
Was den Ketzern, wenn sie durch die Laune eines Bojaren des Verrats an der Kirche und der Majestät bezichtigt wurden, den Mördern, Dieben, Schuldnern und den beim verbotenen Tabak- und Branntweinhandel Betroffenen drohte, konnte man an bestimmten Tagen auf dem Platz hinter dem Kreml sehen. Fleming und Olearius waren zugegen, als dort die Urteile gleich reihenweise vollstreckt wurden. Ein Verbrecher starb unter dem Henkerbeil. Ein anderer wurde an den auf dem Rücken gebundenen Händen in die Höhe gezogen. An seinen Füßen war ein Balken befestigt, auf den der Scharfrichter sprang, um ein Schuldbekenntnis zu erpressen. Auch mit brennenden Scheiten folterte man Verdächtige. Einem Dieb schnitt man ein Ohr ab. Männer und Frauen bekamen, auf dem Boden liegend oder über einen Knecht gebeugt, Schläge mit der Knute auf den entblößten Rücken, so dass das Blut floss.
Die unzähligen Knechte der großen und kleinen Herren wurden nicht beköstigt und so schlecht entlohnt, dass sie kaum ihr und ihrer Angehörigen Leben fristen konnten. Viele begannen deshalb zu stehlen. Auch die beiden Freunde wären beinahe die Opfer eines nächtlichen Überfalls geworden. Sie kamen nur deshalb ohne Schaden davon, weil ihnen in einiger Entfernung andere Mitglieder der Gesandtschaft gefolgt waren.
Dies alles erschien ihnen als die Kehrseite des friedlichen Schauspiels, das sie am Ostertag vor dem Kreml beobachtet hatten. Eine feierliche Prozession war damals aus dem Tor geschritten. Auf einem als Esel verkleideten Pferd, das der Zar am Halfter führte, hatte der Metropolit gesessen und die Rolle des Messias beim Einzug in Jerusalem gespielt. Ein Raunen war durch die Menge der Zuschauer gegangen. Die Menschen hatten grüne Zweige in den Händen gehalten und sich verneigt. Überall waren gekochte Eier verkauft worden, die man einander mit dem Osterkuss verehrte.
Das Verhängnis oder Die Liebe des Paul Fleming.
Der Paul-Fleming-Roman von Uwe Berger (3 Auflagen: 1983, 1985, 1987) folgt dem historischen Optimismus, der 1975 in seinem Sonett „Nebel" ausgedrückt ist: „Kein Nebel hält das Denken auf." Paul Fleming bricht 1634 mit einer holsteinisch-gottorpischen Gesandtschaft nach Reval auf, um eine „moskovitische und persianische" Gesandtschaft anzutreten, nämlich die auf kaiserlichen Wunsch hin stattfindende Erkundung eines Landwegs für Handelsbeziehungen zum Osten.Psychischen Nebel zerteilend verlässt Fleming für fünf Jahre die Heimat, in der der Krieg wütet, die Pest haust, die Geliebte gestorben ist. Er begegnet den freien Kolonisatoren bei Nowgorod, trifft auf Esten, Russen, Nogaier, Dagestaner und Perser, fährt mit dem hölzernen Schiff auf der Wolga bis zur Kaspisee und muss Schiffbruch miterleiden. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit usbekischen Gästen des Schahs in Isfahan bleiben ihm ebenso wenig erspart wie die ätzende Arroganz des zweiten Gesandten Brüggemann, der die Ziele der Gesandtschaft und auch diese selbst gefährdet. Dem Fremdenhass …
Beschreibung
Der Paul-Fleming-Roman von Uwe Berger (3 Auflagen: 1983, 1985, 1987) folgt dem historischen Optimismus, der 1975 in seinem Sonett „Nebel" ausgedrückt ist: „Kein Nebel hält das Denken auf." Paul Fleming bricht 1634 mit einer holsteinisch-gottorpischen Gesandtschaft nach Reval auf, um eine „moskovitische und persianische" Gesandtschaft anzutreten, nämlich die auf kaiserlichen Wunsch hin stattfindende Erkundung eines Landwegs für Handelsbeziehungen zum Osten.
Psychischen Nebel zerteilend verlässt Fleming für fünf Jahre die Heimat, in der der Krieg wütet, die Pest haust, die Geliebte gestorben ist. Er begegnet den freien Kolonisatoren bei Nowgorod, trifft auf Esten, Russen, Nogaier, Dagestaner und Perser, fährt mit dem hölzernen Schiff auf der Wolga bis zur Kaspisee und muss Schiffbruch miterleiden. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit usbekischen Gästen des Schahs in Isfahan bleiben ihm ebenso wenig erspart wie die ätzende Arroganz des zweiten Gesandten Brüggemann, der die Ziele der Gesandtschaft und auch diese selbst gefährdet. Dem Fremdenhass setzt Fleming seine poetische Gesinnung entgegen.
Noch in Reval hatte er sich in Elsabe, die Tochter eines reichen deutschen Kaufmanns, verliebt, aber sie lehnte den Mann ohne Amt ab. In Astrachan wendet er sich Roxolane zu, wie er sie nennt, die aus den „Steppen des Ostens" stammt. Wieder in Reval gewinnt er das Herz seiner Anna. Um sich ihrer wert zu erweisen, bricht er, ohne sich von den Strapazen der großen Reise erholt zu haben, überstürzt auf, um in den Niederlanden einen medizinischen Titel zu erlangen. Auf dieser europäischen Reise stirbt Paul Fleming.
Das Buch erschien erstmals 1983 beim Aufbau-Verlag Berlin.
Das E-Book enthält außerdem die Biografie von Uwe Berger mit Bibliografie und Foto.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1983 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 10.04.2012 |
| Seiten | 209 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-473-5 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-499-5 |
| ASIN (Kindle) | B00WX4XWUQ |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
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Was den Ketzern, wenn sie durch die Laune eines Bojaren des Verrats an der Kirche und der Majestät bezichtigt wurden, den Mördern, Dieben, Schuldnern und den beim verbotenen Tabak- und Branntweinhandel Betroffenen drohte, konnte man an bestimmten Tagen auf dem Platz hinter dem Kreml sehen. Fleming und Olearius waren zugegen, als dort die Urteile gleich reihenweise vollstreckt wurden. Ein Verbrecher starb unter dem Henkerbeil. Ein anderer wurde an den auf dem Rücken gebundenen Händen in die Höhe gezogen. An seinen Füßen war ein Balken befestigt, auf den der Scharfrichter sprang, um ein Schuldbekenntnis zu erpressen. Auch mit brennenden Scheiten folterte man Verdächtige. Einem Dieb schnitt man ein Ohr ab. Männer und Frauen bekamen, auf dem Boden liegend oder über einen Knecht gebeugt, Schläge mit der Knute auf den entblößten Rücken, so dass das Blut floss.
Die unzähligen Knechte der großen und kleinen Herren wurden nicht beköstigt und so schlecht entlohnt, dass sie kaum ihr und ihrer Angehörigen Leben fristen konnten. Viele begannen deshalb zu stehlen. Auch die beiden Freunde wären beinahe die Opfer eines nächtlichen Überfalls geworden. Sie kamen nur deshalb ohne Schaden davon, weil ihnen in einiger Entfernung andere Mitglieder der Gesandtschaft gefolgt waren.
Dies alles erschien ihnen als die Kehrseite des friedlichen Schauspiels, das sie am Ostertag vor dem Kreml beobachtet hatten. Eine feierliche Prozession war damals aus dem Tor geschritten. Auf einem als Esel verkleideten Pferd, das der Zar am Halfter führte, hatte der Metropolit gesessen und die Rolle des Messias beim Einzug in Jerusalem gespielt. Ein Raunen war durch die Menge der Zuschauer gegangen. Die Menschen hatten grüne Zweige in den Händen gehalten und sich verneigt. Überall waren gekochte Eier verkauft worden, die man einander mit dem Osterkuss verehrte.
Uwe Berger
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