
Frau Dr. Boonenkamp steht wie ein kleines schüchternes Mädchen zwischen den beiden Betten. Der Gang ist schmal, trotzdem wirkt die zierliche Gestalt der Stationsärztin wie verloren.
„Ich musste mir erst einen Ruck geben, Herr Jonas, ehe ich wagte, zu Ihnen zu kommen. Um Ihnen zu sagen, dass es nun wieder nichts wird mit Ihrer Operation. Sie haben ja selbst erlebt, in der Nacht, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Hoffen wir auf die nächste Woche, Herr Jonas ..."
„Da haben die Orthopäden ihre eigenen Patienten, die auf eine Operation warten!" Kapitän Jonas hat die Hände unter dem Kopf zu liegen. Eine Falte des Unmuts steht zwischen seinen Augenbrauen.
„Aber Ihr Termin ist eingetaktet!", versucht Dr. Boonenkamp den Vorwurf abzuwehren, dass es auch nächste Woche nichts werden wird mit einer Fersenbeinresektion.
„Das ist er seit April dieses Jahres, Frau Doktor!", gibt Horst Jonas ungerührt zurück.
Die Stationsärztin beugt sich vor und legt besänftigend eine Hand auf die Brust des Patienten: „Erholen Sie sich, Herr Jonas! Je ausgeruhter Sie sind, desto erfolgreicher werden Sie die Operation überstehen. Ihnen läuft doch nichts davon ..."
„Bin ja Rentner!", hält Kapitän Jonas Zorn sprühend dagegen. „Das Gerede macht mich noch fertig! Als ob das WUNDHAUS ein Sanatorium ist! Zu Hause wartet der Garten. Die Laube müsste gepönt werden bei diesem trockenen Wetter. Und wenn das nicht wäre - ich könnte mir vorstellen, dass ich liebend gern auf der kleinen Veranda sitzen würde. Mit meiner Frau! Nur so! Dabei könnte mir, meinetwegen, die Zeit weglaufen, Frau Doktor! Aber doch nicht hier!"
WUNDHAUS statt WALDHAUS? Unangenehm berührt von Jonas Ausbruch, schaut die Ärztin zum zweiten Patienten hinüber. Aber Vierck tut, als interessiere ihn nicht, was besprochen wird. Ausdruckslos starrt der Mann zur Decke. Als ob er die Wasserflecken dort vorher noch nie bemerkt hätte.
„Vielleicht versöhnt Sie das." Dr. Boonenkamp wendet sich wieder zu Jonas. „Wenn Sie jetzt mit Ihrer Frau telefonieren. Sie könnte Sie doch abholen? Urlaub bis Montagmittag. Wäre das nicht ein Angebot, Herr Kapitän?" Die Frau lächelt, weil sie die Anrede besonders betont.
„Wenn ich meine Frau erreiche!", murrt Horst Jonas. Mehr aus Prinzip. Versöhnend ist der Vorschlag schon. Übers Wochenende das bedrückende WUNDHAUS mit Haus und Garten zu tauschen. „Aber eigentlich ..." Er dreht den Kopf und mustert seinen Bettnachbarn, der scheinbar noch immer das größte Interesse an den Deckenflecken hat.
„Nicht einverstanden?", fragt Dr. Boonenkamp Stirn runzelnd. Sie schaut demonstrativ auf ihre Armbanduhr.
„Seinetwegen kann ich nicht!", flüstert Horst Jonas.
„Wegen Herrn Vierck?" Frau Dr. Boonenkamp stutzt.
„Muss aufpassen, dass er richtig gedreht wird und so. Der lässt sonst alles mit sich machen ..."
Die Frau im weißen Kittel schüttelt den Kopf. So etwas hat sie noch nicht erlebt - dass ein Patient aus Fürsorge für einen Bettnachbarn keinen Urlaub antreten will!
„Gucken Sie sich nur mal seinen Fuß an!", fordert Jonas. „Gestern früh zum letzten Mal gekühlt und verbunden!"
„Steht doch alles auf dem Verbandsplan, Kapitän! Da machen Sie sich mal keine Sorgen!"
„Papier ist geduldig!" Horst Jonas winkt ab.
„War der Verbandswagen etwa noch nicht hier? Heute Vormittag?" Wieder schaut die Ärztin zur Uhr.
„Bis jetzt nicht, Frau Doktor!"
„Ich werde das veranlassen! Und Sie telefonieren mit Ihrer Frau! Sie können das in meinem Dienstzimmer tun. Und was Herrn Vierck angeht", die zierliche Frau wendet den Kopf zum zweiten Bett, „Doktor Vonderhaiden ist spätestens am Abend zurück. Er hat das Wochenende über Dienst und wird sich um unseren Patienten kümmern, Herr Jonas."
Der weiße Stuhl. Zweiter Versuch einer Rehabilitation
Der Roman ist autobiografisch geprägt. Das Manuskript mit dem Arbeitstitel Der Schizo war 1988 dank des Engagements meiner Lektorinnen Gisela Gnausch und Sabine Pape abgeschlossen. Cheflektor Walter Lewerenz machte den Druck von etlichen Veränderungen abhängig, die wie so oft weniger in der literarischen Qualität begründet, sondern Ausdruck einer ideologischen Einflussnahme waren. Ich ließ ausrichten, dass ich mein Leben eher in einer Schublade verschwinden lassen würde, statt jenes aus politischem Wohlverhalten zu verbiegen. 1990 konnte das Buch endlich im Verlag Neues Leben Berlin erscheinen und ist längst vergriffen.Ende Juni 1983 erwacht der Schriftsteller JOCHEN VIERCK in einem renommierten Ostberliner Krankenhaus für Querschnittgelähmte, im Volksmund bekannt als WALDHAUS. Vierck weigert sich strikt, seine Identität anzuerkennen. Stattdessen flüchtet er in das etwas jüngere Ego JÖRG VOSSLOW, Hauptfigur eines gerade abgeschlossenen Romans. Ein SFB-Kameramann, der während der Weltfestspiele 73 aus privaten Gründen beschließt, im Ostteil Berlins zu bleiben. Turbulente …
Beschreibung
Der Roman ist autobiografisch geprägt.
Das Manuskript mit dem Arbeitstitel Der Schizo war 1988 dank des Engagements meiner Lektorinnen Gisela Gnausch und Sabine Pape abgeschlossen. Cheflektor Walter Lewerenz machte den Druck von etlichen Veränderungen abhängig, die wie so oft weniger in der literarischen Qualität begründet, sondern Ausdruck einer ideologischen Einflussnahme waren. Ich ließ ausrichten, dass ich mein Leben eher in einer Schublade verschwinden lassen würde, statt jenes aus politischem Wohlverhalten zu verbiegen. 1990 konnte das Buch endlich im Verlag Neues Leben Berlin erscheinen und ist längst vergriffen.
Ende Juni 1983 erwacht der Schriftsteller JOCHEN VIERCK in einem renommierten Ostberliner Krankenhaus für Querschnittgelähmte, im Volksmund bekannt als WALDHAUS. Vierck weigert sich strikt, seine Identität anzuerkennen. Stattdessen flüchtet er in das etwas jüngere Ego JÖRG VOSSLOW, Hauptfigur eines gerade abgeschlossenen Romans. Ein SFB-Kameramann, der während der Weltfestspiele 73 aus privaten Gründen beschließt, im Ostteil Berlins zu bleiben.
Turbulente Episoden zwischen 1973 und 1983 reflektiert nun sein geistiger Schöpfer Jochen Vierck, der nicht wahrhaben will, dass er querschnittgelähmt ist. Während die ebenfalls behinderten Zimmergenossen und einige Pflegekräfte Viercks Wegtauchen in ein anderes ICH (sie nennen ihn SCHIZO bzw. nach seinen Initialen JOTVAU) nicht akzeptieren, bemüht sich Dr. JUERGEN VONDERHAIDEN einfallsreich den schizophrenen Schub dieses Patienten zu kompensieren.
Die Frau des Schriftstellers, DAGMAR MEHRING-VIERCK ist keine Hilfe; sie weilt anlässlich eines Verwandtenbesuchs in der BRD. Ein Telegramm aus Koblenz verrät, dass sie dort bleiben wolle. Brief folgt ...
War diese für den Pflegefall und Tetraplegiker Vierck nicht zu verkraftende Nachricht der auslösende Faktor seines Identitätsverlustes? Ist sein Terrassensturz ein Suizidversuch gewesen, eine Erklärung, die Viercks befreundeter MfS-Hauptmann Deihert nicht akzeptiert. Was hat es mit dem ominösen WEISSEN STUHL auf sich, der Vierck/Vosslow durch Wach- und Albträume begleitet?
Vonderhaiden leiht sich in einer Bibliothek einige Bücher des seit 1977 gelähmten Schriftstellers und präsentiert sie Vierck - keine Reaktion: Vosslow habe keine Bücher geschrieben, er sei u. a. Kameramann beim DDR-Fernsehen in Adlershof gewesen und wurde wegen Renitenz am Arbeitsplatz zur Bewährung auf die Stralsunder VOLKSWERFT delegiert. Dieser Terminus regelte in der DDR oftmals den Umgang mit missliebigen Personen. Vosslow allerdings beschert diese Disziplinierung eine heftige Liebe zur viel jüngeren Kollegin Gudrun Bell, was ihm im Rahmen seiner Brigade wiederum Probleme bereitet ...
Der Arzt konfrontiert Vierck auch mit dessen Hund; während das Tier vor Freude außer sich gerät, reagiert sein Besitzer abweisend - Vosslow mag keine Hunde. Auch enge Freunde und Kollegen aus den verschiedenen Medien lassen Vierck gleichgültig. Die Berichte jener Zeitgenossen entwerfen ein Bild des Schriftstellers und vermitteln anhand von originellen Begebenheiten mit Vierck einen Einblick in den oftmals kuriosen DDR-Kulturbetrieb. Diese wie auch andere Storys aus dem Leben des Schreibers Vierck/Lüdemann sind belegt ...
Die Verballhornung des Namens Waldhaus in Wundhaus und 1. Leitklinik für Rehabilitation der DDR in 1. Leidklinik - entgegen anderslautender Verklärung muss sich das DDR-Gesundheitswesen in diesem konkreten Fall etliche Vorhaltungen gefallen lassen ...
Mittels eines kriminalistisch angelegten Plots im WEISSEN STUHL, der Humor nicht ausspart, mögen sowohl Ost- wie auch Westdeutsche oder das am gewöhnlichen DDR-Alltag interessierte Ausland sich der mittlerweile verdrängten 80er Jahre erinnern.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1990 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 21.03.2013 |
| Seiten | 610 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-876-4 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-877-1 |
| ASIN (Kindle) | B00WYDPWR2 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
QuerschnittlähmungSchizophrenieIdentitätsverlustAutobiographieSchriftstellerDDRGesundheitswesenRehabilitationWaldhausWundhausAdlershofVolkswerftTetraplegieWeltfestspiele 1973MfS19831973Weißer StuhlJörg VosslowJochen VierckLeseprobe
Frau Dr. Boonenkamp steht wie ein kleines schüchternes Mädchen zwischen den beiden Betten. Der Gang ist schmal, trotzdem wirkt die zierliche Gestalt der Stationsärztin wie verloren.
„Ich musste mir erst einen Ruck geben, Herr Jonas, ehe ich wagte, zu Ihnen zu kommen. Um Ihnen zu sagen, dass es nun wieder nichts wird mit Ihrer Operation. Sie haben ja selbst erlebt, in der Nacht, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Hoffen wir auf die nächste Woche, Herr Jonas ..."
„Da haben die Orthopäden ihre eigenen Patienten, die auf eine Operation warten!" Kapitän Jonas hat die Hände unter dem Kopf zu liegen. Eine Falte des Unmuts steht zwischen seinen Augenbrauen.
„Aber Ihr Termin ist eingetaktet!", versucht Dr. Boonenkamp den Vorwurf abzuwehren, dass es auch nächste Woche nichts werden wird mit einer Fersenbeinresektion.
„Das ist er seit April dieses Jahres, Frau Doktor!", gibt Horst Jonas ungerührt zurück.
Die Stationsärztin beugt sich vor und legt besänftigend eine Hand auf die Brust des Patienten: „Erholen Sie sich, Herr Jonas! Je ausgeruhter Sie sind, desto erfolgreicher werden Sie die Operation überstehen. Ihnen läuft doch nichts davon ..."
„Bin ja Rentner!", hält Kapitän Jonas Zorn sprühend dagegen. „Das Gerede macht mich noch fertig! Als ob das WUNDHAUS ein Sanatorium ist! Zu Hause wartet der Garten. Die Laube müsste gepönt werden bei diesem trockenen Wetter. Und wenn das nicht wäre - ich könnte mir vorstellen, dass ich liebend gern auf der kleinen Veranda sitzen würde. Mit meiner Frau! Nur so! Dabei könnte mir, meinetwegen, die Zeit weglaufen, Frau Doktor! Aber doch nicht hier!"
WUNDHAUS statt WALDHAUS? Unangenehm berührt von Jonas Ausbruch, schaut die Ärztin zum zweiten Patienten hinüber. Aber Vierck tut, als interessiere ihn nicht, was besprochen wird. Ausdruckslos starrt der Mann zur Decke. Als ob er die Wasserflecken dort vorher noch nie bemerkt hätte.
„Vielleicht versöhnt Sie das." Dr. Boonenkamp wendet sich wieder zu Jonas. „Wenn Sie jetzt mit Ihrer Frau telefonieren. Sie könnte Sie doch abholen? Urlaub bis Montagmittag. Wäre das nicht ein Angebot, Herr Kapitän?" Die Frau lächelt, weil sie die Anrede besonders betont.
„Wenn ich meine Frau erreiche!", murrt Horst Jonas. Mehr aus Prinzip. Versöhnend ist der Vorschlag schon. Übers Wochenende das bedrückende WUNDHAUS mit Haus und Garten zu tauschen. „Aber eigentlich ..." Er dreht den Kopf und mustert seinen Bettnachbarn, der scheinbar noch immer das größte Interesse an den Deckenflecken hat.
„Nicht einverstanden?", fragt Dr. Boonenkamp Stirn runzelnd. Sie schaut demonstrativ auf ihre Armbanduhr.
„Seinetwegen kann ich nicht!", flüstert Horst Jonas.
„Wegen Herrn Vierck?" Frau Dr. Boonenkamp stutzt.
„Muss aufpassen, dass er richtig gedreht wird und so. Der lässt sonst alles mit sich machen ..."
Die Frau im weißen Kittel schüttelt den Kopf. So etwas hat sie noch nicht erlebt - dass ein Patient aus Fürsorge für einen Bettnachbarn keinen Urlaub antreten will!
„Gucken Sie sich nur mal seinen Fuß an!", fordert Jonas. „Gestern früh zum letzten Mal gekühlt und verbunden!"
„Steht doch alles auf dem Verbandsplan, Kapitän! Da machen Sie sich mal keine Sorgen!"
„Papier ist geduldig!" Horst Jonas winkt ab.
„War der Verbandswagen etwa noch nicht hier? Heute Vormittag?" Wieder schaut die Ärztin zur Uhr.
„Bis jetzt nicht, Frau Doktor!"
„Ich werde das veranlassen! Und Sie telefonieren mit Ihrer Frau! Sie können das in meinem Dienstzimmer tun. Und was Herrn Vierck angeht", die zierliche Frau wendet den Kopf zum zweiten Bett, „Doktor Vonderhaiden ist spätestens am Abend zurück. Er hat das Wochenende über Dienst und wird sich um unseren Patienten kümmern, Herr Jonas."
Hans-Ulrich Lüdemann
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