
Im ersten Weltkrieg waren eine besonders beliebte Gattung der Heimkrieger die sogenannten „Fähnchenstecker“. Das waren unsere Oberlehrer, Professoren und älteren Onkels, die über ihrem Schreibtisch eine riesige Karte der Westfront angeheftet hatten, worauf mit Dutzenden Fähnchen die deutschen und die englischfranzösischen Stellungen markiert wurden. Jeden Morgen – beim Heeresbericht – waren sie ganz wild darauf, die Fähnchen umzustecken. Wenn wir auf Urlaub kamen, so fragten sie uns vorwurfsvoll, weshalb wir denn Verdun, Arras und Ypern immer noch nicht eingenommen hätten, sie gaben uns Ratschläge, wie wir es besser zu machen hätten, sie rüsteten Expeditionskorps nach Amerika aus und entfesselten einen Kreuzerkrieg am Kap der Guten Hoffnung. In der Nachkriegszeit bildeten sie die Stammgarde für die These des „Dolchstoßes“; sie behaupteten, dass Deutschland, wenn man es hätte siegen lassen, den Krieg unbedingt gewonnen hätte.
An diese „Fähnchenstecker“ des ersten Weltkrieges muss ich denken, wenn ich heute manche Briefe lese, die bei den gefallenen Soldaten der Hitlerarmee gefunden wurden. Nur dass die heutigen Heimkrieger und Stammtischstrategen noch um viele Grade anspruchsvoller, allwissender und rabiater sind.
Da schreibt der Onkel Otto Brück aus Siegen, Westfalen, Stöckerstraße 2, an seinen Neffen, den Obergefreiten Fritz Brück, Feldpost 07 437 C:
Der Fähnchenstecker
Die Erzählung führt uns zurück in eine Zeit, in der der Krieg nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch an den heimischen Schreibtischen ausgetragen wurde. Die „Heimkrieger“ des Ersten Weltkriegs – Lehrer, Professoren und ältere Verwandte – verfolgten die Kriegsfront mit ihren Stecknadeln auf der Landkarte und gaben dabei ungefragt militärische Ratschläge. Friedrich Wolf entlarvt in dieser bitteren Satire die Widersprüchlichkeit und Grausamkeit des Kriegsenthusiasmus, der auch im Zweiten Weltkrieg weiterlebte. Dieser Text ist eine scharfe Abrechnung mit jenen, die Kriege aus sicherer Distanz verfolgen und anfeuern, ohne selbst das Blutvergießen erleben zu müssen. Ein aufrüttelndes Zeitdokument, das in unserer heutigen Zeit erschreckend aktuell bleibt.
Beschreibung
Die Erzählung führt uns zurück in eine Zeit, in der der Krieg nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch an den heimischen Schreibtischen ausgetragen wurde. Die „Heimkrieger“ des Ersten Weltkriegs – Lehrer, Professoren und ältere Verwandte – verfolgten die Kriegsfront mit ihren Stecknadeln auf der Landkarte und gaben dabei ungefragt militärische Ratschläge. Friedrich Wolf entlarvt in dieser bitteren Satire die Widersprüchlichkeit und Grausamkeit des Kriegsenthusiasmus, der auch im Zweiten Weltkrieg weiterlebte. Dieser Text ist eine scharfe Abrechnung mit jenen, die Kriege aus sicherer Distanz verfolgen und anfeuern, ohne selbst das Blutvergießen erleben zu müssen. Ein aufrüttelndes Zeitdokument, das in unserer heutigen Zeit erschreckend aktuell bleibt.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 15342 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 25.09.2024 |
| Seiten | 11 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-277-5 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-278-2 |
| ASIN (Kindle) | B0DHT1S3VP |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
BriefliteraturDolchstoßlegendeErster WeltkriegFrontberichteGeschichteHeimkriegerIdeologieKrieg und GesellschaftKriegsbegeisterungKriegskritikKriegsstrategenMilitarismusNachkriegszeitNationalismusOberlehrerPropagandaSatireSoldatenbriefeZeitdokumentZweiter WeltkriegFähnchensteckerFriedrich WolfWestfrontVerdunLeseprobe
Im ersten Weltkrieg waren eine besonders beliebte Gattung der Heimkrieger die sogenannten „Fähnchenstecker“. Das waren unsere Oberlehrer, Professoren und älteren Onkels, die über ihrem Schreibtisch eine riesige Karte der Westfront angeheftet hatten, worauf mit Dutzenden Fähnchen die deutschen und die englischfranzösischen Stellungen markiert wurden. Jeden Morgen – beim Heeresbericht – waren sie ganz wild darauf, die Fähnchen umzustecken. Wenn wir auf Urlaub kamen, so fragten sie uns vorwurfsvoll, weshalb wir denn Verdun, Arras und Ypern immer noch nicht eingenommen hätten, sie gaben uns Ratschläge, wie wir es besser zu machen hätten, sie rüsteten Expeditionskorps nach Amerika aus und entfesselten einen Kreuzerkrieg am Kap der Guten Hoffnung. In der Nachkriegszeit bildeten sie die Stammgarde für die These des „Dolchstoßes“; sie behaupteten, dass Deutschland, wenn man es hätte siegen lassen, den Krieg unbedingt gewonnen hätte.
An diese „Fähnchenstecker“ des ersten Weltkrieges muss ich denken, wenn ich heute manche Briefe lese, die bei den gefallenen Soldaten der Hitlerarmee gefunden wurden. Nur dass die heutigen Heimkrieger und Stammtischstrategen noch um viele Grade anspruchsvoller, allwissender und rabiater sind.
Da schreibt der Onkel Otto Brück aus Siegen, Westfalen, Stöckerstraße 2, an seinen Neffen, den Obergefreiten Fritz Brück, Feldpost 07 437 C:
Friedrich Wolf
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