
Schwarze Punkte
Eben noch hat es gegossen, schon scheint wieder Sonne. Das ist wie im April und in Schillers Balladen. Dabei sind wir im Hochsommer und in Jena.
Das Südbad. Hier ist die Grasnarbe dünn, niedergedrückt, noch etwas feucht. Aber im Wasser (22 Grad Celsius) lärmen schon wieder die Badegäste. Maria und Eumel bauen aus ihren Sachen einen Kreis um sich herum. Sie liegen wie zwei Kompassnadeln drin. Niemand möge diesen Kreis stören.
Endlich kriegen wir Maria auch mal wieder im Bikini zu sehen. Sie liegt fein quer in unserm ganzen Bild. Der Nabel ist nach wie vor eindrucksvoll. Die Sonne starrt von weit oben nach ganz unten. Durchaus: Die Bademode aus dem Oberlungwitzer Kombinat ist eindrucksvoll. Und erhebend.
Eumel dreht sich vorsichtshalber mal auf den Bauch. Maria bestreut Eumel auf akkurate Weise mit Erdkrümeln und herausgerissenen Grashalmen.
Eumel knurrt und juckt sich.
Ich beiß gleich. Was ist‘n das hier?
Sind meine Ohren.
Was? Das sind deine Ohren? Die am Kopf?
Und was ist das?
Musst du doch merken.
Gut. Ich merke das, was du nicht merkst.
Tja. Meine Welt ist eben nicht von Pappe.
Ich hab auch keinen Pappenstiel.
Aber bitte, mein Herr. Ich finde Sie so etepetete.
Etewas?
So zartfühlend.
Gnädiges Fräulein?
Mein Herr?
Wieso sind wir hier im Bad. Zusammen.
Weil‘s auseinander so schlecht geht.
Was geht schlecht?
Das wirst du mir jetzt gleich erzählen.
Tja, und dann erzählen sie sich nichts. Sie erzählen sich reineweg gar nichts. Sie starren sich an, liegen einfach so da, starren, zählen die kleinen schwarzen Punkte in den Augen des andern. Jeder hat in jedem Auge einen schwarzen kleinen Punkt. Sie zählen noch mal. Zwei schwarze kleine Punkte pro Gesicht. Zwei mal zwei Gesichter. Nein, das wären ja vier Gesichter. Also zwei mal zwei Punkte. Macht wirklich zusammen vier schwarze kleine Punkte. Vier kleine schwarze Punkte in vier Augen. Die Probe: vier geteilt durch vier ist eins. Ein schwarzer Punkt pro Auge.
Richtig? Richtig!
Also noch mal die ganze Aufgabe von vorn. Sicher ist sicher. Jeder hat in jedem Auge ...
Als Maria und Eumel aufblicken, sind sie eingebaut, zugebaut, umbaut. Ein umbauter Erholungsraum. Das Gras sieht keine Sonne mehr.
Ringsumher wälzen sich tonnenschwere Großfamilien auf riesigen bunt karierten Decken, auf verketteten, verknoteten Luftmatratzen. Die Freizeitindustrie des Landes zeigt ihre Leistungsfähigkeit. Man hat viel Luft in viele Gummibälle geblasen. Unübersehbare Kinderscharen spielen laut schreiend mit dem Jahresaufkommen an gräulich bunten, fest verstöpselten Gummitieren. Die Radiorekorder beweisen ihre gesunkenen Klirrfaktoren. Badekappen, Bademoden, Badetücher, Bade-Sprays, Badejungen, Badekarten. Vom Badewasser ist auch noch etwas zu sehen. Es schwappt hin, und es schwappt her. Winzige Kinder schlucken es mit Genuss und weit aufgerissenen Augen.
Nebenan ragen die Masten einer Flutlichtanlage in den inzwischen wieder fast blaublanken Himmel. Oben auf den Masten liegen keine Leute, um sich zu sonnen. Vielleicht sollten Eumel und Maria dort hinaufklettern, sich auf den dreieckigen Plattformen langmachen? Nur Leute mit scharfen Zeissgläsern würden genauer sehen können, was sie da zu treiben hätten, auf einer solchen Plattform, von den runden Kübeln der Scheinwerfer eingerahmt, der Sonne ein Stück näher ...
Aber der Fußballklub Zeiss Jena hat seine Vorschriften. Tut uns leid. Da könnte ja jedes Pärchen kommen. Und dann in luftiger Höhe, kurz vor dem siebenten Himmel – nein, geht nicht, sehen wir keine Möglichkeit.
Aber es würde doch nicht jeder mit jeder kommen? Wollen denn alle Paare gleich so hoch hinaus?
Also gut. Wir verstehen. Denn wir müssen verstehen.
Maria und Eumel bleiben bäuchlings liegen, im platten Gras, und wir schauen in die Runde der eifrig Erholung Suchenden.
Der Bauchnabel und andere schöne Mittelpunkte einer Reise zu zweit
Maria und Eumel zelten an der Ostsee, beide sind nicht allein und kennen sich nicht. Als es ununterbrochen regnet, kommt es in beiden Partnerschaften zum Streit und sowohl Maria als auch Eumel brechen ihren Zelturlaub ab. Beide suchen Schutz vor dem Regen in einer Fernfahrerkneipe, wo sie aufeinandertreffen. Maria kommt die Idee einer Wette: Ob es wohl möglich sei, in der verbliebenen Urlaubswoche wahllos durch die DDR zu reisen und jede Nacht ein Quartier zu finden, obwohl sie unangemeldet sind. In einem mecklenburgischen Dorf nimmt sie ein betrunkener Kneipengast mit zu seiner Frau. In Mittweida geraten sie in ein Klassentreffen. Ein Fernfahrer setzt sie rechtzeitig vor der Grenze ab und sie gelangen nach Jena, wo sie aus dem Quartier bei Eumels Verwandten fliehen. In Leipzig wird es schwierig, in Berlin fast aussichtslos. Die Suche der beiden nach Übernachtungsmöglichkeiten, was in der DDR ohne Voranmeldung und …
Beschreibung
Maria und Eumel zelten an der Ostsee, beide sind nicht allein und kennen sich nicht. Als es ununterbrochen regnet, kommt es in beiden Partnerschaften zum Streit und sowohl Maria als auch Eumel brechen ihren Zelturlaub ab. Beide suchen Schutz vor dem Regen in einer Fernfahrerkneipe, wo sie aufeinandertreffen. Maria kommt die Idee einer Wette: Ob es wohl möglich sei, in der verbliebenen Urlaubswoche wahllos durch die DDR zu reisen und jede Nacht ein Quartier zu finden, obwohl sie unangemeldet sind. In einem mecklenburgischen Dorf nimmt sie ein betrunkener Kneipengast mit zu seiner Frau. In Mittweida geraten sie in ein Klassentreffen. Ein Fernfahrer setzt sie rechtzeitig vor der Grenze ab und sie gelangen nach Jena, wo sie aus dem Quartier bei Eumels Verwandten fliehen. In Leipzig wird es schwierig, in Berlin fast aussichtslos. Die Suche der beiden nach Übernachtungsmöglichkeiten, was in der DDR ohne Voranmeldung und langer Planung und dazu noch ohne Trauschein sehr schwierig war, lässt den Leser in vielen spannenden Episoden das Leben und Miteinander in der DDR authentisch miterleben.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1986 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 04.05.2021 |
| Seiten | 207 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-442-2 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-443-9 |
| ASIN (Kindle) | B093Z61XV2 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
HumorSatireLiebePolitikDDRDiscoHotelJenaMittwaidaLeipzigBerlinSächsischFernfahrerMoralMagdeburgDarguhnOstseeReiseZelturlaubWetteMittweidaFernfahrerkneipeBeziehungenRoadtripLeseprobe
Schwarze Punkte
Eben noch hat es gegossen, schon scheint wieder Sonne. Das ist wie im April und in Schillers Balladen. Dabei sind wir im Hochsommer und in Jena.
Das Südbad. Hier ist die Grasnarbe dünn, niedergedrückt, noch etwas feucht. Aber im Wasser (22 Grad Celsius) lärmen schon wieder die Badegäste. Maria und Eumel bauen aus ihren Sachen einen Kreis um sich herum. Sie liegen wie zwei Kompassnadeln drin. Niemand möge diesen Kreis stören.
Endlich kriegen wir Maria auch mal wieder im Bikini zu sehen. Sie liegt fein quer in unserm ganzen Bild. Der Nabel ist nach wie vor eindrucksvoll. Die Sonne starrt von weit oben nach ganz unten. Durchaus: Die Bademode aus dem Oberlungwitzer Kombinat ist eindrucksvoll. Und erhebend.
Eumel dreht sich vorsichtshalber mal auf den Bauch. Maria bestreut Eumel auf akkurate Weise mit Erdkrümeln und herausgerissenen Grashalmen.
Eumel knurrt und juckt sich.
Ich beiß gleich. Was ist‘n das hier?
Sind meine Ohren.
Was? Das sind deine Ohren? Die am Kopf?
Und was ist das?
Musst du doch merken.
Gut. Ich merke das, was du nicht merkst.
Tja. Meine Welt ist eben nicht von Pappe.
Ich hab auch keinen Pappenstiel.
Aber bitte, mein Herr. Ich finde Sie so etepetete.
Etewas?
So zartfühlend.
Gnädiges Fräulein?
Mein Herr?
Wieso sind wir hier im Bad. Zusammen.
Weil‘s auseinander so schlecht geht.
Was geht schlecht?
Das wirst du mir jetzt gleich erzählen.
Tja, und dann erzählen sie sich nichts. Sie erzählen sich reineweg gar nichts. Sie starren sich an, liegen einfach so da, starren, zählen die kleinen schwarzen Punkte in den Augen des andern. Jeder hat in jedem Auge einen schwarzen kleinen Punkt. Sie zählen noch mal. Zwei schwarze kleine Punkte pro Gesicht. Zwei mal zwei Gesichter. Nein, das wären ja vier Gesichter. Also zwei mal zwei Punkte. Macht wirklich zusammen vier schwarze kleine Punkte. Vier kleine schwarze Punkte in vier Augen. Die Probe: vier geteilt durch vier ist eins. Ein schwarzer Punkt pro Auge.
Richtig? Richtig!
Also noch mal die ganze Aufgabe von vorn. Sicher ist sicher. Jeder hat in jedem Auge ...
Als Maria und Eumel aufblicken, sind sie eingebaut, zugebaut, umbaut. Ein umbauter Erholungsraum. Das Gras sieht keine Sonne mehr.
Ringsumher wälzen sich tonnenschwere Großfamilien auf riesigen bunt karierten Decken, auf verketteten, verknoteten Luftmatratzen. Die Freizeitindustrie des Landes zeigt ihre Leistungsfähigkeit. Man hat viel Luft in viele Gummibälle geblasen. Unübersehbare Kinderscharen spielen laut schreiend mit dem Jahresaufkommen an gräulich bunten, fest verstöpselten Gummitieren. Die Radiorekorder beweisen ihre gesunkenen Klirrfaktoren. Badekappen, Bademoden, Badetücher, Bade-Sprays, Badejungen, Badekarten. Vom Badewasser ist auch noch etwas zu sehen. Es schwappt hin, und es schwappt her. Winzige Kinder schlucken es mit Genuss und weit aufgerissenen Augen.
Nebenan ragen die Masten einer Flutlichtanlage in den inzwischen wieder fast blaublanken Himmel. Oben auf den Masten liegen keine Leute, um sich zu sonnen. Vielleicht sollten Eumel und Maria dort hinaufklettern, sich auf den dreieckigen Plattformen langmachen? Nur Leute mit scharfen Zeissgläsern würden genauer sehen können, was sie da zu treiben hätten, auf einer solchen Plattform, von den runden Kübeln der Scheinwerfer eingerahmt, der Sonne ein Stück näher ...
Aber der Fußballklub Zeiss Jena hat seine Vorschriften. Tut uns leid. Da könnte ja jedes Pärchen kommen. Und dann in luftiger Höhe, kurz vor dem siebenten Himmel – nein, geht nicht, sehen wir keine Möglichkeit.
Aber es würde doch nicht jeder mit jeder kommen? Wollen denn alle Paare gleich so hoch hinaus?
Also gut. Wir verstehen. Denn wir müssen verstehen.
Maria und Eumel bleiben bäuchlings liegen, im platten Gras, und wir schauen in die Runde der eifrig Erholung Suchenden.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort an geneigte Leser(innen)
Nabel & Welt
Zärtlicher Unterton?
Wasserdichtes Heim
Abbruch der Zelte
Annäherung, verkehrt
Glück im Spiele
Sag ich
Marias Geschichte
Eumels Abenteuer
Theorie am Tisch
Kabarett, schlimm überzeichnet
Vorschlag
Die Wette
Traglast & Risiko
Mit geschlossenen Augen
Im Zugzwang
Magdeburg hat Stadtrecht
Dame mit Hund
Ordnungskolonne
Unbefugter Zutritt
Zimmer mit Tauchsieder
Eumel speist und spricht
Die Meisjes von Holland
Nonsense im Jugendstil
Der Schlaf des Kollektivs
Weckerbursche
Angezogen
Arten des Fortkommens
Fern am Horizont
Kein Blick nach rechts und links
Beschreibung einer Kuhbläke, DDR
Kneipe. Innen. Abend
Dichtung und Wahrheit
Brüderschaft
Heimgang
Hoorsts Ollsche
Die dunkle Kammer
Zwiefach sind die Fantasien
Handwerk im Morgengrauen
Viel Reinheit. An Sex nicht zu denken
Richtiger Wegweiser
Theorie nach Fahrplan
Baumwolle
Marmeladentante
Der Schwung des Frittierkorbs
Wie wir wissen
Das vierte Rad am Wagen
Deutsches Haus, Weinabteil
Die Interviewer
Ans Glas geklopft
Interieur, alternativ
Gespräch, alternativ
Auf dem Sofa sitzend
Der Fortschritt der Nacht
Nie passiert was
Ziemlich lange Pause
Macke am Morgen
Großes graues Straßenwesen
Die Argumente der Besseren
Grimmaische Straße
1826 und 1971
Kulturfilm-Szenen (kabarettistisch)
Kleine Hinterhältigkeit
Reise nach Amerika
Letzter Versuch
Musik geht durch die Nacht
Höhle
Ablösung
Anna Loog. Eine Rückblende
Schöner wohnen. Mit Portier und etwas Kabarett
Sonne über Leipzig
Ueber die Wollust
Tannebaum und Erdbeerplantahsche
Fernfahrerkabine
Eumels Traum. Marias Träume
Deutscher Bergwanderweg
Die grünen Hügel Jenas
Schwindender Abstand
Schwarze Punkte
Maria sieht, was du nicht siehst
Hallo, würd ich sagen ...
Herzliche Begegnung
Rauschenbachheim
Nachts sind alle Katzen grau
Phyletisches Museum
Versprechen
Wetter, prachtvoll
Kreismenschen
Bild der Lebensfreude
Hotelführer
Bleibende Erschütterung
Hay Hay Hay macht die Musik
Letzte Möglichkeit
Wartesaal.
Brief vom Ende des langen Tisches
Kurzdurchlauf, umgekehrt
Eine Antwort Eumels
Welt & Nabel
Nachwort für verstörte Leser(innen)
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