
ORIENTALISCHES MÄRCHEN DES DEUTSCHEN OBERKOMMANDOS
Nach Samuel Marschak
Der blöde Hakenkreuzkalif
Saß rauchend in Gedanken tief
Und ließ zum Vortrag laden
Seinen Scheherazaden.
Der Scheh’razade kommt und spricht:
„Hör, Herr, den neusten Frontbericht!
Ein MG hat zu Schutt gemacht
Drei Reihen Festungslinien
Und dreißigtausendhundertacht-
undzwanzig Flugmaschinen!
Im Fluge nahm eine Messerschmitt
Die Stadt Baku, und nahm auch mit
Ein Stück vom Schwarzen Meere
Mit allem Zubehöre.
Ein Mann, der im Zivilstand Clown,
Hat hunderttausend Tanks zerhaun.
Wir nahmen schon beim ersten Stoß
Zwölf mächtige Ruinen
Und auch ein Preiselbeerkolchos
Mit Sä- und Dreschmaschinen …
Da unterbrach ihn der Kalif:
„Das ist, was ich schon wusste,
Doch sag mir nun mal positiv:
Was haben wir Verluste?“
„Kalif, ich hab dir nichts verhehlt!
Was du verlorst, an Toten,
Das hab ich einfach zugezählt
Zu dem Verlust der Roten!“
REINHEIT DES ARISCHEN BLUTES
Nach Samuel Marschak
Arischen Geblütes Reine
Hat die deutsche Kuh alleine;
Edel ragt das Preußenvieh
Aus der ganzen Zoologie.
Hitler schließt in sein Gebete
Einstein nicht und auch nicht Goethe,
Doch den Ochsen und die Kuh!
/Ha–ha–ha–ho–ho–hu–hu!/
Denn die Kuh im deutschen Lande
Ist von leuchtendem Verstande,
Wo von Einstein, Goethe man
Nie ein Kalb erwarten kann.
Also lasst uns danach streben.
Dass von heut wir nur noch leben
Edelblütig wie die Kuh! …
/Ha–ha–ha–ho–ho–hu–hu!/
Dass wir leben wie die Kühe,
Dass wir lieben wie die Kühe.
Bis wir dann nach vieler Mühe
Arischblütige Viecher sind.
Dass der Vater auf sein Kind wie
Auf ein Prachtstück schauen mag:
Dieses ist ein echtes Rindvieh!
Ganz nach seiner Eltern Schlag!
WAS SAGEN DIE STERNE?
Nach Adujew und Kirssanow
Wie ist das Glück mir gewogen?
Fragt Hitler den Astrologen.
Und in das Fernrohr den Blick,
Meldet er Adolfs Geschick:
O Führer! Ich seh ein Geflitter
Vom Steinbock nüber zum Widder!
Doch meldet das Sternbild des Hunds:
Es kommen Erfolge für uns!
Auch Wassermann wird nicht betrügen;
Wir werden in Russland siegen;
Auch steht es im Sternbild des Leun:
Der Sieg ist morgen schon dein!
Und die Sterne, sie wandeln weit,
Wie sie wandeln von Ewigkeit!“
Bei uns ist kein Astrolog,
Der uns mit Sternen betrog.
Doch fehlen auch hier die Sterne nicht;
Und die sind von ganz besondrem Licht.
Auf unsrer Falken Flügeln rot
Dem Feinde der Stern des Verderbens droht.
Im Sternbild des Sajzew ist klar zu sehn:
Faschisten müssen zugrunde gehn.
Vom Stern Charitonow ist auch bekannt:
Keine mordende Junkers kommt ins Land.
Und leuchtet Shukow in der Höhe,
Dann ist auch der Tod in der Nähe!
Und die Sterne, sie wandeln weit,
Wie sie wandeln von Ewigkeit!
Europa im Versmaß – Nachdichtungen 1930–1950
Erich Weinert, einer der bekanntesten politischen Dichter des 20. Jahrhunderts, schuf mit seinen Nachdichtungen einen einzigartigen Brückenschlag zwischen deutscher und internationaler Literatur. Seine Übertragungen russischer, sowjetischer und osteuropäischer Gedichte und Lieder spiegeln nicht nur den künstlerischen Reichtum jener Zeit, sondern auch die dramatischen Kämpfe um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. In kraftvollen, bildstarken Versen bringt Weinert die Stimmen anderer Völker in die deutsche Sprache – von kämpfenden Partisanen über große Dichter wie Majakowski bis zu anonymen Soldatenliedern.Diese Ausgabe lädt dazu ein, ein Stück europäischer Literatur- und Zeitgeschichte neu zu entdecken – ein Dokument politischer Poesie, das ebenso bewegt wie zum Nachdenken anregt.
Beschreibung
Erich Weinert, einer der bekanntesten politischen Dichter des 20. Jahrhunderts, schuf mit seinen Nachdichtungen einen einzigartigen Brückenschlag zwischen deutscher und internationaler Literatur. Seine Übertragungen russischer, sowjetischer und osteuropäischer Gedichte und Lieder spiegeln nicht nur den künstlerischen Reichtum jener Zeit, sondern auch die dramatischen Kämpfe um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. In kraftvollen, bildstarken Versen bringt Weinert die Stimmen anderer Völker in die deutsche Sprache – von kämpfenden Partisanen über große Dichter wie Majakowski bis zu anonymen Soldatenliedern.
Diese Ausgabe lädt dazu ein, ein Stück europäischer Literatur- und Zeitgeschichte neu zu entdecken – ein Dokument politischer Poesie, das ebenso bewegt wie zum Nachdenken anregt.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 10959 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 22.08.2025 |
| Seiten | 175 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-550-9 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-551-6 |
| ASIN (Kindle) | B0FN8WGJHW |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
Erich WeinertNachdichtungenpolitische LyrikKriegslyrikWiderstandExilliteraturAntifaschismusPartisanengedichteRussische DichtungSowjetunionMajakowskiSimonowTwardowskiBlockNekrassowSurkowGolodnyLachische DichtungUkraineBelarusRevolutionSozialistischer Realismus2. WeltkriegDDR LiteraturLeseprobe
ORIENTALISCHES MÄRCHEN DES DEUTSCHEN OBERKOMMANDOS
Nach Samuel Marschak
Der blöde Hakenkreuzkalif
Saß rauchend in Gedanken tief
Und ließ zum Vortrag laden
Seinen Scheherazaden.
Der Scheh’razade kommt und spricht:
„Hör, Herr, den neusten Frontbericht!
Ein MG hat zu Schutt gemacht
Drei Reihen Festungslinien
Und dreißigtausendhundertacht-
undzwanzig Flugmaschinen!
Im Fluge nahm eine Messerschmitt
Die Stadt Baku, und nahm auch mit
Ein Stück vom Schwarzen Meere
Mit allem Zubehöre.
Ein Mann, der im Zivilstand Clown,
Hat hunderttausend Tanks zerhaun.
Wir nahmen schon beim ersten Stoß
Zwölf mächtige Ruinen
Und auch ein Preiselbeerkolchos
Mit Sä- und Dreschmaschinen …
Da unterbrach ihn der Kalif:
„Das ist, was ich schon wusste,
Doch sag mir nun mal positiv:
Was haben wir Verluste?“
„Kalif, ich hab dir nichts verhehlt!
Was du verlorst, an Toten,
Das hab ich einfach zugezählt
Zu dem Verlust der Roten!“
REINHEIT DES ARISCHEN BLUTES
Nach Samuel Marschak
Arischen Geblütes Reine
Hat die deutsche Kuh alleine;
Edel ragt das Preußenvieh
Aus der ganzen Zoologie.
Hitler schließt in sein Gebete
Einstein nicht und auch nicht Goethe,
Doch den Ochsen und die Kuh!
/Ha–ha–ha–ho–ho–hu–hu!/
Denn die Kuh im deutschen Lande
Ist von leuchtendem Verstande,
Wo von Einstein, Goethe man
Nie ein Kalb erwarten kann.
Also lasst uns danach streben.
Dass von heut wir nur noch leben
Edelblütig wie die Kuh! …
/Ha–ha–ha–ho–ho–hu–hu!/
Dass wir leben wie die Kühe,
Dass wir lieben wie die Kühe.
Bis wir dann nach vieler Mühe
Arischblütige Viecher sind.
Dass der Vater auf sein Kind wie
Auf ein Prachtstück schauen mag:
Dieses ist ein echtes Rindvieh!
Ganz nach seiner Eltern Schlag!
WAS SAGEN DIE STERNE?
Nach Adujew und Kirssanow
Wie ist das Glück mir gewogen?
Fragt Hitler den Astrologen.
Und in das Fernrohr den Blick,
Meldet er Adolfs Geschick:
O Führer! Ich seh ein Geflitter
Vom Steinbock nüber zum Widder!
Doch meldet das Sternbild des Hunds:
Es kommen Erfolge für uns!
Auch Wassermann wird nicht betrügen;
Wir werden in Russland siegen;
Auch steht es im Sternbild des Leun:
Der Sieg ist morgen schon dein!
Und die Sterne, sie wandeln weit,
Wie sie wandeln von Ewigkeit!“
Bei uns ist kein Astrolog,
Der uns mit Sternen betrog.
Doch fehlen auch hier die Sterne nicht;
Und die sind von ganz besondrem Licht.
Auf unsrer Falken Flügeln rot
Dem Feinde der Stern des Verderbens droht.
Im Sternbild des Sajzew ist klar zu sehn:
Faschisten müssen zugrunde gehn.
Vom Stern Charitonow ist auch bekannt:
Keine mordende Junkers kommt ins Land.
Und leuchtet Shukow in der Höhe,
Dann ist auch der Tod in der Nähe!
Und die Sterne, sie wandeln weit,
Wie sie wandeln von Ewigkeit!
Erich Weinert
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