
Als ich auf meinem ersten Langstreckenflug von West nach Ost reiste, ahnte ich nicht, dass mir dies einmal mehr als Himmelsrichtungen sein würden. Elf Monate später. In diesem Juni stehe ich wieder auf philippinischem Boden. Als ich heute früh aus meinem Schlaf in mein Bewusstsein zurückkehrte, vergaß ich nicht, Dir zu schreiben. Es wurde Zeit. Mit dem Monsun gegen Abend kam Gelegenheit dazu.
Durch die schmale Bucht brandet flach die Dünung. Welle um Welle fällt wie erschöpft an Land nach ungewisser langer Reise. Allmählich sank die sommerweiße Sonne am Horizont, der von Wolken reingefegt war. Dämmerung beugte sich sanft über die in die See gestreuten Eilande wie eine Mutter, die ihre Kinder zu Bett schickte. Der flimmernde Tropenglast ist nicht mehr, in dem eine verwitterte Steintreppe die Augen blendete, die von der Uferstraße zum Strand führt mit unregelmäßig hohen Stufen. In einer fernen, unscheinbarenStadt am Pazifik wird es stiller, wenn allerlei Händler, Kaufleute und Koprasbauern ihr Tagwerk beenden. Noch verhallen gelegentlich irgendwelche Rufe, ebenso das Knattern eines hin und wieder vorbeidrängelnden Motorradtaxis. Des Nachts verschwindet hier der Lärm der Straßen hinter windschiefen Palmenhütten oder Steinhäusern, die die Kräfte von Generationen aufgebraucht haben. Dann ziehen auch die Karawanen der Fischerboote draußen vor der Küste heim. Manchmal steige ich die Treppe steil zur Grotte dicht bei unserer Behausung, um ihnen nachzusinnen. Als die Palmenwälder das letzte goldene Licht verschluckt hatten, Gesichtskreise schienen sie näher herangerückt. Eine Glühbirne leuchtet nun dünn über dem Antlitz einer Marienstatur, die mir friedlich zulächelt. Moskitos fliehen vor dem schweren, rauchigen Duft von Räucherkerzen, die rings um mich abbrennen.
Heute schreibe ich Dir aus einem Land, das ich liebgewonnen habe wie die Märchen, die man mir als Kind erzählte. Nun gehöre ich ihm an, weil ich Menschen angehöre, die sein Schicksal teilen. Durch meine pamanhikan bin ich ihm verbunden für immer. Lass mich Dir ganz schnell davon erzählen. Es liegt jetzt zwei Wochen, fast zwei Wochen zurück, dass wir sie feierten. Zuvor musste ich Jennifers Vater für unsere Heirat um seinen Segen bitten und darum, mich als seinen Sohn anzunehmen. Fünf Sätze hatte ich mir zurechtgelegt, die ich auswendig konnte wie ein Gedicht und ebenso hervorholte, zumal ich mir diese Worte anhand ihrer Melodie eingeprägt hatte. Dennoch klang ihm mein Tagalog wohl so natürlich, dass er erst dachte, ich spräche Englisch. Doch in allen Sprachen der Welt hätte ich zu ihm sprechen können: er hat eingewilligt und somit einen Teil von mir zum Filipino gemacht. Über alle Kulturen hinweg ist die Weihe wichtiger als der Brauch, mit dem du sie empfängst. Die Weihe, die ich meine, die ich verspürte, ist die Weihe eines Zeremoniells, das du schweigend genießt. Indem du an ihm teilnimmst, prägt es dich zugleich. Und weckt auf.
Wanderer, du
Aus zehn Jahren fasst dieser Band achtundzwanzig Gedichte und zwei Kurzgeschichten zusammen. Entstanden ohne Zweckgebundenheit, geben sie Aukunft über eine Reise, die nocht nicht zu Ende ist; entsprechend eint Suchen, Schauen, Unterwegssein alle Gedichte. Zwei Kurzgeschichten binden das lyrische Bouquet zusammen. Als Werkschau sind die Texte in ihrer chronologischen Reihung belassen. Sie nehmen den Leser mit in eine Gedankenstadt, die des lyrischen Ichs. Zwei Kurzgeschichten, die eine auf die andere weisend, stecken Grenzen ab, in denen Denkstraßen durchwandert werden: fragend, sinnend, sehend. Poesie - Philosophie: zwei Reiche, die eine gemeinsame Grenze teilt. In achtundzwanzig Sinngedichten wird diese oft gerne überschritten.
Beschreibung
Aus zehn Jahren fasst dieser Band achtundzwanzig Gedichte und zwei Kurzgeschichten zusammen. Entstanden ohne Zweckgebundenheit, geben sie Aukunft über eine Reise, die nocht nicht zu Ende ist; entsprechend eint Suchen, Schauen, Unterwegssein alle Gedichte. Zwei Kurzgeschichten binden das lyrische Bouquet zusammen. Als Werkschau sind die Texte in ihrer chronologischen Reihung belassen. Sie nehmen den Leser mit in eine Gedankenstadt, die des lyrischen Ichs. Zwei Kurzgeschichten, die eine auf die andere weisend, stecken Grenzen ab, in denen Denkstraßen durchwandert werden: fragend, sinnend, sehend. Poesie - Philosophie: zwei Reiche, die eine gemeinsame Grenze teilt. In achtundzwanzig Sinngedichten wird diese oft gerne überschritten.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 14.08.2014 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 14.08.2014 |
| Seiten | 59 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-95655-021-8 |
| ISBN (PDF) | 978-3-96521-392-0 |
| ASIN (Kindle) | B00WX5V2D4 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
LyrikPhilippinenAuswandererLiebeGlaubeToleranzVerzichtGedichteKurzgeschichtenReiseSamarLeytePazifikTagalogpamanhikanEheUnterwegsseinphilosophische PoesieLeseprobe
Als ich auf meinem ersten Langstreckenflug von West nach Ost reiste, ahnte ich nicht, dass mir dies einmal mehr als Himmelsrichtungen sein würden. Elf Monate später. In diesem Juni stehe ich wieder auf philippinischem Boden. Als ich heute früh aus meinem Schlaf in mein Bewusstsein zurückkehrte, vergaß ich nicht, Dir zu schreiben. Es wurde Zeit. Mit dem Monsun gegen Abend kam Gelegenheit dazu.
Durch die schmale Bucht brandet flach die Dünung. Welle um Welle fällt wie erschöpft an Land nach ungewisser langer Reise. Allmählich sank die sommerweiße Sonne am Horizont, der von Wolken reingefegt war. Dämmerung beugte sich sanft über die in die See gestreuten Eilande wie eine Mutter, die ihre Kinder zu Bett schickte. Der flimmernde Tropenglast ist nicht mehr, in dem eine verwitterte Steintreppe die Augen blendete, die von der Uferstraße zum Strand führt mit unregelmäßig hohen Stufen. In einer fernen, unscheinbarenStadt am Pazifik wird es stiller, wenn allerlei Händler, Kaufleute und Koprasbauern ihr Tagwerk beenden. Noch verhallen gelegentlich irgendwelche Rufe, ebenso das Knattern eines hin und wieder vorbeidrängelnden Motorradtaxis. Des Nachts verschwindet hier der Lärm der Straßen hinter windschiefen Palmenhütten oder Steinhäusern, die die Kräfte von Generationen aufgebraucht haben. Dann ziehen auch die Karawanen der Fischerboote draußen vor der Küste heim. Manchmal steige ich die Treppe steil zur Grotte dicht bei unserer Behausung, um ihnen nachzusinnen. Als die Palmenwälder das letzte goldene Licht verschluckt hatten, Gesichtskreise schienen sie näher herangerückt. Eine Glühbirne leuchtet nun dünn über dem Antlitz einer Marienstatur, die mir friedlich zulächelt. Moskitos fliehen vor dem schweren, rauchigen Duft von Räucherkerzen, die rings um mich abbrennen.
Heute schreibe ich Dir aus einem Land, das ich liebgewonnen habe wie die Märchen, die man mir als Kind erzählte. Nun gehöre ich ihm an, weil ich Menschen angehöre, die sein Schicksal teilen. Durch meine pamanhikan bin ich ihm verbunden für immer. Lass mich Dir ganz schnell davon erzählen. Es liegt jetzt zwei Wochen, fast zwei Wochen zurück, dass wir sie feierten. Zuvor musste ich Jennifers Vater für unsere Heirat um seinen Segen bitten und darum, mich als seinen Sohn anzunehmen. Fünf Sätze hatte ich mir zurechtgelegt, die ich auswendig konnte wie ein Gedicht und ebenso hervorholte, zumal ich mir diese Worte anhand ihrer Melodie eingeprägt hatte. Dennoch klang ihm mein Tagalog wohl so natürlich, dass er erst dachte, ich spräche Englisch. Doch in allen Sprachen der Welt hätte ich zu ihm sprechen können: er hat eingewilligt und somit einen Teil von mir zum Filipino gemacht. Über alle Kulturen hinweg ist die Weihe wichtiger als der Brauch, mit dem du sie empfängst. Die Weihe, die ich meine, die ich verspürte, ist die Weihe eines Zeremoniells, das du schweigend genießt. Indem du an ihm teilnimmst, prägt es dich zugleich. Und weckt auf.
Inhaltsverzeichnis
Über Grenzen fliegen
Gut, dass du bist
Verführung
Die noch nie
Für Laurela
Auf ein Wort
Eine Sprache
Wiederkunft
Zwischen Waren und Werden
An Samars Buchten
Schicksalsschwur
Die weißen Leytestrände
Werde Licht!
Die Ewigkeit, ein Brunnen
Veni creator spiritus
Noch steht keine Überschrift da
Wanderer, Du
Einer von Saturns Ringen
Samentraum
Morgens
Dem Mai gebar
Nachgefragt
Das Spiel der Sinnenden
Hervorgeholt
Von der Zeiten Fracht
zu tisch
spielgedanken
gewogen und ausgeglichen
Gesichtskreise






