
19. Bruzzelkirschen
Marieelse Klopf war ungehalten. Wäre nicht unser großer Respekt vor dieser unkonventionellen Hamburger Lyrikerin, deren Werke bereits in der populären Fernsehsuchsendung „Dichter, melde Dich!“ besprochen worden waren, fest verwurzelt, würden wir sagen: Marieelse Klopf war stinkesauer.
Sie hatte sich nur aus Liebe zu ihrem Gefährten Klonnhusen auf dramatisches Terrain gewagt. Sie hatte für die Stiftung KulturTest e.V unermüdlich gearbeitet. Sie hatte den für ein Liebhabertheater gedachten „Goldnen Kinder-Märchen-Kranz“ in einen „Goldschneeklaren Kinder-Märchen-Kringelkreis“ verwandelt.
Die Dialoge hatte sie mit Bedeutung aufgeladen.
Die freien Kadenzen hatte sie kunstvoll geplant.
Bühnenbild und Kostüme hatte sie in den stiftungseigenen Werkstätten herstellen lassen.
Sie hatte dafür gesorgt, dass ein ihr noch immer gewogener, gut aussehender Ex einen Fördervertrag der Stiftung KulturTest bekam. Der Fördervertrag ließ Mittel für das Offtheater des Ex fließen. Drei Bewegungskünstlerinnen und vier Sprechstimmen hatten monatelang geprobt. Jede Bühnenaktion saß. Jeder Ton war auf der Höhe der Zeit. Das spontane, gleichsam romantische Element im „Goldschneeklaren Kinder-Märchen-Kringelkreis“ aber sollten die Stipendiaten des Schlosses werden. Das traditionelle Verabredungstheater – vorgegebene Sätze und Stichworte, geprobte Auftritte und einstudierte Szenen – sollte von den urgesunden, plötzlichen Eingebungen eines Ensembles der Zockendorfer Künstler konterkariert, aufgebrochen, durchdrungen und schalkhaft durchmischt werden. Ein gewaltiger POETRY SLAM sollte zunächst Stipendiaten, später alle Gäste und Menschen auf Zockendorf ergreifen.
Marieelse hatte ein lebendig pulsierendes Kunstobjekt vor ihrem inneren Auge. Das war etwas überaus Großartiges.
Vor ihrem äußeren Auge sah sie etwas überaus Grässliches: Die Truppe ihres Ex und die plumpeste Zockendorfer Mischpoke im Wilhelmine-Salon. Man ließ sich von den Köchinnen Anni und Susi, den Raumpflegerinnen Frau Wirsinghaus und Claudia Sonneborn, sowie den Mitarbeiterinnen Hauptapfel bedienen. Alle Schlossangestellten hatten zur Feier des Tages die Tracht der wendischen Märker angezogen: schwarze Spitzenhäubchen, rote Strickblusen, golddurchwirkte, mit original ostdeutscher Speisestärke kräftig gesteifte Servierschürzchen. Die Sprechstimmen der Offtheater-Truppe, vier junge Männer mit sehr kurzgehaltenem Haupthaar, nackte, durchtrainierte und tätowierte Haut unter schmalen Stoffbahnen zeigend, zogen an den Schnürbändchen der Trachten und lachten zotig, wenn die gestärkten Kleidungsstücke zu Boden polterten.
Die alberne Stimmung lag möglicherweise an den zum Menü gereichten Getränken: Zippernicker Schlehenwein und klarer, erdgebundener Kornschnaps.
Vorher hatte es gebackene Wilhelmine-Taler, eine Speise aus Kartoffeln, Äpfeln und viel gutem, heißem Schweinefett gegeben. Dem schloss sich die Schlegel-Tiecksche Mangold-Dinkel-Suppe an, deren Zutaten streng geheim von einem Holsteinischen Biolekhof herangeschafft worden waren. Gefüllter Wirsing mit Bruzzelkirschen oder wahlweise Mischlingssalat und gebeizte Dorfschnecken stellten das Hauptgericht dar. Kaspar-Kringel, Gretel-Plunder und Clemens-Scheibletten rundeten vor dem Brombeermus auf Heidekrautparfait das Mahl ab.
Das gute Essen war als eine gute Grundlage für gute Stimmungsberichte führender Medien gedacht gewesen. Stiftung und Künstlerhaus sollten auf der öffentlichen Zustimmungsskala stracks nach oben marschieren. Klonnhusen hatte fast alles geplant.
Rammsauers Unfähigkeit zur Organisation und die Ziethenowsche Pflichtvergessenheit hatten fast alles verpatzt.
Nun saß die Ramoni, die nur als Ersatz gedacht war, falls Brunhilde Wagner unter Magenbeschwerden leiden sollte, an diesem historisch verbürgten Tisch. Sie thronte schwarzlockig neben dem kurzhaarigen Volontär des LAUSITZ-EXPRESS, neben Revierförster Dubrau, Dorfsheriff Dompf, seiner Tochter Janine und den Mimen des Offtheaters – allesamt Gäste, die nicht einmal auf der zweiten Notfall-Ersatzliste aufgeführt worden wären.
Wenigstens hatte Friderike von Hardenberg als Witwe des letzten Barons neben Senator Klonnhusen und seiner Lebensgefährtin noch einen Platz am Katzentisch gefunden.
Marieelse Klopf verging der letzte Appetit angesichts von Brustlätzen und Bauchfreiheit.
Währenddessen war Mirko Mitzke, tapfer fürbass einherschreitend, im Schlossareal eingetroffen. Er sah die kampierenden, marschierenden, sich tretenden und sich atzenden Menschenmassen. Er sah das Wilhelmine-Holz-Podest von Kindern belagert, die sich auf den dröhnenden Brettern an wendischen Tänzen erfreuten, sah die PVC-Figurationen, nonfigural geworden, sah die Reste einer noch am Vormittag stolz aufragenden Wasserorgel – und wurde von einer Gruppe von Medienvertretern bestürmt. Leider trug er nämlich das Schloss-Zockendorf-Logo an der Jacke, das ihn als Hausmitarbeiter outete: Wann und wo denn die Performances stattfänden? Wo die Ausstellung der so tragisch ums Leben gekommenen hochbegabten Schweizerin aufgebaut sei und wo das Gastmahl der Wilhelmine-Forscher zelebriert würde? Die Weltblatt-Korrespondentin sagte, sie sei nur wegen der Uraufführung der „Goldschneefarben“ von Marieelse Klopf gekommen. Der „Ostfriesische Kurier“ fragte nach den PVC-Figurationen – in Klammern Material PVC – des Professors Nastissen.
Zum Beweis hielt man Mitzke Einladungen vor die Nase, auf denen all jene Attraktionen vermerkt waren.
Mitzke setzte alles auf eine Karte und führte den gesamten Presse-Tross, ohne ihn auf erträgliches Maß zu kürzen, in den Wilhelmine-Salon. So gelangte auch der inzwischen eingetroffene Redaktionsstab des Ressorts „Lokale Groß-Delikte“ vom LAUSITZ-EXPRESS dort hinein.
Die Offtheater-Sprechstimmen hatten derweil mit den Clemens-Scheibletten ein Diskuswettweitwerfen begonnen. Immer wenn eine Scheibe an der historischen Tapete klebenblieb, gab es ein Jauchzkonzert. Die Bewegungskünstlerinnen hatten sich Dompf und Dubrau geschnappt und führten mit diesen die abgründigsten, schimpflichsten, verzerrtesten, körperhaltungsschädigendsten und unausdenkbarsten Bewegungen durch, die dieses Schloss je gesehen haben mochte. Marieelse Klopf schluchzte so herzzerreißend, wie es nur wahrhaft naturalistischen Theateraufführungen vergönnt sein mag. Senator Klonnhusen nämlich sprach überaus verständnisvoll, sehr leise und sehr friedfertig mit seiner wohlklingenden Stimme auf Janine Dompf, das Gänschen, ein. Diese schöne, warme Baritonstimme bildete quasi die Begleitung zu Renate Ramonis Koloratur-Ausführungen über ihre Kolumne „Miss Marple mittenmang der Mark“ im HauptStadtMagazin. Rammsauer stellte einen seiner Doktorentitel hinter sich und ließ sich stolz von beiden Seiten und zwei unbekannten jungen Damen anfassen. Wie mochten die hier Zutritt erlangt haben? Die märkisch-wendischen Trachten hatten längst die Besitzer gewechselt. Die Offtheater-Stimmen trugen sie in einem mitreißenden Staccato furioso maledetta quer durch den Salon. Frau Friderike von Hardenberg hatte ein Paar glänzender Augen im glänzenden Gesicht und dirigierte Anni, Susi und Frau Wirsinghaus sowie alle weiteren Angestellten, derer sie habhaft werden konnte, zu einer Chorusline. „Wie mit meinem letzten Baron!“, rief sie. „Das ist der Geist unserer Wilhelmine. Ein demokratisches Sozialexperiment!“
Die Medienvertreter notierten unablässig, blitzlichteten ab und richteten ihre Camcorder ungescheut mitten ins Geschehen.
Schloss Zockendorf. Eine Mordsgeschichte
Schloss Zockendorf - eine Insel der Kunst im Ödland der Unkultur. Stipendiaten aus Ost und West kämpfen hier in aller Ruhe an der postmodernen Kunstfront und gegen den Argwohn der Eingeborenen. Eines Nachts geschieht im Atelier ein Mord, kurz danach ein zweiter ...Installationskünstler, Lückenbüßer, der Arbeiterdichter aus dem wendisch-sumpfigen Unrechtsstaat und die ewige Stipendienempfängerin aus Idar-Oberstein bevölkern das Künstlerhaus Schloss Zockendorf. Verwaltet werden sie von ebenso vielen Direktoren und Inventarnummern, die eine gläserne Administration praktizieren. Die Öffentlichkeit nimmt den ewig währenden Kunstkampf jedoch kaum wahr, ächtet ihn gar als Verschwendung von Steuergeldern. Als plötzlich ein Mord geschieht, wird vom Tierschutzverein bis zum allgegenwärtigen Lausitz-Express so mancherlei in Bewegung gesetzt. In einem Kriminalspektakel führt Matthias Biskupek die Kunst- und Ost-West-Debatten der Gegenwart vor. In grotesken Situationen und komischen Dialogen entwirft er einen Mikrokosmos, der mit lebenden Zeitgenossen und gegenwärtigen Verhältnissen garantiert nichts gemein hat.
Beschreibung
Schloss Zockendorf - eine Insel der Kunst im Ödland der Unkultur. Stipendiaten aus Ost und West kämpfen hier in aller Ruhe an der postmodernen Kunstfront und gegen den Argwohn der Eingeborenen. Eines Nachts geschieht im Atelier ein Mord, kurz danach ein zweiter ...
Installationskünstler, Lückenbüßer, der Arbeiterdichter aus dem wendisch-sumpfigen Unrechtsstaat und die ewige Stipendienempfängerin aus Idar-Oberstein bevölkern das Künstlerhaus Schloss Zockendorf. Verwaltet werden sie von ebenso vielen Direktoren und Inventarnummern, die eine gläserne Administration praktizieren. Die Öffentlichkeit nimmt den ewig währenden Kunstkampf jedoch kaum wahr, ächtet ihn gar als Verschwendung von Steuergeldern. Als plötzlich ein Mord geschieht, wird vom Tierschutzverein bis zum allgegenwärtigen Lausitz-Express so mancherlei in Bewegung gesetzt. In einem Kriminalspektakel führt Matthias Biskupek die Kunst- und Ost-West-Debatten der Gegenwart vor. In grotesken Situationen und komischen Dialogen entwirft er einen Mikrokosmos, der mit lebenden Zeitgenossen und gegenwärtigen Verhältnissen garantiert nichts gemein hat.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1998 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 20.07.2021 |
| Seiten | 133 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-493-4 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-494-1 |
| ASIN (Kindle) | B099Q6Q4VS |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
HumorSatireDDRSächsischKünstlerStudentenPolitikSchriftstellerPartyMordKatzeKünstlerheimBruzzelkirschenKripoStasiSchloss ZockendorfKünstlerhausKunstbetriebKrimiStipendiatenOst-West-DebattenBürokratieLausitz-ExpressPerformanceLeseprobe
19. Bruzzelkirschen
Marieelse Klopf war ungehalten. Wäre nicht unser großer Respekt vor dieser unkonventionellen Hamburger Lyrikerin, deren Werke bereits in der populären Fernsehsuchsendung „Dichter, melde Dich!“ besprochen worden waren, fest verwurzelt, würden wir sagen: Marieelse Klopf war stinkesauer.
Sie hatte sich nur aus Liebe zu ihrem Gefährten Klonnhusen auf dramatisches Terrain gewagt. Sie hatte für die Stiftung KulturTest e.V unermüdlich gearbeitet. Sie hatte den für ein Liebhabertheater gedachten „Goldnen Kinder-Märchen-Kranz“ in einen „Goldschneeklaren Kinder-Märchen-Kringelkreis“ verwandelt.
Die Dialoge hatte sie mit Bedeutung aufgeladen.
Die freien Kadenzen hatte sie kunstvoll geplant.
Bühnenbild und Kostüme hatte sie in den stiftungseigenen Werkstätten herstellen lassen.
Sie hatte dafür gesorgt, dass ein ihr noch immer gewogener, gut aussehender Ex einen Fördervertrag der Stiftung KulturTest bekam. Der Fördervertrag ließ Mittel für das Offtheater des Ex fließen. Drei Bewegungskünstlerinnen und vier Sprechstimmen hatten monatelang geprobt. Jede Bühnenaktion saß. Jeder Ton war auf der Höhe der Zeit. Das spontane, gleichsam romantische Element im „Goldschneeklaren Kinder-Märchen-Kringelkreis“ aber sollten die Stipendiaten des Schlosses werden. Das traditionelle Verabredungstheater – vorgegebene Sätze und Stichworte, geprobte Auftritte und einstudierte Szenen – sollte von den urgesunden, plötzlichen Eingebungen eines Ensembles der Zockendorfer Künstler konterkariert, aufgebrochen, durchdrungen und schalkhaft durchmischt werden. Ein gewaltiger POETRY SLAM sollte zunächst Stipendiaten, später alle Gäste und Menschen auf Zockendorf ergreifen.
Marieelse hatte ein lebendig pulsierendes Kunstobjekt vor ihrem inneren Auge. Das war etwas überaus Großartiges.
Vor ihrem äußeren Auge sah sie etwas überaus Grässliches: Die Truppe ihres Ex und die plumpeste Zockendorfer Mischpoke im Wilhelmine-Salon. Man ließ sich von den Köchinnen Anni und Susi, den Raumpflegerinnen Frau Wirsinghaus und Claudia Sonneborn, sowie den Mitarbeiterinnen Hauptapfel bedienen. Alle Schlossangestellten hatten zur Feier des Tages die Tracht der wendischen Märker angezogen: schwarze Spitzenhäubchen, rote Strickblusen, golddurchwirkte, mit original ostdeutscher Speisestärke kräftig gesteifte Servierschürzchen. Die Sprechstimmen der Offtheater-Truppe, vier junge Männer mit sehr kurzgehaltenem Haupthaar, nackte, durchtrainierte und tätowierte Haut unter schmalen Stoffbahnen zeigend, zogen an den Schnürbändchen der Trachten und lachten zotig, wenn die gestärkten Kleidungsstücke zu Boden polterten.
Die alberne Stimmung lag möglicherweise an den zum Menü gereichten Getränken: Zippernicker Schlehenwein und klarer, erdgebundener Kornschnaps.
Vorher hatte es gebackene Wilhelmine-Taler, eine Speise aus Kartoffeln, Äpfeln und viel gutem, heißem Schweinefett gegeben. Dem schloss sich die Schlegel-Tiecksche Mangold-Dinkel-Suppe an, deren Zutaten streng geheim von einem Holsteinischen Biolekhof herangeschafft worden waren. Gefüllter Wirsing mit Bruzzelkirschen oder wahlweise Mischlingssalat und gebeizte Dorfschnecken stellten das Hauptgericht dar. Kaspar-Kringel, Gretel-Plunder und Clemens-Scheibletten rundeten vor dem Brombeermus auf Heidekrautparfait das Mahl ab.
Das gute Essen war als eine gute Grundlage für gute Stimmungsberichte führender Medien gedacht gewesen. Stiftung und Künstlerhaus sollten auf der öffentlichen Zustimmungsskala stracks nach oben marschieren. Klonnhusen hatte fast alles geplant.
Rammsauers Unfähigkeit zur Organisation und die Ziethenowsche Pflichtvergessenheit hatten fast alles verpatzt.
Nun saß die Ramoni, die nur als Ersatz gedacht war, falls Brunhilde Wagner unter Magenbeschwerden leiden sollte, an diesem historisch verbürgten Tisch. Sie thronte schwarzlockig neben dem kurzhaarigen Volontär des LAUSITZ-EXPRESS, neben Revierförster Dubrau, Dorfsheriff Dompf, seiner Tochter Janine und den Mimen des Offtheaters – allesamt Gäste, die nicht einmal auf der zweiten Notfall-Ersatzliste aufgeführt worden wären.
Wenigstens hatte Friderike von Hardenberg als Witwe des letzten Barons neben Senator Klonnhusen und seiner Lebensgefährtin noch einen Platz am Katzentisch gefunden.
Marieelse Klopf verging der letzte Appetit angesichts von Brustlätzen und Bauchfreiheit.
Währenddessen war Mirko Mitzke, tapfer fürbass einherschreitend, im Schlossareal eingetroffen. Er sah die kampierenden, marschierenden, sich tretenden und sich atzenden Menschenmassen. Er sah das Wilhelmine-Holz-Podest von Kindern belagert, die sich auf den dröhnenden Brettern an wendischen Tänzen erfreuten, sah die PVC-Figurationen, nonfigural geworden, sah die Reste einer noch am Vormittag stolz aufragenden Wasserorgel – und wurde von einer Gruppe von Medienvertretern bestürmt. Leider trug er nämlich das Schloss-Zockendorf-Logo an der Jacke, das ihn als Hausmitarbeiter outete: Wann und wo denn die Performances stattfänden? Wo die Ausstellung der so tragisch ums Leben gekommenen hochbegabten Schweizerin aufgebaut sei und wo das Gastmahl der Wilhelmine-Forscher zelebriert würde? Die Weltblatt-Korrespondentin sagte, sie sei nur wegen der Uraufführung der „Goldschneefarben“ von Marieelse Klopf gekommen. Der „Ostfriesische Kurier“ fragte nach den PVC-Figurationen – in Klammern Material PVC – des Professors Nastissen.
Zum Beweis hielt man Mitzke Einladungen vor die Nase, auf denen all jene Attraktionen vermerkt waren.
Mitzke setzte alles auf eine Karte und führte den gesamten Presse-Tross, ohne ihn auf erträgliches Maß zu kürzen, in den Wilhelmine-Salon. So gelangte auch der inzwischen eingetroffene Redaktionsstab des Ressorts „Lokale Groß-Delikte“ vom LAUSITZ-EXPRESS dort hinein.
Die Offtheater-Sprechstimmen hatten derweil mit den Clemens-Scheibletten ein Diskuswettweitwerfen begonnen. Immer wenn eine Scheibe an der historischen Tapete klebenblieb, gab es ein Jauchzkonzert. Die Bewegungskünstlerinnen hatten sich Dompf und Dubrau geschnappt und führten mit diesen die abgründigsten, schimpflichsten, verzerrtesten, körperhaltungsschädigendsten und unausdenkbarsten Bewegungen durch, die dieses Schloss je gesehen haben mochte. Marieelse Klopf schluchzte so herzzerreißend, wie es nur wahrhaft naturalistischen Theateraufführungen vergönnt sein mag. Senator Klonnhusen nämlich sprach überaus verständnisvoll, sehr leise und sehr friedfertig mit seiner wohlklingenden Stimme auf Janine Dompf, das Gänschen, ein. Diese schöne, warme Baritonstimme bildete quasi die Begleitung zu Renate Ramonis Koloratur-Ausführungen über ihre Kolumne „Miss Marple mittenmang der Mark“ im HauptStadtMagazin. Rammsauer stellte einen seiner Doktorentitel hinter sich und ließ sich stolz von beiden Seiten und zwei unbekannten jungen Damen anfassen. Wie mochten die hier Zutritt erlangt haben? Die märkisch-wendischen Trachten hatten längst die Besitzer gewechselt. Die Offtheater-Stimmen trugen sie in einem mitreißenden Staccato furioso maledetta quer durch den Salon. Frau Friderike von Hardenberg hatte ein Paar glänzender Augen im glänzenden Gesicht und dirigierte Anni, Susi und Frau Wirsinghaus sowie alle weiteren Angestellten, derer sie habhaft werden konnte, zu einer Chorusline. „Wie mit meinem letzten Baron!“, rief sie. „Das ist der Geist unserer Wilhelmine. Ein demokratisches Sozialexperiment!“
Die Medienvertreter notierten unablässig, blitzlichteten ab und richteten ihre Camcorder ungescheut mitten ins Geschehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Tatort
2. Zuchthaus
3. Schweinestall
4. Menü
5. Leiche
6. Büroklammer
7. Wolfsweg
8. Chaiselongue
9. Kopie
10. Schweiß
11. Beichte
12. Hintergrund
13. Domino
14. Strategie
15. Kowallitschke
16. Bambus
17. Horden
18. Verpisst
19. Bruzzelkirschen
20. Abrechnungsscheck
21. Vanadiumkreuz
22. Rückstand
23. Fehlschaltung
24. Nietzsche
25. Täterhandling
26. Demontage
27. Überbringer
28. Zerspanungsfacharbeiter
29. Überdosis
30. Janine
Matthias Biskupek
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