
Ich gebe zu: Als es Gewissheit ist, dass Blauerbimmel von seinem Gastspiel im Ausland nicht zu mir zurückkehrt, will ich verhindern, dass sein Kind auf die Welt kommt. Ich versuche, das keimende Leben zu verlieren. Altweiber-Ratschläge: Sprünge aus großer Höhe. Schwitzbäder. Heißer Rotwein mit einer Überdosis Chinin ... Noch heute ist dieser kindische Unfug für mich ein Albtraum. Ein Trauma. Mein Sohn Tewje darf es nie erfahren dass ich ihn nicht habe austragen wollen. Die Natur ist damals stärker als ich. Und nicht ohne Grund sagt man: Zeit heilt alle Wunden. Auf die Frage der Hebamme, wie denn der stramme Junge heißen soll, antworte ich entschlossen: Tewje. Tewje Butt. Von da ab weiß ich, dass ich über Blauerbimmels Verrat hinweg bin. Nichts ist gefährlicher für die Seele, als mit Gewalt etwas Unabänderliches verdrängen zu wollen, und darum heißt mein Sohn auch Tewje! Denn die Liebe zu einem Mann, den ich Tewje nannte, übertrage ich auf das Kind. So erhalte ich mir die Erinnerung an schönste Augenblicke in meinem Leben. Die Eltern hätten das gewiss nie verstanden. Tewjes Da-Sein bewirkt auch, dass ich viel intensiver und fleißiger lerne als vorher. Die Früchte meiner Anstrengung bleiben nicht aus. Mir wird ein Forschungsstudium angetragen. Ziel - die Promotion. Auch für Tewje ist gesorgt. Anfangs ist der Kleine im Wochenheim untergebracht. Später in der Krippe. Von dort bringt er eines Tages die Frage nach seinem Vater mit. Da ich ihm nicht diese Wahrheit sagen will, er aber hartnäckig bleibt, gehe ich mit ihm auf den Friedhof. Und es ist erstaunlich, wie schnell Tewje Frieden gibt. Stolz erzählt er am anderen Tag, dass auch er einen Vater hat, dass der leider nicht aufwachen kann, weil er unter einem Stein ganz, ganz tief schläft ...
Während Proband Jota unbeweglich auf dem roten Sessel unter der Gedächtnisglocke sitzt, zittert Tewje am ganzen Körper. Er hält die Augen krampfhaft geschlossen. Zwischen den langen Wimpern glitzern Tränenperlen. Plötzlich ballt der Junge beide Fäuste. Schlägt auf Alkibiades ein. Die seelische Erschütterung braucht ein Ventil. Endlich fühlt Tewje den Schmerz, den er sich durch die Hiebe zufügt. Er hält schlagartig inne. Wird Tewje Butt jemals diese Bilder vergessen können? Wo ist da einer, der Tewje Butt hier und jetzt die Zusammenhänge erklärt? Über so was spricht man nicht? Nicht mit solchen, wie es der Sohn von Frau Doktor Margarete Butt ist?! Aber aus Stein ist dieser Junge nicht. Wenn er auch erst später bedrückt sein wird von dem Schicksal seines Lehrers Hagen Breegen - für Selbstmitleid ist dieser Tewje Butt sofort empfänglich ... Und das Leid von Proband Jota? Unbewusst schüttelt Tewje abwehrend den Kopf. Ist die ganze Liebe, die Marga für ihn aufgebracht hat, Ausdruck ihres schlechten Gewissens? Lüge war der Gang auf den Friedhof! Marga hatte zu Recht darauf vertraut, dass der kleine Tewje noch nicht lesen kann. Darum hat sie ihn einfach an das Grab seiner Großeltern geführt. Ganz sicher lebt dieser Erhard Blau noch irgendwo. Sein Vater?! Klar, dass der Junge alles erst im Nachhinein durch die Bilder auf dem Monitor kapiert. Aber darf einer wie Tewje Butt sich zum Richter aufschwingen? Über Marga, über seine Mutter.
Um Himmels Willen keine Farbe.
Ein Hirnspektralspezialcomputer, bezeichnenderweise ALKIBIADES genannt, steht im Institut für Verhaltensforschung in Klockachtern. Das kleine verschlafene Dörfchen befindet sich an der Ostsee, genauer im Land Mecklenburg-Vorpommern.Alkibiades (geboren etwa 451 vor der Zeitrechnung) hieß in der Antike ein Feldherr, der bis zu seiner Ermordung im Jahre 404 oftmals die Seiten zwischen Athen und Sparta wechselte oder gar zu Persien überlief ... Ein HSSC arbeitet wie sein Namensgeber - historisch auch als Klassischer Verräter bezeichnet: wenn ein Mensch mit dem Hirnspektralspezialcomputer verbunden wird, dann liefert dieser quasi gläserne Proband sich ihm willenlos aus. Alkibiades ist sozusagen ein Lügendetektor auf höchstem Niveau ... Aber keine Angst – Direktor Dr. Gräulich und seine Mitarbeiterin Dr. Butt geben jedermann Brief und Siegel, dass mit Hilfe des HSSC aus Gründen des Datenschutzes nur wissenschaftlich geforscht wird. Andererseits - seelisch Kranken würde geholfen, sofern sie Ärzten gegenüber alle belastende Erlebnisse und Gedanken in …
Beschreibung
Ein Hirnspektralspezialcomputer, bezeichnenderweise ALKIBIADES genannt, steht im Institut für Verhaltensforschung in Klockachtern. Das kleine verschlafene Dörfchen befindet sich an der Ostsee, genauer im Land Mecklenburg-Vorpommern.
Alkibiades (geboren etwa 451 vor der Zeitrechnung) hieß in der Antike ein Feldherr, der bis zu seiner Ermordung im Jahre 404 oftmals die Seiten zwischen Athen und Sparta wechselte oder gar zu Persien überlief ...
Ein HSSC arbeitet wie sein Namensgeber - historisch auch als Klassischer Verräter bezeichnet: wenn ein Mensch mit dem Hirnspektralspezialcomputer verbunden wird, dann liefert dieser quasi gläserne Proband sich ihm willenlos aus. Alkibiades ist sozusagen ein Lügendetektor auf höchstem Niveau ...
Aber keine Angst – Direktor Dr. Gräulich und seine Mitarbeiterin Dr. Butt geben jedermann Brief und Siegel, dass mit Hilfe des HSSC aus Gründen des Datenschutzes nur wissenschaftlich geforscht wird. Andererseits - seelisch Kranken würde geholfen, sofern sie Ärzten gegenüber alle belastende Erlebnisse und Gedanken in Wort und Bild loswerden, ohne entscheiden zu können, was für ihre Heilung wichtig ist und was nicht.
Das A und O der Vorgänge kennt nur Direktor Dr. Gräulich. Mit einigen Details hat er freundlicherweise Tewje Butt, Sohn von Dr. Margarete Butt, bekannt gemacht. Der gab sich leider keine Mühe, Dr. Gräulichs Ausführungen ernsthaft zu folgen geschweige denn zu begreifen. Tewje hat nur das Zeug zu einem Knöpfchendrücker. Sein Motto lautet: wer einen Taschenrechner gebraucht, der mit Sinus, Tangens, Wurzelfunktionen, Logarithmen oder Potenzen operiert, muss ja auch nicht wissen, wie das vor sich geht ...
Genauso nutzt Tewje Butt also eines Nachts heimlich den Hirnspezialspektralcomputer. Für Tewje geht es um viel - er bedient den HSSC, beherrschen jedoch vermag er ihn nicht. Ein Diener ist dieser Computer, den jeder gebrauchen oder auch missbrauchen kann.
Kurz gesagt — und ohne Rücksicht auf schwache Nerven — in jener Gewitternacht werden Einwohner dieses knapp hundert Seelen zählenden Dorfes entführt; unterschiedlich im Alter, naturgemäß verschieden im Beruf. Auch der gewiefteste Kriminalist wäre bei Ermittlungen chancenlos, weil die Entführten unter dem Einfluss einer speziellen Narkose handelten.
Aber wer denkt immer gleich an etwas Grauenvolles? Die Zeitungen in der DDR berichten wenig über schreckliche Missetaten. Was in dieser Nacht vor sich geht, erfährt also niemand in der weiten Welt. Zumal der Sturm die Telefonverbindung in Klockachtern gekappt hat.
Und wie bei jedem undurchsichtigen Fall, so gibt es auch hier einen Menschen, der Bescheid weiß. Dieser eine wird Tewje Butt gerufen, aber was hat der Elfjährige mit dem zeitweiligen Verschwinden einiger Dorfbewohner zu tun? Das ist der Schlüssel für eventuelle Nachforschungen, um Licht in das Dunkel dieses gespenstisch anmutenden Vorfalls zu bringen.
Das spannende und fantasievolle Buch erschien erstmals 1983 in Der Kinderbuchverlag Berlin.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1983 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 01.03.2013 |
| Seiten | 233 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-896-2 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-897-9 |
| ASIN (Kindle) | B00WYDPL28 |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
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Ich gebe zu: Als es Gewissheit ist, dass Blauerbimmel von seinem Gastspiel im Ausland nicht zu mir zurückkehrt, will ich verhindern, dass sein Kind auf die Welt kommt. Ich versuche, das keimende Leben zu verlieren. Altweiber-Ratschläge: Sprünge aus großer Höhe. Schwitzbäder. Heißer Rotwein mit einer Überdosis Chinin ... Noch heute ist dieser kindische Unfug für mich ein Albtraum. Ein Trauma. Mein Sohn Tewje darf es nie erfahren dass ich ihn nicht habe austragen wollen. Die Natur ist damals stärker als ich. Und nicht ohne Grund sagt man: Zeit heilt alle Wunden. Auf die Frage der Hebamme, wie denn der stramme Junge heißen soll, antworte ich entschlossen: Tewje. Tewje Butt. Von da ab weiß ich, dass ich über Blauerbimmels Verrat hinweg bin. Nichts ist gefährlicher für die Seele, als mit Gewalt etwas Unabänderliches verdrängen zu wollen, und darum heißt mein Sohn auch Tewje! Denn die Liebe zu einem Mann, den ich Tewje nannte, übertrage ich auf das Kind. So erhalte ich mir die Erinnerung an schönste Augenblicke in meinem Leben. Die Eltern hätten das gewiss nie verstanden. Tewjes Da-Sein bewirkt auch, dass ich viel intensiver und fleißiger lerne als vorher. Die Früchte meiner Anstrengung bleiben nicht aus. Mir wird ein Forschungsstudium angetragen. Ziel - die Promotion. Auch für Tewje ist gesorgt. Anfangs ist der Kleine im Wochenheim untergebracht. Später in der Krippe. Von dort bringt er eines Tages die Frage nach seinem Vater mit. Da ich ihm nicht diese Wahrheit sagen will, er aber hartnäckig bleibt, gehe ich mit ihm auf den Friedhof. Und es ist erstaunlich, wie schnell Tewje Frieden gibt. Stolz erzählt er am anderen Tag, dass auch er einen Vater hat, dass der leider nicht aufwachen kann, weil er unter einem Stein ganz, ganz tief schläft ...
Während Proband Jota unbeweglich auf dem roten Sessel unter der Gedächtnisglocke sitzt, zittert Tewje am ganzen Körper. Er hält die Augen krampfhaft geschlossen. Zwischen den langen Wimpern glitzern Tränenperlen. Plötzlich ballt der Junge beide Fäuste. Schlägt auf Alkibiades ein. Die seelische Erschütterung braucht ein Ventil. Endlich fühlt Tewje den Schmerz, den er sich durch die Hiebe zufügt. Er hält schlagartig inne. Wird Tewje Butt jemals diese Bilder vergessen können? Wo ist da einer, der Tewje Butt hier und jetzt die Zusammenhänge erklärt? Über so was spricht man nicht? Nicht mit solchen, wie es der Sohn von Frau Doktor Margarete Butt ist?! Aber aus Stein ist dieser Junge nicht. Wenn er auch erst später bedrückt sein wird von dem Schicksal seines Lehrers Hagen Breegen - für Selbstmitleid ist dieser Tewje Butt sofort empfänglich ... Und das Leid von Proband Jota? Unbewusst schüttelt Tewje abwehrend den Kopf. Ist die ganze Liebe, die Marga für ihn aufgebracht hat, Ausdruck ihres schlechten Gewissens? Lüge war der Gang auf den Friedhof! Marga hatte zu Recht darauf vertraut, dass der kleine Tewje noch nicht lesen kann. Darum hat sie ihn einfach an das Grab seiner Großeltern geführt. Ganz sicher lebt dieser Erhard Blau noch irgendwo. Sein Vater?! Klar, dass der Junge alles erst im Nachhinein durch die Bilder auf dem Monitor kapiert. Aber darf einer wie Tewje Butt sich zum Richter aufschwingen? Über Marga, über seine Mutter.
Inhaltsverzeichnis
Vorspann
ALKIBIADES FÜR PROBAND ALPHA
+ + KIBIADES FÜR PROBAND LAMBDA
+ + KIBIADES FÜR PROBAND KAPPA
+ + + + BIADES FÜR PROBAND BETA
+ + + + + IADES FÜR PROHAND JOTA
+ + + + + + ADES FÜR PROBAND GAMMA
+ + + + + + + DES FÜR PROBAND DELTA
+ + + + + + + + BS FÜR PROBAND ETA
+ + + + + + + + + S FÜR PROBAND SIGMA
ABSCHRIFT
Hans-Ulrich Lüdemann
Weitere Bücher von Hans-Ulrich Lüdemann
Der weiße Stuhl. Zweiter Versuch einer Rehabilitation
Mördermord. Dokumente und Dialoge
Alfred Jude Dreyfus. Der nicht vollendete Justizmord
Das Mecklenburgisch-Vorpommersche Schimpfwörterbuch. Bannich deftige Wörter
Patenjäger.
Das verflixte Rollenspiel.





