
Bald nach ihm ergriff Generalmajor Prof. Dr. Rolf Lehmann von der Dresdner Militärakademie das Wort. Er erläuterte die neue Militärdoktrin der Warschauer-Pakt-Staaten, die Militärdoktrin Gorbatschows, die auf die Ablehnung von Angriffskriegen, umschrieben durch die Formel „den Aggressor auf seinem eigenen Territorium schlagen“, und das Patt der Militärsysteme hinauslief.
In einer Pause der Konferenz, die im Plenarsaal des Dresdener Rathauses stattfand, ging ich im Gewühl der Delegierten auf Lehmann zu, der durch seine Uniform auffiel. Ich war entschlossen, ihm eine heikle Frage zu stellen, ohne dabei meine eigene Meinung zu verleugnen. Seine genauen Formulierungen hatten mir gefallen, und ich vermutete, dass er präzise Offenheit liebte.
„Was denken Sie über Afghanistan? Ich komme immer mehr zu der Ansicht, dass das Ganze ein militärischer und politischer Fehlschlag ist.“
„Sie haben völlig recht“, antwortete er. „Ein strategischer und taktischer Unsinn. Ein solcher Krieg ist nicht zu gewinnen, das wissen wir. Da fahren die sowjetischen Panzer in die Hochgebirgsschluchten und werden von oben mit Steinbrocken erledigt. Die Panzerkanonen können wegen ihres geringen Neigungswinkels überhaupt nicht eingesetzt werden.“ Wenn er auch ein wenig auswich - eine derart unverblümte Ablehnung von kompetenter Seite überraschte mich.
Es war geplant, dass ich auf der Dresdner Konferenz das Schlusswort sprach. Dafür hatte ich einen Text von fünf Schreibmaschinenseiten vorbereitet. Rudi Raupach vom ZK der SED, der mich „begleitete“, hatte die Ausarbeitung gelesen und gebilligt. Ich fand es aber unmöglich, nur ein Statement zu verlesen, und ging auf meine Vorredner ein. Auch in der Kunst, so stand es in meinem Konzept, dürfe nicht das verstummen, was sich dem Furchtbaren der jüngsten Vergangenheit widersetzt. Dem konnte ich zwanglos hinzufügen, dass die von Lehmann definierte neue Militärstrategie, wenn sie denn „den Krieg im Frieden besiegen“ wolle, auf wirkliche friedliche Koexistenz abziele.
Afghanistan und Gorbatschow verhalfen mir zu neuen Einsichten.
Pfade hinaus. Episoden der Erinnerung
Diesen Erinnerungen hat der Autor in einer Vorbemerkung eine Berufung auf ein Wort von Alexander von Humboldt von „dem Selbstbeobachteten, dem Selbsterlebten“ vorangestellt. Und genau darum geht es in diesen hier zum ersten Mal veröffentlichten persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die zur Wende von 1989/1990 hinführen, von ihr herkommen und heutige Umstände zeigen zur Zeit der Erstveröffentlichung im Jahre 2005. Gelegentlich habe er dafür die Form des Gestern und Heute verbindenden Essays gewählt, so der Autor. Erklärtes Ziel dieser 50 Textseiten von Uwe Berger ist es, „ein Licht auf deutsche Irrwege und Wege in unserer Zeit zu werfen und anderen zu helfen, sich zurechtzufinden“.Und so reichen diese sehr persönlichen und politischen Erinnerungen vom zweiten Weltkrieg, als der Vierzehnjährige 1943 als aus Berlin evakuiertes Kind erstmals polnischen Boden betrat und dort faschistisches Lagerleben kennenlernte, über eine viel spätere Reise mit einer DDR-Kulturdelegation nach Polen sowie über Begegnungen …
Beschreibung
Diesen Erinnerungen hat der Autor in einer Vorbemerkung eine Berufung auf ein Wort von Alexander von Humboldt von „dem Selbstbeobachteten, dem Selbsterlebten“ vorangestellt. Und genau darum geht es in diesen hier zum ersten Mal veröffentlichten persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die zur Wende von 1989/1990 hinführen, von ihr herkommen und heutige Umstände zeigen zur Zeit der Erstveröffentlichung im Jahre 2005. Gelegentlich habe er dafür die Form des Gestern und Heute verbindenden Essays gewählt, so der Autor. Erklärtes Ziel dieser 50 Textseiten von Uwe Berger ist es, „ein Licht auf deutsche Irrwege und Wege in unserer Zeit zu werfen und anderen zu helfen, sich zurechtzufinden“.
Und so reichen diese sehr persönlichen und politischen Erinnerungen vom zweiten Weltkrieg, als der Vierzehnjährige 1943 als aus Berlin evakuiertes Kind erstmals polnischen Boden betrat und dort faschistisches Lagerleben kennenlernte, über eine viel spätere Reise mit einer DDR-Kulturdelegation nach Polen sowie über Begegnungen und die Freundschaft mit dem estnischen Schriftsteller, Filmemacher und Politiker Lennart Meri bis zu einem Volksfest im Verbannungsort des großen russischen Dichters Puschkin im Jahre 1971. Aber auch manch andere Erinnerung an Menschen und Zeiten kommt zur Sprache, die die Lage in der früheren DDR erhellen. Manchmal ist da auch von der Kritik am kleinkarierten Denken in DDR-Köpfen die Rede. Das gab es aber offenbar auch anderswo. Denn mit dem damaligen Botschafter der UdSSR in der Deutschen Demokratischen Republik, Wjatscheslaw Kotschemassow, verstand er sich offensichtlich nicht: „Wir hatten uns nichts zu sagen.“
Ein besonderes Stück deutscher und DDR-Geschichte – nicht zuletzt im Widersteit zwischen Anpassung und Abwendung von der sowjetischen Führung. Spannende Details von einem, der manchmal dicht dran war an der großen Politik des kleinen Landes. Und nicht zuletzt ist „Pfade hinaus“ eine spannende kulturelle Bildungsreise, die es anzutreten lohnt.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.2005 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 09.08.2013 |
| Seiten | 123 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-204-5 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-205-2 |
| ASIN (Kindle) | B00WXLIW04 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
Lennart MeriJan PetersenWalter JankaGertrud KolmarHanns EislerKurt SchwaenSiegfried MatthusJoachim JastramWolfgang HarichIngrid GoltzscheDDRWende 1989/1990DresdenAfghanistanGorbatschowRudi RaupachRolf LehmannWjatscheslaw KotschemassowErinnerungenKulturdelegationLeseprobe
Bald nach ihm ergriff Generalmajor Prof. Dr. Rolf Lehmann von der Dresdner Militärakademie das Wort. Er erläuterte die neue Militärdoktrin der Warschauer-Pakt-Staaten, die Militärdoktrin Gorbatschows, die auf die Ablehnung von Angriffskriegen, umschrieben durch die Formel „den Aggressor auf seinem eigenen Territorium schlagen“, und das Patt der Militärsysteme hinauslief.
In einer Pause der Konferenz, die im Plenarsaal des Dresdener Rathauses stattfand, ging ich im Gewühl der Delegierten auf Lehmann zu, der durch seine Uniform auffiel. Ich war entschlossen, ihm eine heikle Frage zu stellen, ohne dabei meine eigene Meinung zu verleugnen. Seine genauen Formulierungen hatten mir gefallen, und ich vermutete, dass er präzise Offenheit liebte.
„Was denken Sie über Afghanistan? Ich komme immer mehr zu der Ansicht, dass das Ganze ein militärischer und politischer Fehlschlag ist.“
„Sie haben völlig recht“, antwortete er. „Ein strategischer und taktischer Unsinn. Ein solcher Krieg ist nicht zu gewinnen, das wissen wir. Da fahren die sowjetischen Panzer in die Hochgebirgsschluchten und werden von oben mit Steinbrocken erledigt. Die Panzerkanonen können wegen ihres geringen Neigungswinkels überhaupt nicht eingesetzt werden.“ Wenn er auch ein wenig auswich - eine derart unverblümte Ablehnung von kompetenter Seite überraschte mich.
Es war geplant, dass ich auf der Dresdner Konferenz das Schlusswort sprach. Dafür hatte ich einen Text von fünf Schreibmaschinenseiten vorbereitet. Rudi Raupach vom ZK der SED, der mich „begleitete“, hatte die Ausarbeitung gelesen und gebilligt. Ich fand es aber unmöglich, nur ein Statement zu verlesen, und ging auf meine Vorredner ein. Auch in der Kunst, so stand es in meinem Konzept, dürfe nicht das verstummen, was sich dem Furchtbaren der jüngsten Vergangenheit widersetzt. Dem konnte ich zwanglos hinzufügen, dass die von Lehmann definierte neue Militärstrategie, wenn sie denn „den Krieg im Frieden besiegen“ wolle, auf wirkliche friedliche Koexistenz abziele.
Afghanistan und Gorbatschow verhalfen mir zu neuen Einsichten.
Inhaltsverzeichnis
Verletzungen
Lennart Meri
Der Dazan
Abschiedlächelnd
Die Physiker
Die Proletarischen
La France
Independence Day
Nicht erstarrt
Deutsch-deutsch
Afghanistan und Gorbatschow
In Dresden
Der Selbstmord
Toleranz
Übergang
Dialog der Künste
Wissen und Vergessen
Die Praxis
Kleine große Welt
Amtsgebäude
Briefe
Uwe Berger
Weitere Bücher von Uwe Berger
Weg in den Herbst.
Flammen oder Das Wort der Frau. Erzählung
Das Verhängnis oder Die Liebe des Paul Fleming.
Nebelmeer und Wermutsteppe. Begegnungen
Das Gespräch der Delfine und anderer Tiere. Sinngedichte
Der Schamanenstein. Menschen und Orte