
Frl. Minuth
Weil ich noch die einstige Sekretärin meines Vaters hatte aufsuchen wollen, war ich einen Tag länger in Duisburg geblieben. Wie mir mitgeteilt wurde, wohnte sie noch in dem Mietshaus von damals. Mir schien sie sehr gealtert und weit hagerer, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie war unverheiratet und darum Frl. Minuth geblieben, und so misstrauisch wie sie mich nach meinem Läuten aus einem der oberen Fenster des Hauses gemustert hatte, musterte sie mich auch auf dem Treppenabsatz. Wohl nur aus Gewissensgründen ließ sie mich in die Wohnung und ich blieb kaum länger, als sie brauchte, um mir auszuhändigen, was mein Vater ihr vor der Verschleppung zur Aufbewahrung hinterlassen hatte – eine Reiseschreibmaschine, Manschettenknöpfe, eine Krawattennadel. „Strikt ungesetzlich war das, so was zu behalten damals“, sagte sie, „gefährlich auch für unsereins, allein die Mappe hier hätte mich verraten können.“ Wie ich überlebt und wohin es mich verschlagen hatte, fragte sie nicht und ich schwieg dazu, dankte ihr und – ging. Es traf mich tief, als ich, zurückgekehrt in die Pension am Bahnhof, eine Adoptionsurkunde in der Mappe fand. Schlagartig war gewiss, was ich als Elfjähriger geahnt hatte, als mich Käte, unsere Hausgehilfin, im Ärger Adoptivkind nannte, ein mir unheimliches Wort damals, das mir die Mutter nicht hatte erklären wollen – „später, wenn du größer bist“. Also war ich tatsächlich nicht der leibliche Sohn meiner Eltern, hieß Salomon und eine ledige Verkäuferin mit Namen Rachela Schmeidler, die in der Berliner Mulackstraße gemeldet gewesen war, hatte mich mit siebzehn Jahren zur Welt gebracht.
Dem würde ich nachgehen müssen, dem zu allererst …
Suche nach der Herkunft
„Ein Junge mit Namen Salomon hier in der Mulackstraße? Nicht dass ich wüsste!“ Der kleine Mann in Schiebermütze und Lederjacke, der sich als Alfons Hinze vorgestellt hatte, Angestellter einer Zoohandlung beim Alexanderplatz, beäugte mich misstrauisch. „Dabei hab ich mein Leben lang hier gewohnt.“
Nicht lang genug, sagte ich mir, führte ihn aber doch zu dem Haus, das in der Adoptionsurkunde vermerkt war, eine, wie sich herausstellte, jener zahllosen Berliner Kriegsruinen, an die ich mich seit meiner Rückkehr hatte gewöhnen müssen. Nur der Keller des Mietshauses schien noch bewohnt – durch den Vorhang des Fensters dicht überm Bürgersteig schimmerte rötliches Licht.
„Muss vor meiner Zeit gewesen sein“, sagte Hinze. „Die da wohnt, wohnt da schon ewig – und kennt auch jeden. Fragen wir sie doch einfach.“ Schon wollte er an die Scheibe klopfen, da besann er sich. „Ist zwar nicht mehr die Jüngste, schafft aber noch immer an. Besser, wir warten.“
Nieselregen fiel. Ich fröstelte in der kalten Novembernacht und dem viel zu leichten australischen Mantel. Ich zog die Schultern ein, schlug den Kragen hoch, schob die Hände in die Taschen.
„Hocken wir uns eine Weile in die Mulackritze“, schlug Hinze vor. „Dort kommt sie immer mal hin – vielleicht auch heute.“
Wir waren erst beim zweiten Bier, als eine vollbusige Frau, die trotz schlohweißen Haars kaum älter als fünfzig wirkte, die Kneipe betrat und an einem Ecktisch Platz nahm, an dem schon ein Mann saß, den sie zu kennen schien. Schminke gab ihrem Gesicht eine unnatürliche Röte. Ringe glitzerten an den Fingern beider Hände, und als sie ihren Mantel hinter sich auf der Stuhllehne ablegte, offenbarte ihre durchsichtige Bluse füllige Arme und einen üppigen Busen.
„Wäre richtig nett, wenn Sie mal herkämen“, bat Hinze sie und wandte sich dann an den Wirt: „Eine Lage für drei!“
Die Frau beschwichtigte den Mann an ihrem Tisch und folgte Hinze. Sie musterte mich.
„Auf Ihr Wohl!“, sagte Hinze, und dann leise zu mir: „Das ist sie – der Rest liegt bei Ihnen.“
Ich stellte mich vor, was der Frau nichts sagte, als ich aber einen Jungen namens Salomon erwähnte, der vor dreißig Jahren in ihrem Haus gelebt haben musste, horchte sie auf. „Wie wollen Sie das wissen und von wem?“
Ich holte die Adoptionsurkunde aus der Tasche und zeigte sie ihr. Sie überflog den Inhalt und setzte sich, als könnte sie stehend nicht ertragen, was sie da las. „Sind das etwa Sie?“ Ich nickte. Da breitete sie die Arme aus und drückte mich an sich: „Mein Solly!“
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens
Immer in Bewegung, sich ständig verändernd - so ist das Leben Walter Kaufmanns. Als Fünfzehnjähriger flieht er aus Nazideutschland nach England, wird von dort nach Australien deportiert, wo er sich mit verschiedenen Arbeiten über Wasser hält - im Krieg Soldat, später Hochzeitsfotograf, Dock- und Hafenarbeiter, zuletzt Seemann. Zurück in Deutschland ist es die DDR, die er wählt. Dort lebt er als Schriftsteller, geht wieder zur See, schreibt Reportagen aus Japan, Irland, Israel und den USA. Er bleibt in der Welt zu Hause.In seinen bewegenden, autobiografischen Erzählungen betrachtet Walter Kaufmann Menschen, so verschieden, wie die Länder, die er bereiste, von Begegnungen, von Stimmungen, die er einfängt und die berühren. So offenbart sich dem Leser ein immer wieder neues, stets anderes Bild und jedes davon überrascht und verzaubert.Das literarische Kaleidoskop eines Lebens.»In dieser meisterlichen Kurzprosa zeigt sich die Spannweite zwischen Region und weiter Welt, zwischen Vertrautem und …
Beschreibung
Immer in Bewegung, sich ständig verändernd - so ist das Leben Walter Kaufmanns. Als Fünfzehnjähriger flieht er aus Nazideutschland nach England, wird von dort nach Australien deportiert, wo er sich mit verschiedenen Arbeiten über Wasser hält - im Krieg Soldat, später Hochzeitsfotograf, Dock- und Hafenarbeiter, zuletzt Seemann. Zurück in Deutschland ist es die DDR, die er wählt. Dort lebt er als Schriftsteller, geht wieder zur See, schreibt Reportagen aus Japan, Irland, Israel und den USA. Er bleibt in der Welt zu Hause.
In seinen bewegenden, autobiografischen Erzählungen betrachtet Walter Kaufmann Menschen, so verschieden, wie die Länder, die er bereiste, von Begegnungen, von Stimmungen, die er einfängt und die berühren. So offenbart sich dem Leser ein immer wieder neues, stets anderes Bild und jedes davon überrascht und verzaubert.
Das literarische Kaleidoskop eines Lebens.
»In dieser meisterlichen Kurzprosa zeigt sich die Spannweite zwischen Region und weiter Welt, zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen kleinen Verhältnissen und exotischen Abenteuern, zwischen sozialer und künstlerisch-literarischer Erfahrung.«
Aus der Laudatio zur Verleihung des Literaturpreises Ruhrgebiet
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.2017 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 21.10.2020 |
| Seiten | 519 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-96521-268-8 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-269-5 |
| ASIN (Kindle) | B08LF1L8M8 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
2. WeltkriegAbenteuerAuschwitzAustralienBrasilienDDRDeportationDuisburgEmigrationErwachsenwerdenFamilieFaschismusAdoptionFluchtFreundschaftGewerkschaftGräuelGrausamkeitGroßbritannienHassHolocaustInternierungslagerJudeJudenverfolgungLeseprobe
Frl. Minuth
Weil ich noch die einstige Sekretärin meines Vaters hatte aufsuchen wollen, war ich einen Tag länger in Duisburg geblieben. Wie mir mitgeteilt wurde, wohnte sie noch in dem Mietshaus von damals. Mir schien sie sehr gealtert und weit hagerer, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie war unverheiratet und darum Frl. Minuth geblieben, und so misstrauisch wie sie mich nach meinem Läuten aus einem der oberen Fenster des Hauses gemustert hatte, musterte sie mich auch auf dem Treppenabsatz. Wohl nur aus Gewissensgründen ließ sie mich in die Wohnung und ich blieb kaum länger, als sie brauchte, um mir auszuhändigen, was mein Vater ihr vor der Verschleppung zur Aufbewahrung hinterlassen hatte – eine Reiseschreibmaschine, Manschettenknöpfe, eine Krawattennadel. „Strikt ungesetzlich war das, so was zu behalten damals“, sagte sie, „gefährlich auch für unsereins, allein die Mappe hier hätte mich verraten können.“ Wie ich überlebt und wohin es mich verschlagen hatte, fragte sie nicht und ich schwieg dazu, dankte ihr und – ging. Es traf mich tief, als ich, zurückgekehrt in die Pension am Bahnhof, eine Adoptionsurkunde in der Mappe fand. Schlagartig war gewiss, was ich als Elfjähriger geahnt hatte, als mich Käte, unsere Hausgehilfin, im Ärger Adoptivkind nannte, ein mir unheimliches Wort damals, das mir die Mutter nicht hatte erklären wollen – „später, wenn du größer bist“. Also war ich tatsächlich nicht der leibliche Sohn meiner Eltern, hieß Salomon und eine ledige Verkäuferin mit Namen Rachela Schmeidler, die in der Berliner Mulackstraße gemeldet gewesen war, hatte mich mit siebzehn Jahren zur Welt gebracht.
Dem würde ich nachgehen müssen, dem zu allererst …
Suche nach der Herkunft
„Ein Junge mit Namen Salomon hier in der Mulackstraße? Nicht dass ich wüsste!“ Der kleine Mann in Schiebermütze und Lederjacke, der sich als Alfons Hinze vorgestellt hatte, Angestellter einer Zoohandlung beim Alexanderplatz, beäugte mich misstrauisch. „Dabei hab ich mein Leben lang hier gewohnt.“
Nicht lang genug, sagte ich mir, führte ihn aber doch zu dem Haus, das in der Adoptionsurkunde vermerkt war, eine, wie sich herausstellte, jener zahllosen Berliner Kriegsruinen, an die ich mich seit meiner Rückkehr hatte gewöhnen müssen. Nur der Keller des Mietshauses schien noch bewohnt – durch den Vorhang des Fensters dicht überm Bürgersteig schimmerte rötliches Licht.
„Muss vor meiner Zeit gewesen sein“, sagte Hinze. „Die da wohnt, wohnt da schon ewig – und kennt auch jeden. Fragen wir sie doch einfach.“ Schon wollte er an die Scheibe klopfen, da besann er sich. „Ist zwar nicht mehr die Jüngste, schafft aber noch immer an. Besser, wir warten.“
Nieselregen fiel. Ich fröstelte in der kalten Novembernacht und dem viel zu leichten australischen Mantel. Ich zog die Schultern ein, schlug den Kragen hoch, schob die Hände in die Taschen.
„Hocken wir uns eine Weile in die Mulackritze“, schlug Hinze vor. „Dort kommt sie immer mal hin – vielleicht auch heute.“
Wir waren erst beim zweiten Bier, als eine vollbusige Frau, die trotz schlohweißen Haars kaum älter als fünfzig wirkte, die Kneipe betrat und an einem Ecktisch Platz nahm, an dem schon ein Mann saß, den sie zu kennen schien. Schminke gab ihrem Gesicht eine unnatürliche Röte. Ringe glitzerten an den Fingern beider Hände, und als sie ihren Mantel hinter sich auf der Stuhllehne ablegte, offenbarte ihre durchsichtige Bluse füllige Arme und einen üppigen Busen.
„Wäre richtig nett, wenn Sie mal herkämen“, bat Hinze sie und wandte sich dann an den Wirt: „Eine Lage für drei!“
Die Frau beschwichtigte den Mann an ihrem Tisch und folgte Hinze. Sie musterte mich.
„Auf Ihr Wohl!“, sagte Hinze, und dann leise zu mir: „Das ist sie – der Rest liegt bei Ihnen.“
Ich stellte mich vor, was der Frau nichts sagte, als ich aber einen Jungen namens Salomon erwähnte, der vor dreißig Jahren in ihrem Haus gelebt haben musste, horchte sie auf. „Wie wollen Sie das wissen und von wem?“
Ich holte die Adoptionsurkunde aus der Tasche und zeigte sie ihr. Sie überflog den Inhalt und setzte sich, als könnte sie stehend nicht ertragen, was sie da las. „Sind das etwa Sie?“ Ich nickte. Da breitete sie die Arme aus und drückte mich an sich: „Mein Solly!“
Inhaltsverzeichnis
I „… best country in the world, this!“
Verbannung
Der Dichter
Das Lineal
Nacht über Shepparton
Absent without Leave
Maroochydore Mooloolaba
Colin
Elaine
Postausgabe
Margie
Wo ist Tommy?
Pit und Monica
Begegnung auf der Landstraße
Bill und Henry
Dunkelkammer
Marty Carrigan
Jenseits der Stadt
Der Inspektor
Home sweet Home
Professor Picasso
Midnight Sailing
Coalburner
Die rote Rose
Die Zähmung des Patrick Mulligan
Unter grausamer Sonne
Der Fluch von Maralinga – eine Novelle
Vater aller Völker
Die Patrioten – eine Novelle
II Heimkehr in die Fremde
Heimkehr in die Fremde
Frl. Minuth
Suche nach der Herkunft
Bahnhof Friedrichstraße
Haus am Stadtrand
Schuhe
Berliner Karl-Marx-Allee
Verlagshaus
Auf großer Fahrt
Handel in Imbituba
Nacht ohne Morgen
Jenseits der Erfüllung
Punkt ohne Wiederkehr
Cadillac
Geburt einer Legende
Steckbrief eines Seemannes
Landgang in Cárdenas
Kapitulation
Haus am Bodden
Im Schloss zu Mecklenburg
Buchenwaldreise
Fahrkartenkontrolle
Der lange Schatten
Oskar aus Hamburg
Tod eines V-Mannes
Anonymes Bekenntnis
Windschutzverleih
Und Aldi am Sonntag
Im Herbstwind
III Schade, dass du Jude bist
Die einfachen Dinge
Neugier
Im Herbst
Kinderheim
Die Taschenuhr
Bonbons
Die Eidechse
Schulweg
Menschenjagd
Zirkus
Geranien und Rosen
Spinat
Die Papageienkrankheit
Dreiundsiebzig
Mutprobe
Zito
Schwester Julchen
Die Musikstunde
Inquisition
Der Unfall
Helden
X, Ypsilon und die Wohltätige
Der Arier
Onkel Martin
Hass
Bahnwärterhaus
Miriam
Flucht
Das Gemälde
Der Schrei der Krücken
Ruth
Die Abreise
In London
Die Münze
English, Martin Ruben
Jene Stunden im Internat
Whiteladys
Die Guernsey-Lektion
Parias
Walter Kaufmann
Weitere Bücher von Walter Kaufmann
Ein jegliches hat seine Zeit. Wiederbegegnungen auf drei Kontinenten
American Encounter
Beyond the Green World of Childhood
Die Welt des Markus Epstein
Am Kai der Hoffnung. Stories
Unterwegs zu Angela. Amerikanische ImpressionenÄhnliche Bücher
Schwerwiegendes, Gewichtiges, Unwichtiges, Ernst und Spaß, für jeden was
Nebelmeer und Wermutsteppe. Begegnungen
Der zweite Mann. Rückblick auf Leben und Schreiben
Stille Wasser sind tief. Der Helenesee und andere Geschichten
Ins Herz geblickt. Skizzen
Schneewittchen und Rapunzel. Geschichten aus der Kinder- und Jugendzeit