
1931 trat ich als letzte Frau des Dorfes ins Kollektiv. Ich glaubte den Kollektivisten nichts; ich hatte furchtbare Angst. Ich stand mit ganz jungen Mädels in einem Glied, habe Kartoffeln ausgemacht. Ich war wie ein fremder Hund, der ins Dorf kommt. Aber es hat mich niemand verspottet; nein, alle haben mir die Sache gezeigt. Zuerst verstand ich die Tabellen überhaupt nicht, die Strichelchen, diese Einheiten, nach denen verrechnet wurde. Aber dann ward mir’s klar, ich bekam Zutrauen, und jetzt ging es los. Ihr wisst, ich stand mit den jungen Mädels in einem Glied; aber ich habe ihnen gezeigt, was die ,alte Anna‘ kann. Meist hatte ich mehr als eine Einheit geschafft am Tag. Diesen Winter 1933 auf 1934 haben wir gegen früher direkt gut gelebt, sehr gut. Auch mein kranker Mann war zufrieden. Unser Herz war ganz ruhig.
Im Frühjahr erkrankte ich. Ich konnte erst am 3. Mai wieder anfangen. Ich kam in mein altes Glied auf die Gemüseplantage. Die Jungen begrüßten mich mit Freude, sie hatten ein rotes Fähnchen auf meinen Platz gesteckt. Wir haben feste gegraben, Pflanzen gesteckt, unsren Plan als erste erfüllt. Ich selbst wurde Gliedführerin, kam auf die Rayon-Ehrentafel und erhielt als Prämie ein Milchschaf. Das alles hätte ich vor drei Jahren nicht gedacht.“
„Und wie ist das mit der großen Decke, unter der alle Frauen schlafen müssen?“, frage ich.
Anna Balzer. Die älteste Kollektivistin als jüngste Stoßbrigadierin
"Anna Balzer" ist die Geschichte einer Frau, die die harten Umstände des Lebens in der Wolgaregion des frühen 20. Jahrhunderts überwindet. Geboren in eine arme Bauernfamilie, arbeitet Anna unermüdlich, um sich und ihre Familie durchzukämpfen. Doch erst die Oktoberrevolution bringt für sie eine Chance auf ein neues Leben. In einem packenden Monolog erzählt Anna von Hunger, Krieg und ihrer tiefen Abneigung gegen die Kollektivierung, die sie letztlich jedoch in ein neues Verständnis von Gemeinschaft und Eigenständigkeit führt. Ihre Entschlossenheit, das Lesen und Schreiben zu lernen, macht sie zu einer Symbolfigur für den menschlichen Willen, sich zu bilden und zu wachsen. Diese bewegende Erzählung zeigt, dass es nie zu spät ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Beschreibung
"Anna Balzer" ist die Geschichte einer Frau, die die harten Umstände des Lebens in der Wolgaregion des frühen 20. Jahrhunderts überwindet. Geboren in eine arme Bauernfamilie, arbeitet Anna unermüdlich, um sich und ihre Familie durchzukämpfen. Doch erst die Oktoberrevolution bringt für sie eine Chance auf ein neues Leben. In einem packenden Monolog erzählt Anna von Hunger, Krieg und ihrer tiefen Abneigung gegen die Kollektivierung, die sie letztlich jedoch in ein neues Verständnis von Gemeinschaft und Eigenständigkeit führt. Ihre Entschlossenheit, das Lesen und Schreiben zu lernen, macht sie zu einer Symbolfigur für den menschlichen Willen, sich zu bilden und zu wachsen. Diese bewegende Erzählung zeigt, dass es nie zu spät ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 12420 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 24.09.2024 |
| Seiten | 14 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-247-8 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-248-5 |
| ASIN (Kindle) | B0DHLLDGN4 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
BauerntumBildungDürreEigenständigkeitEmanzipationFamilienlebenFrauenschicksalGemeinschaft20. JahrhundertKollektivierungKriegserfahrungLandwirtschaftLebenswilleNeuanfangResilienzRevolutionRusslandSchreibkursAnalphabetSowjetunionÜberlebenskampfWolgaregionAnna BalzerKolkhozLeseprobe
1931 trat ich als letzte Frau des Dorfes ins Kollektiv. Ich glaubte den Kollektivisten nichts; ich hatte furchtbare Angst. Ich stand mit ganz jungen Mädels in einem Glied, habe Kartoffeln ausgemacht. Ich war wie ein fremder Hund, der ins Dorf kommt. Aber es hat mich niemand verspottet; nein, alle haben mir die Sache gezeigt. Zuerst verstand ich die Tabellen überhaupt nicht, die Strichelchen, diese Einheiten, nach denen verrechnet wurde. Aber dann ward mir’s klar, ich bekam Zutrauen, und jetzt ging es los. Ihr wisst, ich stand mit den jungen Mädels in einem Glied; aber ich habe ihnen gezeigt, was die ,alte Anna‘ kann. Meist hatte ich mehr als eine Einheit geschafft am Tag. Diesen Winter 1933 auf 1934 haben wir gegen früher direkt gut gelebt, sehr gut. Auch mein kranker Mann war zufrieden. Unser Herz war ganz ruhig.
Im Frühjahr erkrankte ich. Ich konnte erst am 3. Mai wieder anfangen. Ich kam in mein altes Glied auf die Gemüseplantage. Die Jungen begrüßten mich mit Freude, sie hatten ein rotes Fähnchen auf meinen Platz gesteckt. Wir haben feste gegraben, Pflanzen gesteckt, unsren Plan als erste erfüllt. Ich selbst wurde Gliedführerin, kam auf die Rayon-Ehrentafel und erhielt als Prämie ein Milchschaf. Das alles hätte ich vor drei Jahren nicht gedacht.“
„Und wie ist das mit der großen Decke, unter der alle Frauen schlafen müssen?“, frage ich.
Friedrich Wolf
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