
Diese Politischen wurden, getrennt von den andern harmloseren Strafgefangenen, früh von neun bis neun Uhr dreißig in den Hof geführt. Es ging zuerst die vergitterten Treppenschächte hinab, dann durch den unterirdischen Menagegang, dann musste man vor einer Tür halten, wo zwei Wachtmeister mit langen Parabellumpistolen standen. Es wurden immer nur vier Mann hinausgelassen; erst wenn diese sich „angeschlossen“ hatten, kam die nächste Halbgruppe … eine sehr weise Maßnahme, damit nicht aus einem Gedränge unvermutet ein Aufstand würde. Schließlich waren alle elf Politischen im Hof. Sie gingen scharf auf Vordermann, genau vier Schritt einer hinter dem andern, auf einem gepflasterten Weg. Dieses Weglein führte um die „Hofwiese“; sie hatte etwa vier bis fünf Meter Durchmesser, so wie der Fußboden eines Zimmers, nur rund. Dünnes Gras und Löwenzahn wuchsen auf dem Lehmboden. In der Mitte stand ein kleines rachitisches Bäumchen; das Wichtigste aber war die Einfassung der „Wiese“, große rhombische Zementsteine.
Durch einen dieser Zementsteine begann der Krach, das heißt durch die abgebrochene Steinspitze eines dieser Rhomben. Sie lag eines Morgens auf dem peinlich saubern, gepflasterten runden Weg des Hofes. Die Gefangenen mussten die halbe Stunde schweigend in vier Schritt Abstand auf Vordermann gehen. Die meisten traten über das Steinchen weg.
Das Steinchen
Die Erzählung entführt uns in die beklemmende Welt politischer Gefangener in den 1930er Jahren. Elf Männer, eingesperrt wegen ihres Widerstands gegen den aufkommenden Faschismus, finden in einem kleinen Stein ein Symbol der Freiheit. Was als harmloses Spiel beginnt, wird zum Zeichen des ungebrochenen Geistes und der Solidarität. In einem System, das versucht, ihre Körper und ihren Willen zu brechen, erheben sich die Gefangenen gegen ihre Unterdrücker. Mit feinem Gespür für Humor und Tragik zeigt Wolf, wie kleinste Gesten großen Widerstand symbolisieren können. Ein kraftvolles Stück Literatur über Freiheit, Gemeinschaft und Mut im Angesicht von Repression.
Beschreibung
Die Erzählung entführt uns in die beklemmende Welt politischer Gefangener in den 1930er Jahren. Elf Männer, eingesperrt wegen ihres Widerstands gegen den aufkommenden Faschismus, finden in einem kleinen Stein ein Symbol der Freiheit. Was als harmloses Spiel beginnt, wird zum Zeichen des ungebrochenen Geistes und der Solidarität. In einem System, das versucht, ihre Körper und ihren Willen zu brechen, erheben sich die Gefangenen gegen ihre Unterdrücker. Mit feinem Gespür für Humor und Tragik zeigt Wolf, wie kleinste Gesten großen Widerstand symbolisieren können. Ein kraftvolles Stück Literatur über Freiheit, Gemeinschaft und Mut im Angesicht von Repression.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 12785 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 24.09.2024 |
| Seiten | 16 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-68912-251-5 |
| ISBN (PDF) | 978-3-68912-252-2 |
| ASIN (Kindle) | B0DHLVFPCX |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
AutoritätFaschismusFreiheitGefangenenaufstandGefängnisGefängnishofGemeinschaftHoffnungMutNationalsozialismusPolitische GefangeneRepressionRevolutionSolidaritätSteinSubversionSymbolÜberwachungWiderstandWiderstandskampf1930er JahreHofHumor und TragikStein als SymbolLeseprobe
Diese Politischen wurden, getrennt von den andern harmloseren Strafgefangenen, früh von neun bis neun Uhr dreißig in den Hof geführt. Es ging zuerst die vergitterten Treppenschächte hinab, dann durch den unterirdischen Menagegang, dann musste man vor einer Tür halten, wo zwei Wachtmeister mit langen Parabellumpistolen standen. Es wurden immer nur vier Mann hinausgelassen; erst wenn diese sich „angeschlossen“ hatten, kam die nächste Halbgruppe … eine sehr weise Maßnahme, damit nicht aus einem Gedränge unvermutet ein Aufstand würde. Schließlich waren alle elf Politischen im Hof. Sie gingen scharf auf Vordermann, genau vier Schritt einer hinter dem andern, auf einem gepflasterten Weg. Dieses Weglein führte um die „Hofwiese“; sie hatte etwa vier bis fünf Meter Durchmesser, so wie der Fußboden eines Zimmers, nur rund. Dünnes Gras und Löwenzahn wuchsen auf dem Lehmboden. In der Mitte stand ein kleines rachitisches Bäumchen; das Wichtigste aber war die Einfassung der „Wiese“, große rhombische Zementsteine.
Durch einen dieser Zementsteine begann der Krach, das heißt durch die abgebrochene Steinspitze eines dieser Rhomben. Sie lag eines Morgens auf dem peinlich saubern, gepflasterten runden Weg des Hofes. Die Gefangenen mussten die halbe Stunde schweigend in vier Schritt Abstand auf Vordermann gehen. Die meisten traten über das Steinchen weg.
Friedrich Wolf
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