
ZWEITER TEIL
„O Vater, Vater, schwer wie Steine
Sind deine Flüche. Schilt mich nicht!
Sieh meine Tränen! Sieh, ich weine!
Von Tränen brennt mir mein Gesicht.
Den neuen Werbern sag: Ich werde
Nun keines andern Gattin mehr.
Mein Gatte schläft in kalter Erde;
Und aller Liebe bin ich leer.
Und hör: am Tag, als aus der Fehde
Sein Ross den Toten zu mir trug,
Erschien ein Geist in meiner Öde,
Der mich mit süßer Himmelsrede
In unsichtbare Ketten schlug.
Vom Abend bis zur Morgenröte
Raubt mir den Schlaf ein wüster Traum.
Fern ist die Seele, wenn ich bete;
Den Klang der Worte hör ich kaum.
In meinem Blut sind Flammenschlangen.
Ich welke wie das Abendlicht.
Und meine Seele ist voll Bangen.
0, Vater, Vater, fluche nicht!
Schließ deine Tochter, die entweihte,
Ins himmelstille Kloster ein!
Dort wird der Retter mein Geleite
Und Tröster meines Elends sein.
Ich werde nicht mehr froh auf Erden,
Seit dieser Nacht, da sichs begab.
So lass im frommen Schatten werden
Die Zelle mir zum frühen Grab!“
Noch einmal sie die Eltern küsste,
Die sie ins Kloster eingebracht.
Es hüllte nun die jungen Brüste
Die faltenvolle, graue Tracht.
Doch auch im dunklen Nonnenkleide,
Wie einst im bunten Tanzgewand:
Der nächtgen Träume Sturm und Brand
Verzehrten sie mit süßem Leide.
Selbst am Altar, am heiligen Ort,
Wenn Chöre schwollen im Gewölbe,
Sie hörte immer nur dasselbe:
Des Fremdlings zaubervolles Wort.
Michael Lermontow: Der Dämon und andere Nachdichtungen
Diese literarische Sammlung vereint die poetische Wucht des russischen Dichters Michael Lermontow mit der sprachlichen Meisterschaft Erich Weinerts. In seiner Nachdichtung von Der Dämon erschafft Weinert ein dramatisch-romantisches Epos über Liebe, Verzweiflung und metaphysische Rebellion – ein Werk zwischen Himmel und Hölle, Licht und Finsternis. Ergänzt wird es durch weitere lyrische Reflexionen über Vaterland, Dichtung, Tod und Aufbegehren. Die Texte sind nicht nur eindrucksvolle Zeitzeugnisse, sondern spiegeln auch bis heute gültige Fragen nach Identität, Gerechtigkeit und menschlicher Würde. Für Liebhaber klassischer Lyrik, politischer Dichtung und sprachlicher Präzision ein literarischer Schatz.
Beschreibung
Diese literarische Sammlung vereint die poetische Wucht des russischen Dichters Michael Lermontow mit der sprachlichen Meisterschaft Erich Weinerts. In seiner Nachdichtung von Der Dämon erschafft Weinert ein dramatisch-romantisches Epos über Liebe, Verzweiflung und metaphysische Rebellion – ein Werk zwischen Himmel und Hölle, Licht und Finsternis. Ergänzt wird es durch weitere lyrische Reflexionen über Vaterland, Dichtung, Tod und Aufbegehren. Die Texte sind nicht nur eindrucksvolle Zeitzeugnisse, sondern spiegeln auch bis heute gültige Fragen nach Identität, Gerechtigkeit und menschlicher Würde. Für Liebhaber klassischer Lyrik, politischer Dichtung und sprachlicher Präzision ein literarischer Schatz.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1959 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 04.08.2025 |
| Seiten | 100 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-552-3 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-553-0 |
| ASIN (Kindle) | B0FKZBSD8L |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
LermontowDämonNachdichtungErich Weinertrussische Lyrikromantisches EposKaukasusEngel und DämonenLiebe und Todmetaphysisches Dramatragische LiebeVerzweiflungAufbegehrenRebellionPoesieklassische Dichtungrussische LiteraturExilMelancholieSehnsuchtSpiritualitätpolitische LyrikSatirePathosLeseprobe
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„O Vater, Vater, schwer wie Steine
Sind deine Flüche. Schilt mich nicht!
Sieh meine Tränen! Sieh, ich weine!
Von Tränen brennt mir mein Gesicht.
Den neuen Werbern sag: Ich werde
Nun keines andern Gattin mehr.
Mein Gatte schläft in kalter Erde;
Und aller Liebe bin ich leer.
Und hör: am Tag, als aus der Fehde
Sein Ross den Toten zu mir trug,
Erschien ein Geist in meiner Öde,
Der mich mit süßer Himmelsrede
In unsichtbare Ketten schlug.
Vom Abend bis zur Morgenröte
Raubt mir den Schlaf ein wüster Traum.
Fern ist die Seele, wenn ich bete;
Den Klang der Worte hör ich kaum.
In meinem Blut sind Flammenschlangen.
Ich welke wie das Abendlicht.
Und meine Seele ist voll Bangen.
0, Vater, Vater, fluche nicht!
Schließ deine Tochter, die entweihte,
Ins himmelstille Kloster ein!
Dort wird der Retter mein Geleite
Und Tröster meines Elends sein.
Ich werde nicht mehr froh auf Erden,
Seit dieser Nacht, da sichs begab.
So lass im frommen Schatten werden
Die Zelle mir zum frühen Grab!“
Noch einmal sie die Eltern küsste,
Die sie ins Kloster eingebracht.
Es hüllte nun die jungen Brüste
Die faltenvolle, graue Tracht.
Doch auch im dunklen Nonnenkleide,
Wie einst im bunten Tanzgewand:
Der nächtgen Träume Sturm und Brand
Verzehrten sie mit süßem Leide.
Selbst am Altar, am heiligen Ort,
Wenn Chöre schwollen im Gewölbe,
Sie hörte immer nur dasselbe:
Des Fremdlings zaubervolles Wort.
Inhaltsverzeichnis
DER DÄMON
VORBEMERKUNG
WIDMUNG
ERSTER TEIL
ZWEITER TEIL
GEDICHTE
DAS VATERLAND
DER DICHTER
DER TOD DES DICHTERS (PUSCHKIN)
DER KAMPF
DER STREIT
DIE BEIDEN RIESEN
30. JULI 1830
Nachwort: Zwischen Zeit und Ewigkeit
Erich Weinert
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