
Der für Schallwagen zuständige Major, den ich nach den bisherigen Ergebnissen dieses Propagandamittels befrage, antwortet sehr zuversichtlich, dass das Instrument in weitem Umkreise gehört werde, dass drüben keiner mehr schieße, wenn die starke Stimme spricht, und dass die gesprochenen Sendungen unter den deutschen Soldaten lebhaft diskutiert würden, wie Kriegsgefangene erzählt hätten.
Oberst T., mit dem ich später über den Wirkungsbereich dieser Maschine sprach, meinte lächelnd, der Major sei in sein Metier so verliebt, dass er glaube, die Soldaten kämen in Scharen, wenn seine Sprechwagen ihre Stimme erheben. Der Sektor, der durch diese Stimme erreicht wird, sei doch ziemlich klein. Wichtig sei, dass die Soldaten drüben etwas Sensationelles zu hören kriegen, dann holen sie auch die aus den Bunkern, und dann wird zugehört.
Wie wir erfahren, sprechen die Lautsprecherwagen bei günstigem Wind und Wetter fast jede Nacht an den verschiedenen Frontabschnitten. Ich befürchte nur, dass die Soldaten der schallenden Propagandastimme schon überdrüssig sind und gar nicht mehr hinhören. Und dass sie, wenn sie uns schon anhören, nicht glauben werden, dass wir es in persona sind.
Die beste mündliche Propaganda, sagte ich zu Walter, wäre es schon, wenn wir einfach nach drüben in die Gräben gingen und die Geister persönlich aufmöbelten. Ja, lachte Walter, da würden wir wohl auch schon eine Stunde später denen ihrem OB. persönlich vorgestellt werden. Und am nächsten Tage dem Herrn Größenwahn in Berlin.
Das wäre die mündliche Propaganda.
2. Die Propaganda durch Flugblätter, Handzettel, Broschüren usw. Ein Hauptmann referiert, mit welchen Methoden Flugblätter an den Mann gebracht werden:
a) Abwurf durch Flugzeuge, vor allem durch die niedrig und langsam fliegende Maschine U 2. Abwurfziele über Grabensystemen, rückwärtigen Ansammlungen und Ortschaften. Vorteile: Die Abwürfe erregen die Aufmerksamkeit; Nachteile: In die Hauptkampflinie und die vorgeschobenen Stellungen geraten zu wenig Flugblätter;
b) durch Aufklärungstrupps der Roten Armee, die Flugblattpäckchen (vornehmlich nachts) hinter oder so nah bei den feindlichen Stellungen wie möglich niederlegen oder verstreuen;
c) durch sogenannte Agitminen; das sind leichte Büchsen, die in die Luft geschossen werden, wo sie, durch eine kleine Sprengvorrichtung befähigt, bersten und den Flugblätterinhalt über die Gegend streuen;
d) durch Hinüberschießen von Pfeilen, um deren Kopf eine Anzahl Flugblätter gewickelt ist;
e) durch Ausnutzung günstigen Windes, der die Blätter hinübertreibt;
d) und e) sind natürlich nur anwendbar, wenn sich die Stellungen in sehr geringen Abständen voneinander befinden.
Memento Stalingrad. Stalingrader Frontnotizbuch
Ein Kriegstagebuch, das erschüttert – und warnt.Erich Weinert, Dichter, Frontpropagandist und Präsident des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, berichtet in seinen unmittelbaren Aufzeichnungen von der Ostfront vor Stalingrad. Inmitten von Schnee, Hunger, Hoffnungslosigkeit und Todesangst ringt er um Worte, um seine Landsleute zur Kapitulation zu bewegen – bevor sie sinnlos sterben. Dieses einzigartige Zeitzeugnis dokumentiert nicht nur die erbarmungslose Realität an der Front, sondern auch die geistige Zerrissenheit und moralische Ohnmacht deutscher Soldaten im Kessel von Stalingrad.Das Frontnotizbuch ist mehr als ein historisches Dokument. Es ist eine flammende Anklage gegen Krieg, Verblendung und blinden Gehorsam – und eine eindringliche Mahnung an alle Generationen: Lasst euch nicht verführen. Denkt, bevor ihr handelt.
Beschreibung
Ein Kriegstagebuch, das erschüttert – und warnt.
Erich Weinert, Dichter, Frontpropagandist und Präsident des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, berichtet in seinen unmittelbaren Aufzeichnungen von der Ostfront vor Stalingrad. Inmitten von Schnee, Hunger, Hoffnungslosigkeit und Todesangst ringt er um Worte, um seine Landsleute zur Kapitulation zu bewegen – bevor sie sinnlos sterben. Dieses einzigartige Zeitzeugnis dokumentiert nicht nur die erbarmungslose Realität an der Front, sondern auch die geistige Zerrissenheit und moralische Ohnmacht deutscher Soldaten im Kessel von Stalingrad.
Das Frontnotizbuch ist mehr als ein historisches Dokument. Es ist eine flammende Anklage gegen Krieg, Verblendung und blinden Gehorsam – und eine eindringliche Mahnung an alle Generationen: Lasst euch nicht verführen. Denkt, bevor ihr handelt.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 18629 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 01.06.2025 |
| Seiten | 326 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-505-9 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-506-6 |
| ASIN (Kindle) | B0F9VSDBW6 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
AntifaschismusAngstAufklärungDesillusionierungDeserteureDeutsche IdentitätEntmenschlichungErich WeinertFaschismusFlugblätterFrontalltagGeistige WendeGrausamkeitGewissenlosigkeitHassHitlerarmeeHoffnungHoffnungslosigkeitKapitulationKriegsfrontKriegsgefangeneKriegsmaschinerieKriegstagebuchLautsprecherwagenLeseprobe
Der für Schallwagen zuständige Major, den ich nach den bisherigen Ergebnissen dieses Propagandamittels befrage, antwortet sehr zuversichtlich, dass das Instrument in weitem Umkreise gehört werde, dass drüben keiner mehr schieße, wenn die starke Stimme spricht, und dass die gesprochenen Sendungen unter den deutschen Soldaten lebhaft diskutiert würden, wie Kriegsgefangene erzählt hätten.
Oberst T., mit dem ich später über den Wirkungsbereich dieser Maschine sprach, meinte lächelnd, der Major sei in sein Metier so verliebt, dass er glaube, die Soldaten kämen in Scharen, wenn seine Sprechwagen ihre Stimme erheben. Der Sektor, der durch diese Stimme erreicht wird, sei doch ziemlich klein. Wichtig sei, dass die Soldaten drüben etwas Sensationelles zu hören kriegen, dann holen sie auch die aus den Bunkern, und dann wird zugehört.
Wie wir erfahren, sprechen die Lautsprecherwagen bei günstigem Wind und Wetter fast jede Nacht an den verschiedenen Frontabschnitten. Ich befürchte nur, dass die Soldaten der schallenden Propagandastimme schon überdrüssig sind und gar nicht mehr hinhören. Und dass sie, wenn sie uns schon anhören, nicht glauben werden, dass wir es in persona sind.
Die beste mündliche Propaganda, sagte ich zu Walter, wäre es schon, wenn wir einfach nach drüben in die Gräben gingen und die Geister persönlich aufmöbelten. Ja, lachte Walter, da würden wir wohl auch schon eine Stunde später denen ihrem OB. persönlich vorgestellt werden. Und am nächsten Tage dem Herrn Größenwahn in Berlin.
Das wäre die mündliche Propaganda.
2. Die Propaganda durch Flugblätter, Handzettel, Broschüren usw. Ein Hauptmann referiert, mit welchen Methoden Flugblätter an den Mann gebracht werden:
a) Abwurf durch Flugzeuge, vor allem durch die niedrig und langsam fliegende Maschine U 2. Abwurfziele über Grabensystemen, rückwärtigen Ansammlungen und Ortschaften. Vorteile: Die Abwürfe erregen die Aufmerksamkeit; Nachteile: In die Hauptkampflinie und die vorgeschobenen Stellungen geraten zu wenig Flugblätter;
b) durch Aufklärungstrupps der Roten Armee, die Flugblattpäckchen (vornehmlich nachts) hinter oder so nah bei den feindlichen Stellungen wie möglich niederlegen oder verstreuen;
c) durch sogenannte Agitminen; das sind leichte Büchsen, die in die Luft geschossen werden, wo sie, durch eine kleine Sprengvorrichtung befähigt, bersten und den Flugblätterinhalt über die Gegend streuen;
d) durch Hinüberschießen von Pfeilen, um deren Kopf eine Anzahl Flugblätter gewickelt ist;
e) durch Ausnutzung günstigen Windes, der die Blätter hinübertreibt;
d) und e) sind natürlich nur anwendbar, wenn sich die Stellungen in sehr geringen Abständen voneinander befinden.
Erich Weinert
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