
„Ein Heizer für die ,Gold Nugget’!“
Etwa fünfzig Seeleute warteten vor dem Drahtzaun außerhalb des Hofs, aber noch meldete sich keiner. So konnte Brennan sein Anliegen vorbringen, bevor der Job zum zweiten Mal aufgerufen wurde.
„Hört mal, Kumpel“, sagte er, „hier ist ein Mann, der sich gestern selbst um seinen Job gebracht hat. Nun sitzt er in der Klemme. Er hat sein Geld auf den Kopf gehaun und will den Job zurückhaben.“
Währenddessen wartete Plonko mit seinem struppigen, zwei Tage alten Bart in einiger Entfernung, als gehöre er nicht dazu.
„Ich bin Obmann auf der ‚Nugget'“, fuhr Brennan fort, „und wir haben seinetwegen eine Versammlung einberufen.“
„Warum wollte er denn weg“?, fragte einer. Brennan suchte nach Worten, um kurz das Wesentliche zu berichten.
„Da hat er sich aber genau den richtigen Hafen ausgesucht“, sagten sie, „wo Perth doch gerade um die Ecke liegt.“
„Ich wollte auf meinem Rad nach Hause fahren“, legte Plonko plötzlich los, „aber die Polypen haben es beschlagnahmt.“
Er hätte nichts Besseres zu seiner Verteidigung sagen können: Der Aufruf für ein anderes Schiff ging im Gelächter unter. Der Gewerkschaftsvertreter musste aus vollem Halse schreien, um überhaupt gehört zu werden.
„Du solltest beim Bendigo-Radrennen mitmachen“, rieten sie Plonko, „statt auf Dampfern Kohle zu schaufeln.“
Plonko sagte nichts, er stand nur am Rand des Bürgersteigs, einige Schritte von dem Haufen entfernt.
„Gebt ihm 'ne Chance!“, sagte Keith Brennan.
Als der Job erneut aufgerufen wurde, riefen sie Plonko zu: „Los, geh vor! Ohne dich schaffen die das nie.“
Plonko zögerte einen Augenblick und schlurfte dann durch das Tor in den Hof. Als Sam Burns, der das Maschinenpersonal für die „Nugget“ anheuert, Plonko erblickte, blinzelte er ihn an, als sehe er ein Gespenst. „Sie nehme ich nicht!“ Aber ein Chor von der Straße ließ Burns wissen, dass er niemand anders bekommen würde. „Ich warte noch den dritten Aufruf ab“, erklärte er dem Gewerkschaftsvertreter, der nur die Achseln zuckte.
Plonko ging auf die Straße zurück und setzte sich auf die Bordschwelle, den Kopf auf die Fäuste gestützt. „Hat doch alles keinen Zweck“, meinte er. Ohne Brennans Zureden hätte er sich wohl kaum erhoben, als der Job gegen elf Uhr zum letzten Mal aufgerufen wurde.
„Er hat keine Wahl, Plonko“, sagte Brennan immer wieder, „geh rein zu ihm!“
„Mann, Sie haben vielleicht Nerven“, sagte Sam Burns zu Plonko, als er ihn wieder im Hof stehen sah. „Was glauben Sie, was das hier ist - ein Zirkus?“
„Argumentieren Sie nicht, Mister“, rief einer der übrig gebliebenen Seeleute vor dem Zaun. „Was macht's Ihnen schon aus!“
Plonko sah Burns nicht an. Er kratzte sich die haarige Brust unter seinem zerknautschten Hemd und fingerte dann an seinen Knöpfen herum, bis er den letzten zugeknöpft hatte.
„Entschließen Sie sich, Mister!“, sagte der Gewerkschaftsvertreter und blickte auf seine Uhr.
Inzwischen hatte sich Plonko zu einer stoischen Haltung durchgerungen. Er hob den Kopf und blickte auf einen entfernten Punkt: Es war deutlich, dass seine Gedanken ganz woanders waren. „Also gut, kommen Sie mit!“, gab der Zweite schließlich nach und berührte Plonkos Schulter.
Plonko fuhr zusammen. „Ich komme“, antwortete er, machte einen Schritt vorwärts und blieb dann stehen. „Aber das eine möcht ich doch wissen: Wird sie je nach Perth kommen?“
„Was?“
„Wird die ‚Nugget' je nach Perth kommen?“, wiederholte Plonko. „Ich hab 'ne Frau da unten, die hab ich schon ein Jahr lang nicht zu sehn gekriegt.“
„Wollen Sie nun den Job zurück oder nicht?“, fragte der Zweite gereizt. Er hatte es satt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage“, beharrte Plonko.
„Herrgott, ich weiß es nicht“, sagte der Zweite. „Auf Schiffen ist alles möglich.“ Damit überquerte er den Hof und verschwand im Heuerbüro.
Plonko folgte ihm. Eine Stunde später trug er seinen Koffer, den er und Brennan aus der Kneipe geholt hatten, das Fallreep der „Nugget“ hinauf. Er sagte nicht viel zu uns, wir fragten ihn auch nicht. Kurz nach zwölf gellte die Pfeife, und ohne viel Verzögerung dampften wir ab nach Brisbane.
Die Erschaffung des Richard Hamilton. Storys
Dieses Buch präsentiert insgesamt 22 Storys des deutsch-australischen Journalisten und Schriftstellers Walter Kaufmann, der verdammt gut schreiben konnte. Es dauert meist ein bisschen, ehe man beim Lesen dieser Storys begreift, in welchen schwierigen Entscheidungssituationen sich die Figuren befinden und wie es ihnen dennoch gelingt, sich zu behaupten. In der titelgebenden Story können wir miterleben, wie sich einer von seinem komischen Namen und von seinem früheren Leben trennt:Wenn Ihnen jemand sagte, sein Name sei Humphrey Humphreys (das heißt so viel wie Buckel Buckel), würden Sie sicher lachen und glauben, er mache einen Witz. Nun, ich mache keinen Witz. Ich heiße wirklich so. Und ich bin überzeugt, meine Mutter hat mich absichtlich so genannt - die bloße Zusammenstellung dieser beiden Namen muss auf alle Menschen lächerlich wirken; wahrscheinlich hoffte sie, mich auf diese Weise für immer von sich abhängig zu machen. Als ich noch klein war, hatte …
Beschreibung
Dieses Buch präsentiert insgesamt 22 Storys des deutsch-australischen Journalisten und Schriftstellers Walter Kaufmann, der verdammt gut schreiben konnte. Es dauert meist ein bisschen, ehe man beim Lesen dieser Storys begreift, in welchen schwierigen Entscheidungssituationen sich die Figuren befinden und wie es ihnen dennoch gelingt, sich zu behaupten. In der titelgebenden Story können wir miterleben, wie sich einer von seinem komischen Namen und von seinem früheren Leben trennt:
Wenn Ihnen jemand sagte, sein Name sei Humphrey Humphreys (das heißt so viel wie Buckel Buckel), würden Sie sicher lachen und glauben, er mache einen Witz. Nun, ich mache keinen Witz. Ich heiße wirklich so. Und ich bin überzeugt, meine Mutter hat mich absichtlich so genannt - die bloße Zusammenstellung dieser beiden Namen muss auf alle Menschen lächerlich wirken; wahrscheinlich hoffte sie, mich auf diese Weise für immer von sich abhängig zu machen. Als ich noch klein war, hatte ich, wie Sie sich wohl denken können, sehr unter meinem Namen zu leiden - Kinder sind grausam. Meist wurde ich Hump gerufen, und den Sternen sei Dank, dass ich wenigstens keinen Buckel habe, immer war ich einer der Kleinsten, das ist schon schlimm genug. Und kurzsichtig bin ich obendrein: seit meinem sechsten Lebensjahr trage ich eine Brille, was mich besonders beim Sport nicht wenig behinderte.
Als ich mit vierzehn aus der Schule kam, wusste ich nicht, was ich werden sollte. Ich zog von einer Lehrstelle zur anderen, versuchte es mit den verschiedensten Arbeiten - verlangen Sie nicht, dass ich sie alle aufzähle. Ich möchte mich auf die jüngste Vergangenheit beschränken, auf zwei Jahre nach meiner Entlassung aus der Commercial Bank of Australasia. (Das war in der Nachkriegskrise, wissen Sie.) Ich arbeitete als Kontrolleur in den Docks, als Schreiber bei einem Buchmacher, als Kassierer auf einem Rummelplatz, sogar als Vertreter von Staubsaugern. Dann wollte ich mich als Buchhalter und Reklamechef einem Wanderzirkus anschließen (diese Arbeit hätte mir sehr gelegen, glaube ich), aber da wurde meine Mutter halsstarrig, Auf einmal war ich ihr unentbehrlich.
Dann blieb er für ein paar Wochen zu Hause, um Kurzgeschichten zu schreiben, wofür er ein gewisses Talent hat. Einige seiner Arbeiten sind sogar in der Zeitung erschienen - unter dem Namen Richard Hamilton - ein Name, mit dem ein Mann der Welt entgegentreten konnte!
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1964 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 27.12.2013 |
| Seiten | 266 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-564-0 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-585-5 |
| ASIN (Kindle) | B00WXLIMX6 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
BrasilienSeefahrtRassendiskriminierungAustralienKubaGewerkschaftSolidaritätKurzgeschichtenShort StorySeemannHafenDocksNachkriegskriseArbeitsweltIdentitätNamenswechselRichard HamiltonHumphrey HumphreysWalter KaufmannLeseprobe
„Ein Heizer für die ,Gold Nugget’!“
Etwa fünfzig Seeleute warteten vor dem Drahtzaun außerhalb des Hofs, aber noch meldete sich keiner. So konnte Brennan sein Anliegen vorbringen, bevor der Job zum zweiten Mal aufgerufen wurde.
„Hört mal, Kumpel“, sagte er, „hier ist ein Mann, der sich gestern selbst um seinen Job gebracht hat. Nun sitzt er in der Klemme. Er hat sein Geld auf den Kopf gehaun und will den Job zurückhaben.“
Währenddessen wartete Plonko mit seinem struppigen, zwei Tage alten Bart in einiger Entfernung, als gehöre er nicht dazu.
„Ich bin Obmann auf der ‚Nugget'“, fuhr Brennan fort, „und wir haben seinetwegen eine Versammlung einberufen.“
„Warum wollte er denn weg“?, fragte einer. Brennan suchte nach Worten, um kurz das Wesentliche zu berichten.
„Da hat er sich aber genau den richtigen Hafen ausgesucht“, sagten sie, „wo Perth doch gerade um die Ecke liegt.“
„Ich wollte auf meinem Rad nach Hause fahren“, legte Plonko plötzlich los, „aber die Polypen haben es beschlagnahmt.“
Er hätte nichts Besseres zu seiner Verteidigung sagen können: Der Aufruf für ein anderes Schiff ging im Gelächter unter. Der Gewerkschaftsvertreter musste aus vollem Halse schreien, um überhaupt gehört zu werden.
„Du solltest beim Bendigo-Radrennen mitmachen“, rieten sie Plonko, „statt auf Dampfern Kohle zu schaufeln.“
Plonko sagte nichts, er stand nur am Rand des Bürgersteigs, einige Schritte von dem Haufen entfernt.
„Gebt ihm 'ne Chance!“, sagte Keith Brennan.
Als der Job erneut aufgerufen wurde, riefen sie Plonko zu: „Los, geh vor! Ohne dich schaffen die das nie.“
Plonko zögerte einen Augenblick und schlurfte dann durch das Tor in den Hof. Als Sam Burns, der das Maschinenpersonal für die „Nugget“ anheuert, Plonko erblickte, blinzelte er ihn an, als sehe er ein Gespenst. „Sie nehme ich nicht!“ Aber ein Chor von der Straße ließ Burns wissen, dass er niemand anders bekommen würde. „Ich warte noch den dritten Aufruf ab“, erklärte er dem Gewerkschaftsvertreter, der nur die Achseln zuckte.
Plonko ging auf die Straße zurück und setzte sich auf die Bordschwelle, den Kopf auf die Fäuste gestützt. „Hat doch alles keinen Zweck“, meinte er. Ohne Brennans Zureden hätte er sich wohl kaum erhoben, als der Job gegen elf Uhr zum letzten Mal aufgerufen wurde.
„Er hat keine Wahl, Plonko“, sagte Brennan immer wieder, „geh rein zu ihm!“
„Mann, Sie haben vielleicht Nerven“, sagte Sam Burns zu Plonko, als er ihn wieder im Hof stehen sah. „Was glauben Sie, was das hier ist - ein Zirkus?“
„Argumentieren Sie nicht, Mister“, rief einer der übrig gebliebenen Seeleute vor dem Zaun. „Was macht's Ihnen schon aus!“
Plonko sah Burns nicht an. Er kratzte sich die haarige Brust unter seinem zerknautschten Hemd und fingerte dann an seinen Knöpfen herum, bis er den letzten zugeknöpft hatte.
„Entschließen Sie sich, Mister!“, sagte der Gewerkschaftsvertreter und blickte auf seine Uhr.
Inzwischen hatte sich Plonko zu einer stoischen Haltung durchgerungen. Er hob den Kopf und blickte auf einen entfernten Punkt: Es war deutlich, dass seine Gedanken ganz woanders waren. „Also gut, kommen Sie mit!“, gab der Zweite schließlich nach und berührte Plonkos Schulter.
Plonko fuhr zusammen. „Ich komme“, antwortete er, machte einen Schritt vorwärts und blieb dann stehen. „Aber das eine möcht ich doch wissen: Wird sie je nach Perth kommen?“
„Was?“
„Wird die ‚Nugget' je nach Perth kommen?“, wiederholte Plonko. „Ich hab 'ne Frau da unten, die hab ich schon ein Jahr lang nicht zu sehn gekriegt.“
„Wollen Sie nun den Job zurück oder nicht?“, fragte der Zweite gereizt. Er hatte es satt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage“, beharrte Plonko.
„Herrgott, ich weiß es nicht“, sagte der Zweite. „Auf Schiffen ist alles möglich.“ Damit überquerte er den Hof und verschwand im Heuerbüro.
Plonko folgte ihm. Eine Stunde später trug er seinen Koffer, den er und Brennan aus der Kneipe geholt hatten, das Fallreep der „Nugget“ hinauf. Er sagte nicht viel zu uns, wir fragten ihn auch nicht. Kurz nach zwölf gellte die Pfeife, und ohne viel Verzögerung dampften wir ab nach Brisbane.
Inhaltsverzeichnis
Die Erschaftung des Richard Hamilton
Wo ist Tommy?
Bert Currigans Weg nach oben
Der Witz des Jahres
Dilemma
Die Botschaft
Notwendigkeit
Home, sweet home
Anonymes Bekenntnis
Der lange Weg nach Hause
Die Zähmung des Patrick Mullligan
Die Puppe
El Dorado
Das Zaubermesser
Trennung
Jenseits der Erfüllung
Punkt ohne Wiederkehr
Steckbrief eines Seemanns
Landgang in Cardenas
Nacht ohne Morgen
Kapitulation
Walter Kaufmann
Weitere Bücher von Walter Kaufmann
Ein jegliches hat seine Zeit. Wiederbegegnungen auf drei Kontinenten
American Encounter
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens
Beyond the Green World of Childhood
Die Welt des Markus Epstein
Am Kai der Hoffnung. Stories



