
Die Ohrfeige
Duisburg 1992
Da hatte ich längst den Bonner Bescheid, dass mir nicht zugestanden werden würde, was im Osten seit der Wende den Westdeutschen tausend und abertausendfach zugestanden worden war: Rückgabe vor Entschädigung. Weder zurückbekommen würde ich das meinen Eltern in brauner Zeit geraubte Haus, noch dafür entschädigt werden - zu spät! Was unter Hitler passierte, war verjährt, verjährt die Pogrome, die Enteignung, die Verschleppung der Eltern in die Hölle von Auschwitz. Wer glaubte, nach vierzig ostdeutschen Jahren noch Ansprüche stellen zu können, war auf dem Holzweg und erfuhr das mit Brief und Siegel ...
Hätte mich nicht im zweiundneunziger Jahr der Weg noch einmal in die einstige Heimatstadt geführt, sogar in die Prinz-Albrecht-Straße, der Bescheid wäre für mich abgetan geblieben. Jetzt aber, unerwartet und ohne mein Zutun wieder vor dem Elternhaus, überkam mich wie nach meiner Rückkehr aus der Ferne dieser unbändige Zorn.
Ich sah Herrn St., den jetzigen Hausbesitzer - Hausbesatzer - im Mercedes vorfahren, die gewundene Steintreppe hochgehen, sah ihn durch die Haustür nach drinnen verschwinden, und vor meinem inneren Auge nahm ich wahr, wie er sich in Vaters Arbeitszimmer am Schreibtisch unter dem Ölbild von den zwei Frauen im Regen niederließ und in Akten blätterte. Das Licht im Arbeitszimmer erlosch, und jetzt glaubte ich ihn in der Diele, wo er sich, wie einst mein Vater, vor dem Abendbrot die Hände wusch. Ich sah ihn im Esszimmer am gedeckten Tisch, vom Hausmädchen bedient, umsorgt auch von der Ehefrau - und ein nagendes Unbehagen biss sich in meinen Zorn. Wie ein Voyeur kam ich mir vor, hier auf der Straße vor den erleuchteten Fenstern meines Elternhauses. Ich wandte mich ab. Nicht zu ertragen war mir plötzlich die Vorstellung von dem Paar im Biedermeierzimmer oder gar im Schlafzimmer der Eltern.
Schon war ich im Aufbruch, da flammte über dem Eingang im Nebenhaus ein Licht auf, einen Spalt weit wurde die Haustür geöffnet - und ich wusste: Das würde einer aus der Familie des Bankdirektors sein, der, als ich acht war, mit seinem Anruf beim Vater - Ihr Sohn stiert uns von der Gartenmauer ins Fenster für Aufruhr im Elternhaus gesorgt hatte.
Nie zuvor hatte der Vater mich geschlagen, und auch nach jener Ohrfeige, vor der ich mich geduckt hatte, sodass er sich an der Gartenmauer zwei Finger brach, legte er nie wieder Hand an mich. Vaters Finger blieben lange in Schienen und ich in ein Abseits verbannt, das mich zutiefst kränkte ... Dem Vater verzieh ich bald, nie aber dem Bankdirektor. Und wie ein Menetekel schien es mir, dass just in diesem Augenblick, wie von sehr weit her, im Elternhaus das Telefon schrillte ...
Gelebtes Leben. Ein Geschichten-Kaleidoskop
Ein Kaleidoskop, dessen Name aus dem Griechischen stammt, ist im engeren Sinne ein optisches Gerät, das auch gern als Kinderspielzeug Verwendung findet. In einem weiteren Sinne kann es aber auch als Betrachtungsmaschine verstanden werden.Und genau als eine solche Betrachtungsmaschine ist dieses Buch von Walter Kaufmann zu verstehen – als eine Betrachtungsmaschine des ebenso abenteuerlichen wie spannenden Lebens eines Jahrhundertzeugen, der allen Widrigkeiten und tödlichen Bedrohungen zum Trotz, die das 20. Jahrhunderts für einen jüdischen Menschen bereithielt, dennoch überlebt hat.Wie in fast allen Texten von Walter Kaufmann verarbeitet er auch hier viele Erlebnisse und Ereignisse seiner eigenen Biografie, in der er nicht immer aus eigenem Antrieb viel in der Welt herumgekommen war und sich oft genug irgendwo und irgendwie durchschlagen musste.Und so wechseln die Schauplätze und Zeiten seiner Geschichten zum Beispiel zwischen Melbourne 1948 und Kleinmachnow 1998, zwischen Düsseldorf 1970 und Duisburg 1990, zwischen Arraba, Israel …
Beschreibung
Ein Kaleidoskop, dessen Name aus dem Griechischen stammt, ist im engeren Sinne ein optisches Gerät, das auch gern als Kinderspielzeug Verwendung findet. In einem weiteren Sinne kann es aber auch als Betrachtungsmaschine verstanden werden.
Und genau als eine solche Betrachtungsmaschine ist dieses Buch von Walter Kaufmann zu verstehen – als eine Betrachtungsmaschine des ebenso abenteuerlichen wie spannenden Lebens eines Jahrhundertzeugen, der allen Widrigkeiten und tödlichen Bedrohungen zum Trotz, die das 20. Jahrhunderts für einen jüdischen Menschen bereithielt, dennoch überlebt hat.
Wie in fast allen Texten von Walter Kaufmann verarbeitet er auch hier viele Erlebnisse und Ereignisse seiner eigenen Biografie, in der er nicht immer aus eigenem Antrieb viel in der Welt herumgekommen war und sich oft genug irgendwo und irgendwie durchschlagen musste.
Und so wechseln die Schauplätze und Zeiten seiner Geschichten zum Beispiel zwischen Melbourne 1948 und Kleinmachnow 1998, zwischen Düsseldorf 1970 und Duisburg 1990, zwischen Arraba, Israel 1979 und London 1968 und vielen anderen Orten und Ländern auf fast allen Kontinenten. Immer aber zeigen sie einen sehr aufmerksamen Beobachter und Schilderer, einen engagierten Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit und nicht zuletzt einen, der sein Handwerk hervorragend versteht - das Handwerk des Geschichtenerzählers. Kaleidoskop eines gelebten Lebens, dargestellt in spannenden Geschichten, die Auskunft geben über ein Jahrhundert und über den Menschen, der darin gelebt und überlebt, geliebt und gekämpft hat – Walter Kaufmann (1924 bis 2021).
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 16438 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 27.12.2013 |
| Seiten | 144 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-575-6 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-587-9 |
| ASIN (Kindle) | B00WYDNYSG |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
SeefahrtJudenAustralienHolocaustDuisburgKlein MachnowTierliebeKurzgeschichtenErzählungenAutobiografischJüdische EmigrationAuschwitzRückgabeEnteignung20. JahrhundertMelbourneDüsseldorfKleinmachnowLondonArrabaIsraelSeemannFotografieFamilienlebenLeseprobe
Die Ohrfeige
Duisburg 1992
Da hatte ich längst den Bonner Bescheid, dass mir nicht zugestanden werden würde, was im Osten seit der Wende den Westdeutschen tausend und abertausendfach zugestanden worden war: Rückgabe vor Entschädigung. Weder zurückbekommen würde ich das meinen Eltern in brauner Zeit geraubte Haus, noch dafür entschädigt werden - zu spät! Was unter Hitler passierte, war verjährt, verjährt die Pogrome, die Enteignung, die Verschleppung der Eltern in die Hölle von Auschwitz. Wer glaubte, nach vierzig ostdeutschen Jahren noch Ansprüche stellen zu können, war auf dem Holzweg und erfuhr das mit Brief und Siegel ...
Hätte mich nicht im zweiundneunziger Jahr der Weg noch einmal in die einstige Heimatstadt geführt, sogar in die Prinz-Albrecht-Straße, der Bescheid wäre für mich abgetan geblieben. Jetzt aber, unerwartet und ohne mein Zutun wieder vor dem Elternhaus, überkam mich wie nach meiner Rückkehr aus der Ferne dieser unbändige Zorn.
Ich sah Herrn St., den jetzigen Hausbesitzer - Hausbesatzer - im Mercedes vorfahren, die gewundene Steintreppe hochgehen, sah ihn durch die Haustür nach drinnen verschwinden, und vor meinem inneren Auge nahm ich wahr, wie er sich in Vaters Arbeitszimmer am Schreibtisch unter dem Ölbild von den zwei Frauen im Regen niederließ und in Akten blätterte. Das Licht im Arbeitszimmer erlosch, und jetzt glaubte ich ihn in der Diele, wo er sich, wie einst mein Vater, vor dem Abendbrot die Hände wusch. Ich sah ihn im Esszimmer am gedeckten Tisch, vom Hausmädchen bedient, umsorgt auch von der Ehefrau - und ein nagendes Unbehagen biss sich in meinen Zorn. Wie ein Voyeur kam ich mir vor, hier auf der Straße vor den erleuchteten Fenstern meines Elternhauses. Ich wandte mich ab. Nicht zu ertragen war mir plötzlich die Vorstellung von dem Paar im Biedermeierzimmer oder gar im Schlafzimmer der Eltern.
Schon war ich im Aufbruch, da flammte über dem Eingang im Nebenhaus ein Licht auf, einen Spalt weit wurde die Haustür geöffnet - und ich wusste: Das würde einer aus der Familie des Bankdirektors sein, der, als ich acht war, mit seinem Anruf beim Vater - Ihr Sohn stiert uns von der Gartenmauer ins Fenster für Aufruhr im Elternhaus gesorgt hatte.
Nie zuvor hatte der Vater mich geschlagen, und auch nach jener Ohrfeige, vor der ich mich geduckt hatte, sodass er sich an der Gartenmauer zwei Finger brach, legte er nie wieder Hand an mich. Vaters Finger blieben lange in Schienen und ich in ein Abseits verbannt, das mich zutiefst kränkte ... Dem Vater verzieh ich bald, nie aber dem Bankdirektor. Und wie ein Menetekel schien es mir, dass just in diesem Augenblick, wie von sehr weit her, im Elternhaus das Telefon schrillte ...
Inhaltsverzeichnis
Mit dem Silberstift
Im Kino
Die Stimme Jack Londons
Ralph Gibson
Get back to Russia, you!
Weiberfastnacht
Milan
Schreie in der Nacht
Eve Haliburton
Die Ohrfeige
Susi
Lieber Dino
Spätes Lob
Margie
Livei
Flussschlepper
Cool Waters
Eröffnung
Am Tatort
Und ALDI am Sonntag
Sag mir, wann die Züge fahren
Paradies St. Vinzenz
Das Buch
Danach ...
Welcome in the USA
Schuhe
Die Münze
Das Lineal
Der Geiger in Holland
Ein Wunder
Pit & Monica
An den Ufern der Seine
Im Herbstwind
Gedaljes in Rio
Fernab von Prag
Tramping
Donnerstags nie!
Bett, Stuhl und sonst nichts ...
Albtraum
Die Katzen
Tote reden nicht
Mutig waren wir nicht
Der Dorfschullehrer
Frühstück in Warschau
Krakauer Fotografien
Walter Kaufmann
Weitere Bücher von Walter Kaufmann
Ein jegliches hat seine Zeit. Wiederbegegnungen auf drei Kontinenten
American Encounter
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens
Beyond the Green World of Childhood
Die Welt des Markus Epstein
Am Kai der Hoffnung. StoriesÄhnliche Bücher
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Gerda, das Nuschtchen
Einsam in Südwest. Tagebuchroman. Aus dem Nachlass des Eisenbahners Hermann Köppen, Beamter an der Strecke Swakopmund - Windhuk, Südwestafrika