
Verbannung
In einem kleinen, liebevoll ausgestatteten Museum in Ulan-Ude sehen wir neben Zeugnissen der burjatischen Geschichte eine jener eisernen Fußfesseln, die den vom Zarismus Verbannten auf dem Marsch angelegt wurden. Die Fessel besteht aus zwei durch Nieten zusammengehaltenen offenen Eisenreifen für die Fußgelenke, einer großgliederigen Kette, die die Reifen verbindet, und einem Schloss, das die Kette verschließt. Das Ganze wiegt etwa fünf Pfund. Die Kette wurde am Gürtel befestigt.
Mit gefesselten Füßen mussten die, die es traf, ursprünglich vom europäischen Russland bis zu ihrem Ziel in Sibirien gehen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Sibirien von den Verbannten nur marschiert, und zwar das ganze Jahr hindurch, also auch bei 40 Grad Kälte. Die Strecke von Tomsk bis Irkutsk legte eine Sträflingsgruppe in etwa einem Vierteljahr zurück. Frauen und Kinder gehörten zu den Kolonnen. Allein Kranke und Gebrechliche fuhren in Telegas, offenen Bauernwagen.
Manche Frauen folgten ihren Männern freiwillig in die Verbannung.
Auch in Irkutsk finde ich die Erinnerung an die politischen Verbannten wachgehalten. Und nicht nur das. Ihr Wirken ist lebendig. Brachten sie doch als erste revolutionäres Gedankengut, Wissen und Bildung nach Sibirien. Ich unterhalte mich darüber mit Mark Sergejew, der ein Buch über verbannte Dekabristen und ihre Frauen unter dem Titel „Dem Unglück eine treue Schwester“ geschrieben hat. Von Mark stammt übrigens auch die Inschrift am Mal für die gefallenen Irkutsker des zweiten Weltkrieges: „In Sibirien wurde nicht gekämpft, aber Sibirier liegen vor Moskau, bei Wolgograd, bei Kursk und bei Prag.“ Pioniere, ein Mädchen und Junge von vielleicht zwölf Jahren, halten mit geschulterten Gewehren Wache vor der Ewigen Flamme.
Der amerikanische Publizist George Kennan schreibt in seinem Buch „Siberia and the Exile System“ (1891) über eine Verbannte, die er in Irkutsk kennenlernte: „Frau Tscherniawski war zu der Zeit, als ich ihre Bekanntschaft machte, eine zarte, blasse, hohlwangige Frau, die ihre Gesundheit durch jahrelange Haft, Verbannung und Kummer eingebüßt hatte. Sie hatte zwei Kinder zur Welt gebracht und sie beide im Exil verloren, unter Begleitumständen, die den Verlust fast unerträglich machten ... Seit sieben Jahren befand sich Frau Tscherniawski mit ihrem Mann in der Verbannung, und es schien dem Reisenden beim Abschied, „als neige sich ihr von Unglück und Leid erfülltes Leben seinem Ende zu“.
In Bratsk weist uns unsere einheimische Begleiterin auf ihre Abstammung von den Verbannten in dem alten Dorf hin, das hier einmal stand. Radistschew, der Verfasser der „Reise von Petersburg nach Moskau“, Dekabristen und polnische Revolutionäre lebten hier, erzählt sie. Ihr junges Gesicht ist schmal, ausdrucksvoll, mit dunklen Augen, reizvoll geschwungenen Lippen. Eine zierliche Gestalt. Sie spricht fließend Deutsch. Voll Charme unterrichtet sie uns über die Lebensbedingungen im Hohen Norden. Früher fiel hier das Thermometer im Winter bis auf 59 Grad, heute erreicht es minus 47 Grad. Der Grund für den Wandel ist der Stausee, auf dem aber noch im Juni Eis liegt. Frostfrei sind nur drei Monate. Bis vor einiger Zeit - bis zu ihrer erfolgreichen Bekämpfung - erschienen jeden Sommer Heere von Schnaken. „Wir nannten sie nicht anders als 'die Faschisten', weil sie auf den Tag genau am 22. Juni kamen.
Schweigend blickt uns die junge Frau ins Gesicht. Ihre Mütter konnten das Leben an sie weitergeben.
Lebendig steht sie in der warmen Julisonne bei uns, vor ihrer großen sowjetischen Stadt, auf die sie so stolz ist.
Der Schamanenstein. Menschen und Orte
Uwe Berger schaut sich die Welt persönlich an, über die er schreibt. Das gilt auch für den dritten und letzten Band seiner Reiseimpressionen DER SCHAMANENSTEIN, in dem er von Menschen und Orten nicht nur in Europa, sondern auch in Sibirien berichtet. Mit seiner Frau geht er, bewacht von riesigen Zirbelkiefern, am steinigen Ufer des Baikalsees entlang. Die unendlichen Wasser scheinen sich zu krümmen. Beide sprechen mit Ewenken, Burjaten und den Buddhisten eines Lamaklosters bei Iwolginsk. Die Mönche empfangen und verabschieden die Gäste mit milder Freundlichkeit. Am Ufer des Bratsker Stausees erzählt eine junge Frau von den Verbannten, die ihre Vorfahren waren, und von dem, was der Amerikaner George Kennan in seinem Buch SIBERIA AND THE EXILE SYSTEM im 19. Jahrhundert festgehalten hat.
Beschreibung
Uwe Berger schaut sich die Welt persönlich an, über die er schreibt. Das gilt auch für den dritten und letzten Band seiner Reiseimpressionen DER SCHAMANENSTEIN, in dem er von Menschen und Orten nicht nur in Europa, sondern auch in Sibirien berichtet. Mit seiner Frau geht er, bewacht von riesigen Zirbelkiefern, am steinigen Ufer des Baikalsees entlang. Die unendlichen Wasser scheinen sich zu krümmen. Beide sprechen mit Ewenken, Burjaten und den Buddhisten eines Lamaklosters bei Iwolginsk. Die Mönche empfangen und verabschieden die Gäste mit milder Freundlichkeit. Am Ufer des Bratsker Stausees erzählt eine junge Frau von den Verbannten, die ihre Vorfahren waren, und von dem, was der Amerikaner George Kennan in seinem Buch SIBERIA AND THE EXILE SYSTEM im 19. Jahrhundert festgehalten hat.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1980 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 09.05.2013 |
| Seiten | 185 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-003-4 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-956-3 |
| ASIN (Kindle) | B00WX4GEX8 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
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Verbannung
In einem kleinen, liebevoll ausgestatteten Museum in Ulan-Ude sehen wir neben Zeugnissen der burjatischen Geschichte eine jener eisernen Fußfesseln, die den vom Zarismus Verbannten auf dem Marsch angelegt wurden. Die Fessel besteht aus zwei durch Nieten zusammengehaltenen offenen Eisenreifen für die Fußgelenke, einer großgliederigen Kette, die die Reifen verbindet, und einem Schloss, das die Kette verschließt. Das Ganze wiegt etwa fünf Pfund. Die Kette wurde am Gürtel befestigt.
Mit gefesselten Füßen mussten die, die es traf, ursprünglich vom europäischen Russland bis zu ihrem Ziel in Sibirien gehen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Sibirien von den Verbannten nur marschiert, und zwar das ganze Jahr hindurch, also auch bei 40 Grad Kälte. Die Strecke von Tomsk bis Irkutsk legte eine Sträflingsgruppe in etwa einem Vierteljahr zurück. Frauen und Kinder gehörten zu den Kolonnen. Allein Kranke und Gebrechliche fuhren in Telegas, offenen Bauernwagen.
Manche Frauen folgten ihren Männern freiwillig in die Verbannung.
Auch in Irkutsk finde ich die Erinnerung an die politischen Verbannten wachgehalten. Und nicht nur das. Ihr Wirken ist lebendig. Brachten sie doch als erste revolutionäres Gedankengut, Wissen und Bildung nach Sibirien. Ich unterhalte mich darüber mit Mark Sergejew, der ein Buch über verbannte Dekabristen und ihre Frauen unter dem Titel „Dem Unglück eine treue Schwester“ geschrieben hat. Von Mark stammt übrigens auch die Inschrift am Mal für die gefallenen Irkutsker des zweiten Weltkrieges: „In Sibirien wurde nicht gekämpft, aber Sibirier liegen vor Moskau, bei Wolgograd, bei Kursk und bei Prag.“ Pioniere, ein Mädchen und Junge von vielleicht zwölf Jahren, halten mit geschulterten Gewehren Wache vor der Ewigen Flamme.
Der amerikanische Publizist George Kennan schreibt in seinem Buch „Siberia and the Exile System“ (1891) über eine Verbannte, die er in Irkutsk kennenlernte: „Frau Tscherniawski war zu der Zeit, als ich ihre Bekanntschaft machte, eine zarte, blasse, hohlwangige Frau, die ihre Gesundheit durch jahrelange Haft, Verbannung und Kummer eingebüßt hatte. Sie hatte zwei Kinder zur Welt gebracht und sie beide im Exil verloren, unter Begleitumständen, die den Verlust fast unerträglich machten ... Seit sieben Jahren befand sich Frau Tscherniawski mit ihrem Mann in der Verbannung, und es schien dem Reisenden beim Abschied, „als neige sich ihr von Unglück und Leid erfülltes Leben seinem Ende zu“.
In Bratsk weist uns unsere einheimische Begleiterin auf ihre Abstammung von den Verbannten in dem alten Dorf hin, das hier einmal stand. Radistschew, der Verfasser der „Reise von Petersburg nach Moskau“, Dekabristen und polnische Revolutionäre lebten hier, erzählt sie. Ihr junges Gesicht ist schmal, ausdrucksvoll, mit dunklen Augen, reizvoll geschwungenen Lippen. Eine zierliche Gestalt. Sie spricht fließend Deutsch. Voll Charme unterrichtet sie uns über die Lebensbedingungen im Hohen Norden. Früher fiel hier das Thermometer im Winter bis auf 59 Grad, heute erreicht es minus 47 Grad. Der Grund für den Wandel ist der Stausee, auf dem aber noch im Juni Eis liegt. Frostfrei sind nur drei Monate. Bis vor einiger Zeit - bis zu ihrer erfolgreichen Bekämpfung - erschienen jeden Sommer Heere von Schnaken. „Wir nannten sie nicht anders als 'die Faschisten', weil sie auf den Tag genau am 22. Juni kamen.
Schweigend blickt uns die junge Frau ins Gesicht. Ihre Mütter konnten das Leben an sie weitergeben.
Lebendig steht sie in der warmen Julisonne bei uns, vor ihrer großen sowjetischen Stadt, auf die sie so stolz ist.
Inhaltsverzeichnis
Erinnerung in Wolgast
Herbststurm
Fischkutter
Gefährliche Natur
Dörfer
Überbleibsel
Stein und Eisen
Humus
Engagierte
Bewährung
Intakt
Die Frau mit dem Fahrrad
Nicht mitgekommen
Seen
Im Motorboot
Herbstliche Veränderung
Eisbrecher
Schlittschuhlaufen
Dorf in der Braunkohle
Nach Grimma
Das Göschenhaus
Näheres über Sagorski
Dreitagestadt
An einem Haar
Regen
Ein Mensch
Wohin denn?
Justitia
Die Friedensburg
Seen versetzen
Alarm
Grotten
Fröhliche Landschaft
Die Geste des Geologen
Planung in Schwarza
Der Vater
Arnstädter Treffen
Ankunft in Böhmen
Alles Freund!
Um ein weniges
Welche Freude, welche Kenntnis
Kirchen
Die Frauen von Loket
Der Marktplatz
Folgerichtigkeiten
Nur einmal ...
Die Angara
Stadtbummel
Verbannung
Juli am Baikal
Der Jäger
Zedern
Steine
Rote Feder
Steppenleben
Ein lamaistisches Kloster
Trankopfer
Tanja
Uwe Berger
Weitere Bücher von Uwe Berger
Weg in den Herbst.
Flammen oder Das Wort der Frau. Erzählung
Pfade hinaus. Episoden der Erinnerung
Das Verhängnis oder Die Liebe des Paul Fleming.
Nebelmeer und Wermutsteppe. Begegnungen
Das Gespräch der Delfine und anderer Tiere. Sinngedichte




