
„Eine Saukälte! Gösselchen ging neben mir! Als sie mitkriegte, dass meine Hände vor Frost blau waren, da hat sie die angehaucht und in ihre gefütterten Thermohosentaschen gesteckt! Einfach so. Kam mir vor wie ein siamesischer Zwilling. Ein Gefühl war das! O Mann!!“
Tatsächlich verdreht der Vierzehnjährige noch im Nachhinein die Augen. Über sechs Monate war das bereits her! Aber noch immer kann Roman nicht vergessen, wie heiß ihm damals von einem Augenblick zum anderen geworden ist. Mit jedem Schritt, bei dem er die warmen Oberschenkel der jungen Frau durch das Taschenfutter spürte, wurde dem Jungen trockener im Hals. Bis dahin hämmerte ohnehin sein Herz. Das ist schon irre gewesen ...
Ätzend! kommentierte Hannibal, wie andere Mitschüler verdammt sauer über diese von Fräulein Genslein gewiss als mütterliche Geste empfundene Bevorzugung des Roman Moor, der unter jener Kälte offensichtlich mehr litt als seine Klassenkameraden.
Bei Antje Holtpann war es Monate später für Roman ähnlich gewesen. Diese Hitzewelle, die, während sie durch seinen Körper vom Kopf bis in die kleinste Zehe schoss, ungeheuer stark macht! Bei Antje sind beide allein gewesen. Mit Sekt und Musik. Dazu ihre aufregenden Tanzvorführungen mit dem zusammengedrehten Badehandtuch, das eine Riesenschlange darstellen sollte. Wenn ABV Oberleutnant Holtpann das gesehen hätte! Der ist sowieso nicht gut zu sprechen auf seine Tochter. Zweimal sitzengeblieben bisher, das Mädel! Und plötzlich Faxen als künftige Schlangentänzerin! Mit so gut wie nichts an!
Das verflixte Rollenspiel.
Ein nahezu beschauliches Leben führte die Familie Moor bis zum 3. Januar 1985, an dem Ellen Moor einen Autounfall verursachte, in dessen Folge ihr Mann Karl querschnittgelähmt war. Karl Moor hatte seine Frau zur Eile angetrieben, wollte er doch eine TV-Sendung zu Ehren des Geburtstages von Wilhelm Pieck, des ersten Staatspräsidenten der DDR, sehen. Durch ein Missverständnis zwischen den Eltern war verabsäumt worden, den Videorekorder zwecks Mitschnitts zu programmieren.Die Geschwister Roman Moor (geb. Lubenow, weil Eltern tot) und Amalia Moor mussten in der Folgezeit mit ansehen, dass die Familie immer stärker auseinanderfiel. Die Eltern wurden mit dem Schicksalsschlag nicht fertig. Karl Moor ließ sich in die Rolle eines stillen Leiders fallen, was seiner Frau stärker zusetzte als hätte er sie wegen ihrer Schuld an seinem Krüppel-Dasein beschimpft. Romans Adoptivvater, der sich bereits vor dem Unfall nicht hatte entscheiden können, welcher von fünf Mimen er folgen …
Beschreibung
Ein nahezu beschauliches Leben führte die Familie Moor bis zum 3. Januar 1985, an dem Ellen Moor einen Autounfall verursachte, in dessen Folge ihr Mann Karl querschnittgelähmt war. Karl Moor hatte seine Frau zur Eile angetrieben, wollte er doch eine TV-Sendung zu Ehren des Geburtstages von Wilhelm Pieck, des ersten Staatspräsidenten der DDR, sehen. Durch ein Missverständnis zwischen den Eltern war verabsäumt worden, den Videorekorder zwecks Mitschnitts zu programmieren.
Die Geschwister Roman Moor (geb. Lubenow, weil Eltern tot) und Amalia Moor mussten in der Folgezeit mit ansehen, dass die Familie immer stärker auseinanderfiel. Die Eltern wurden mit dem Schicksalsschlag nicht fertig. Karl Moor ließ sich in die Rolle eines stillen Leiders fallen, was seiner Frau stärker zusetzte als hätte er sie wegen ihrer Schuld an seinem Krüppel-Dasein beschimpft. Romans Adoptivvater, der sich bereits vor dem Unfall nicht hatte entscheiden können, welcher von fünf Mimen er folgen müsse, um als erfolgreicher Künstler zum Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie beitragen zu können, floh geradezu in ihr Wochenendhaus bei Hollwiss, einem beschaulichen Dorf. Hier versuchte Karl Moor, auf dessen Vornamen seinerzeit der hochgebildete Buchhändler und Schillerverehrer (Die Räuber) Maximilian Moor bestanden hatte (Ähnliches traf später bei der Namensgebung für seine Enkelin Amalia zu) verbissen, herauszufinden ob er fortan Autor, Mime, Maler, Komponist oder Bildhauer sein wollte.
Alle schienen sich mehr recht als schlecht eingerichtet zu haben. Bis eines Morgens Roman Moor sah, wie aus dem Schlafzimmer der Eltern Herr Dr. Hampe in den Wohnungsflur trat als sei dies die natürlichste Sache der Welt. Während Amalia diese Veränderung in der Familie akzeptierte, sabotierte Roman den Eindringling, wo es nur ging. Er ordnete dessen Schallplattensammlung, indem zwei getrennte Haufen sich auf dem Teppich im Wohnzimmer wiederfanden – einer mit Hunderten Schallplattenhüllen und sein Pendant mit den Platten. Das Einsortieren dürfte eine Menge Arbeit erfordern beziehungsweise viel Zeit verschlingen …
Roman Moor tat sich als Rabauke in der Schule hervor, bestahl Fischer Wehles Reusen, verschaffte sich bei den Mädchen einen zweifelhaften Ruf als Schürzenjäger und begann mit Hannibal oder kurz Hanno Pökermann, einem kürzlich aus Westberlin zugezogenen Schlimmen Finger mit dem Trinken von Hochprozentigem. Als Roman nicht mehr weiter wusste, suchte er das Gespräch mit seinem Adoptivvater. Beide hatten ein ausgeklügeltes System des Umgangs miteinander – das Rollenspiel. Sprachen sich beide aus, dann schlüpfte der querschnittgelähmte Vater in die Rolle des alten ortsansässigen Fischers und dem Sohn oblag die Rolle eines 14-Jährigen Petrijüngers. Diese scheinbare Anonymität erlaubte es beiden, mit aller Schärfe ihre Meinung dem jeweils anderen beizubringen.
Und so kam es, dass Roman, der nach wie vor unter dem Verhältnis seiner Adoptivmutter mit Dr. Hampe litt, erfahren musste, dass der Vater von der neuen Gemeindeschwester Akke Jensen mehr als nur medizinisch versorgt wurde. Ja, dass es da noch eine kleine Silke gab. Und noch eins machte Roman schwer zu schaffen: die Pökermanns waren hierher gezogen, um in Hollwiss ein beträchtliches Erbe anzutreten. Dazu gehörten auch Land und Wochenendhaus, von Romans Stiefvater genutzt. Beides zu kaufen überstieg die finanziellen Möglichkeiten der Familie Moor. Gegenwärtig stellt Karl Moor aus illegal eingeführtem Elfenbein kleine Kultfiguren her, die Pökermann durch dunkle Kanäle via Skandinavien nach Westberlin schafft und dort mit entsprechenden Zertifikaten als Jahrhunderte alte Indische Gottheiten mit hohem Gewinn verscherbeln lässt.
Als Roman Moor glaubt, dass die übelsten Sachen ausgestanden sind, versucht er sich mit einem Bonmot zu empfehlen: „Der Moor hat seine Schuldigkeit getan - der Moor kann gehen!“ Leider hat er mal wieder daneben gegriffen, wie Karl Moor auch sogleich berichtigt: „Das ist Fiesco. Auch von Schiller. Aber Moor mit -Otto- und -Hilda-! In der Mitte! Dieser Schwarze ...“
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1986 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 02.01.2013 |
| Seiten | 204 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-872-6 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-330-2 |
| ASIN (Kindle) | B00Z3UM938 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
AdoptivkindVater-Sohn-BeziehungQuerschnittlähmungEhescheidungPubertäterste LiebeKunstfälschungKinderheimFamilieAutounfallQuerschnittslähmungAdoptionDDRDorfJugend/Coming-of-AgeRollenspiel (als Kommunikationsform)Elfenbein/illegaler HandelSchallplattensammlungSchuleEifersuchtBeziehungenLeseprobe
„Eine Saukälte! Gösselchen ging neben mir! Als sie mitkriegte, dass meine Hände vor Frost blau waren, da hat sie die angehaucht und in ihre gefütterten Thermohosentaschen gesteckt! Einfach so. Kam mir vor wie ein siamesischer Zwilling. Ein Gefühl war das! O Mann!!“
Tatsächlich verdreht der Vierzehnjährige noch im Nachhinein die Augen. Über sechs Monate war das bereits her! Aber noch immer kann Roman nicht vergessen, wie heiß ihm damals von einem Augenblick zum anderen geworden ist. Mit jedem Schritt, bei dem er die warmen Oberschenkel der jungen Frau durch das Taschenfutter spürte, wurde dem Jungen trockener im Hals. Bis dahin hämmerte ohnehin sein Herz. Das ist schon irre gewesen ...
Ätzend! kommentierte Hannibal, wie andere Mitschüler verdammt sauer über diese von Fräulein Genslein gewiss als mütterliche Geste empfundene Bevorzugung des Roman Moor, der unter jener Kälte offensichtlich mehr litt als seine Klassenkameraden.
Bei Antje Holtpann war es Monate später für Roman ähnlich gewesen. Diese Hitzewelle, die, während sie durch seinen Körper vom Kopf bis in die kleinste Zehe schoss, ungeheuer stark macht! Bei Antje sind beide allein gewesen. Mit Sekt und Musik. Dazu ihre aufregenden Tanzvorführungen mit dem zusammengedrehten Badehandtuch, das eine Riesenschlange darstellen sollte. Wenn ABV Oberleutnant Holtpann das gesehen hätte! Der ist sowieso nicht gut zu sprechen auf seine Tochter. Zweimal sitzengeblieben bisher, das Mädel! Und plötzlich Faxen als künftige Schlangentänzerin! Mit so gut wie nichts an!
Hans-Ulrich Lüdemann
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