
Jochen ärgert sich und will es noch einmal versuchen. Diesmal nimmt er Anlauf, federt gut und hoch ab, überschlägt sich in der Luft und klatscht mit der Rückenfläche auf. Wie betäubt scheint sein Körper. Doch beim Auftauchen verkneift er sich den Schmerz.
Und beim dritten Versuch ist Jochen zu vorsichtig und landet breitbeinig wie ein Frosch im Wasser. Unlustig bleibt er am Beckenrand stehen. Er beobachtet, wie der ältere Schüler wieder auf den Sprungturm klettert. Jochen denkt: Der ist sicher im Verein und trainiert regelmäßig.
Der ältere Schüler dreht eine Schraube und taucht so gerade ein, dass nur wenig Wasser aufspritzt. Ohne auszuruhen, zieht er sich wieder schwungvoll aus dem Becken, eilt erneut die Treppen des Sprungturms hinauf, konzentriert sich, wippt noch einige Male auf der Spitze des Fünfmeterbretts und zeigt einen vollendeten Doppelsalto. Einige Mädchen und Jungen am Beckenrand rufen: „Oh!“ und „Ah! – Der kann aber springen!“
Jochen fühlt sich entmutigt und denkt gar nicht mehr daran, den Turm hinaufzusteigen. Vielleicht, wenn Elke aus seiner Klasse käme, ihr würde er beweisen, dass er vom Fünfmeterbrett springen kann.
Der Mann mit dem traurigen Birnengesicht
„,Lass ihn laufen’, sagte Pit. Er hielt mir die Hand hin und sagte: ,Freunde’. Ich schlug ein. Wir rösteten gemeinsam die Kartoffeln, die drei faustgroßen von Pit und die pflaumengroßen aus meinen Hosentaschen. Und als die ersten Kartoffeln gar waren und wir die verbrannte Haut abpellten, da fühlte ich mich wie Hans im Glück. Nie mehr schmeckten mir Kartoffeln so gut wie an jenem Tag …“ In fünf Geschichten erzählt Reinhard Bernhof von ungewöhnlichen Freundschaften und solchen, die wir vielleicht schon selbst erlebt haben.
Beschreibung
„,Lass ihn laufen’, sagte Pit. Er hielt mir die Hand hin und sagte: ,Freunde’. Ich schlug ein. Wir rösteten gemeinsam die Kartoffeln, die drei faustgroßen von Pit und die pflaumengroßen aus meinen Hosentaschen. Und als die ersten Kartoffeln gar waren und wir die verbrannte Haut abpellten, da fühlte ich mich wie Hans im Glück. Nie mehr schmeckten mir Kartoffeln so gut wie an jenem Tag …“ In fünf Geschichten erzählt Reinhard Bernhof von ungewöhnlichen Freundschaften und solchen, die wir vielleicht schon selbst erlebt haben.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1982 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 17.02.2023 |
| Seiten | 33 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-836-9 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-837-6 |
| ASIN (Kindle) | B0BVSJCDCV |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
KinderOstseeMöweFischerFreundschaftClownHundKatzeSingsittichFünfmeterbrettSchwimmbadKurzgeschichtenJugendMutFamilieTiereAlltagsgeschichtenReinhard BernhofDer Mann mit dem traurigen BirnengesichtWie ich einen Freund fandDie FamilientiereDas MöwennestLeseprobe
DAS FÜNFMETERBRETT
Seit Tagen kämpft Jochen mit sich. Er will den Sprung vom Fünfmeterbrett wagen. Immer schiebt er ihn hinaus und schleicht um den Turm herum. Der Andrang vor dem Freibad ist heute besonders groß. Es ist schwül, und die Sonne scheint molkig trüb. Als Jochen ans Schwimmbecken kommt, hat er es nicht mehr eilig. Er grübelt, ob er gleich auf den Sprungturm steigen oder sich zunächst auf die Wiese legen soll. Dabei blickt er zum Fünfmeterbrett hinauf.
Ein älterer Schüler mit brauner, geölter Haut, der eine kurze Dreieckhose anhat, wippt in die Höhe und zeigt einen herrlichen Kopfsprung. Sein Rücken ist durchgedrückt, seine Brust vorgewölbt. Wenn ich einen solchen Kopfsprung könnte, denkt Jochen neidvoll und beklommen. Er sieht den älteren Schüler aus dem Wasser auftauchen. Flüssig sind dessen Kraulschläge. Am Beckenrand stützt er sich auf und zieht sich mit leichtem Schwung heraus.
Jochen springt ins Wasser und schwimmt erst einmal zum Einmeterbrett. Am Beckenrand hievt er sich ebenso elegant und kraftvoll aus dem Wasser, wie er es von dem älteren Schüler gesehen hat. Dann steigt er auf das Einmeterbrett, wippt, versucht auf Zehenspitzen die Balance zu halten, rutscht ab und fällt seitwärts ins Wasser. Beim Auftauchen hört er das Gekicher einiger Mädchen und Jungen.
Jochen ärgert sich und will es noch einmal versuchen. Diesmal nimmt er Anlauf, federt gut und hoch ab, überschlägt sich in der Luft und klatscht mit der Rückenfläche auf. Wie betäubt scheint sein Körper. Doch beim Auftauchen verkneift er sich den Schmerz.
Und beim dritten Versuch ist Jochen zu vorsichtig und landet breitbeinig wie ein Frosch im Wasser. Unlustig bleibt er am Beckenrand stehen. Er beobachtet, wie der ältere Schüler wieder auf den Sprungturm klettert. Jochen denkt: Der ist sicher im Verein und trainiert regelmäßig.
Der ältere Schüler dreht eine Schraube und taucht so gerade ein, dass nur wenig Wasser aufspritzt. Ohne auszuruhen, zieht er sich wieder schwungvoll aus dem Becken, eilt erneut die Treppen des Sprungturms hinauf, konzentriert sich, wippt noch einige Male auf der Spitze des Fünfmeterbretts und zeigt einen vollendeten Doppelsalto. Einige Mädchen und Jungen am Beckenrand rufen: „Oh!“ und „Ah! – Der kann aber springen!“
Jochen fühlt sich entmutigt und denkt gar nicht mehr daran, den Turm hinaufzusteigen. Vielleicht, wenn Elke aus seiner Klasse käme, ihr würde er beweisen, dass er vom Fünfmeterbrett springen kann.
Inhaltsverzeichnis
WIE ICH EINEN FREUND FAND
DER MANN MIT DEM TRAURIGEN BIRNENGESICHT
DIE FAMILIENTIERE
DAS MÖWENNEST
DAS FÜNFMETERBRETT
Reinhard Bernhof
Weitere Bücher von Reinhard Bernhof
Interzonenzug I & II. Erzählungen
Lockerlangbarts Geheimnis. Märchen aus der Gegenwart für kleine und große Kinder
Herbstmarathon. Innenräume einer Revolution
Die Leipziger Protokolle
Die Sitzer. Eine authentische Skurillität
Die Kürbiskernkopeke





