
Poseidon riss die Augen auf, guckte Simon ganz ungläubig an und nahm vorsichtig die Schnecke entgegen. Er sagte nichts. Er hielt sie ans Ohr und lauschte. Er sah hinein. Er sah lange hinein, schüttelte den Kopf, lächelte kaum merklich. Dann steckte er das Kleinod in eine seiner unergründlichen Taschen.
Er sah Thalassia an, dann Simon. Wieder Thalassia. Er sagte: „Was soll ich da sagen?“
„Jetzt siehst du es, Papa“, sagte Thalassia. Sie freute sich, da die Laune ihres Vaters sich offensichtlich gebessert hatte. „Nicht alle Menschen sind schlecht. Simon ist ein Mensch und hat deiner Tochter das Leben gerettet, und er hat dir die Zauberschnecke zurückgebracht.“
Dann sagte sie noch: „Und wer weiß schon, wie das wirklich gewesen ist in der Kneipe da, in die du so gerne gehst.“
Das hätte sie nicht sagen sollen, denn Poseidons Gesicht verfinsterte sich zusehends.
„Thalassia“, sagte er streng, „du sprichst mit deinem Vater! Ich muss mir also deinen Ton verbitten!“
Er sah zu Simon.
„Er mag ja eine Ausnahme sein. Aber!“
Seine Stimme wurde lauter.
„Seit Jahrhunderten machen mir die Menschen das Leben schwer, ich sagte es schon. Es sind ja nicht nur die kleinen Ärgernisse, die Abfälle, der Unrat, die sie mir ins Wasser werfen, nicht wahr? Den Eingang zu meinem Palast haben sie mir verschandelt. Ein Schiff haben sie davor untergehen lassen. Und jetzt liegt das Wrack dort. Immerhin seit fünfhundert Jahren. Und das kränkt mich. Ebenfalls so lange.“
Thalassia hatte den Kopf gesenkt. Ihr Vater hatte recht. Aber was konnte Simon dafür. Sie weinte leise und schneuzte sich. „Komm, Simon, ich bringe dich zurück. Es tut mir leid.“
„Na, na, Töchterchen“, sagte Poseidon, denn er konnte seine Tochter nicht weinen sehen, „wer wird denn gleich …“
Er überlegte, dann sagte er: „Vielleicht ist dein Simon wirklich eine Ausnahme unter den Menschen. Gut, ich will ihm eine Aufgabe stellen. Weiß er eine Lösung, soll er seine Belohnung bekommen.“
Thalassia sah Simon an, wischte sich die Augen und nickte Simon zu.
„Aber die Aufgabe ist schwer. Folgt mir.“
Poseidon schritt auf den Ausgang des Saales zu. Simon ging hinterher, die kleine Nixe schwamm. Es ging den Gang zurück, durch den sie vorher gekommen waren. Kurz vor der Öffnung bogen sie nach rechts ab. Ein paar zersplitterte Planken wurden sichtbar, blieben zurück. Sie aber tauchten in das Dunkel des Schiffskörpers ein.
Poseidon zündete ein paar Fackeln an, gab sie Thalassia und Simon. Er selbst hatte die Schnecke in der Hand, die leuchtete wie ein starker Scheinwerfer.
Und sie sahen: das Schiff.
Sie waren im Laderaum. Darin Fässer, Tonnen, Krüge, aber auch Kanonen und Kugeln dazu. Und dazwischen Schlick und nochmals Schlick.
Simon und die Nixe Thalassia
Simon, ein Rostocker Junge, hört immer wieder gern und begierig die Geschichten seines Bruders, der ein Seefahrer ist. Stets bringt der von seinen Reisen in abenteuerliche Welten für die ganze Familie etwas mit. Und an jedem seiner Mitbringsel hängt eine spannende Geschichte. Ob er sich die wohl ausgedacht hat? Das kann nicht sein, denn Simon begegnet wirklich der kleinen Nixe Thalassia und ihrem Vater, dem Meeresgott Poseidon. Und da ist dann noch eine Sache mit einem versunkenen Schiff. Und einer Glocke. Der Autor entführt uns in die Wunderwelt des Meeres.
Beschreibung
Simon, ein Rostocker Junge, hört immer wieder gern und begierig die Geschichten seines Bruders, der ein Seefahrer ist. Stets bringt der von seinen Reisen in abenteuerliche Welten für die ganze Familie etwas mit. Und an jedem seiner Mitbringsel hängt eine spannende Geschichte. Ob er sich die wohl ausgedacht hat? Das kann nicht sein, denn Simon begegnet wirklich der kleinen Nixe Thalassia und ihrem Vater, dem Meeresgott Poseidon. Und da ist dann noch eine Sache mit einem versunkenen Schiff. Und einer Glocke. Der Autor entführt uns in die Wunderwelt des Meeres.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.2003 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 20.03.2023 |
| Seiten | 30 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-876-5 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-877-2 |
| ASIN (Kindle) | B0BYP1XZ8D |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
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Poseidon riss die Augen auf, guckte Simon ganz ungläubig an und nahm vorsichtig die Schnecke entgegen. Er sagte nichts. Er hielt sie ans Ohr und lauschte. Er sah hinein. Er sah lange hinein, schüttelte den Kopf, lächelte kaum merklich. Dann steckte er das Kleinod in eine seiner unergründlichen Taschen.
Er sah Thalassia an, dann Simon. Wieder Thalassia. Er sagte: „Was soll ich da sagen?“
„Jetzt siehst du es, Papa“, sagte Thalassia. Sie freute sich, da die Laune ihres Vaters sich offensichtlich gebessert hatte. „Nicht alle Menschen sind schlecht. Simon ist ein Mensch und hat deiner Tochter das Leben gerettet, und er hat dir die Zauberschnecke zurückgebracht.“
Dann sagte sie noch: „Und wer weiß schon, wie das wirklich gewesen ist in der Kneipe da, in die du so gerne gehst.“
Das hätte sie nicht sagen sollen, denn Poseidons Gesicht verfinsterte sich zusehends.
„Thalassia“, sagte er streng, „du sprichst mit deinem Vater! Ich muss mir also deinen Ton verbitten!“
Er sah zu Simon.
„Er mag ja eine Ausnahme sein. Aber!“
Seine Stimme wurde lauter.
„Seit Jahrhunderten machen mir die Menschen das Leben schwer, ich sagte es schon. Es sind ja nicht nur die kleinen Ärgernisse, die Abfälle, der Unrat, die sie mir ins Wasser werfen, nicht wahr? Den Eingang zu meinem Palast haben sie mir verschandelt. Ein Schiff haben sie davor untergehen lassen. Und jetzt liegt das Wrack dort. Immerhin seit fünfhundert Jahren. Und das kränkt mich. Ebenfalls so lange.“
Thalassia hatte den Kopf gesenkt. Ihr Vater hatte recht. Aber was konnte Simon dafür. Sie weinte leise und schneuzte sich. „Komm, Simon, ich bringe dich zurück. Es tut mir leid.“
„Na, na, Töchterchen“, sagte Poseidon, denn er konnte seine Tochter nicht weinen sehen, „wer wird denn gleich …“
Er überlegte, dann sagte er: „Vielleicht ist dein Simon wirklich eine Ausnahme unter den Menschen. Gut, ich will ihm eine Aufgabe stellen. Weiß er eine Lösung, soll er seine Belohnung bekommen.“
Thalassia sah Simon an, wischte sich die Augen und nickte Simon zu.
„Aber die Aufgabe ist schwer. Folgt mir.“
Poseidon schritt auf den Ausgang des Saales zu. Simon ging hinterher, die kleine Nixe schwamm. Es ging den Gang zurück, durch den sie vorher gekommen waren. Kurz vor der Öffnung bogen sie nach rechts ab. Ein paar zersplitterte Planken wurden sichtbar, blieben zurück. Sie aber tauchten in das Dunkel des Schiffskörpers ein.
Poseidon zündete ein paar Fackeln an, gab sie Thalassia und Simon. Er selbst hatte die Schnecke in der Hand, die leuchtete wie ein starker Scheinwerfer.
Und sie sahen: das Schiff.
Sie waren im Laderaum. Darin Fässer, Tonnen, Krüge, aber auch Kanonen und Kugeln dazu. Und dazwischen Schlick und nochmals Schlick.
Ulrich Frohriep
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