
Die Tür wurde geöffnet, und ein schlanker Mensch mit einem schmalen Gesicht erschien. Er war gelaufen, und es dauerte einige Augenblicke, ehe er wieder zu Atem kam. Als er an den Tisch trat, in den Lichtkreis der Lampe, erkannte ihn Stefan sogleich: helle blaue Augen, dünnlippiger Mund, strähniges Haar - der Arbeiter, der in Bollers Boxzelt mit Hummel gekämpft hatte.
Bredels hatten zu essen aufgehört und sahen Hein in ahnungsvoller Stille an. Der Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn und die gebrochene Nase und sagte nur ein Wort: „Gerhart!“
Vater Bredel atmete tief.
„Wann?“, fragte er.
„Vor einer halben Stunde.“
„Gestapo?“
Hein sah sich um, auf Stefan blieben seine scharfen blauen Augen haften. „Ja“, sagte er leise.
„Mein Gott!“, sagte Georgs Mutter und ballte heftig die mageren Hände zu Fäusten, dass die Knöchel sich weiß abzeichneten. „Und Hilde?“
Hein schüttelte den Kopf. „Hilde nicht“, sagte er, „Hilde ist in Sicherheit.“
Erst da begriff Stefan, von welchem Gerhart Hein gesprochen hatte. Bilder drängten sich vor seine Augen: eine Zelle, eine Peitsche, die Narbe Gerharts hinter dem Ohr, ein Stiefel, Gerharts schmerzverzerrter Mund ... „Nicht was einer ist, sondern was einer tut, ist wichtig ...“
Vater Bredel war aufgestanden. Stefan beobachtete ihn wie im Dämmerschlaf.
„Bitte, steh einen Augenblick auf!“
Mechanisch erhob sich Stefan. Eine Tasse fiel um; ihr Inhalt tropfte auf den Boden, niemand achtete darauf. Vater Bredel wühlte unter dem Sitz, ging an den Herd, hob ein paar Ringe ab und warf irgendwelche Papiere ins Feuer. Nachdenklich hielt er die Thälmannbüste in der Hand, an der er geschnitzt hatte. Er sah seine Frau an, sie nickte. Eine Flamme schoss aus dem Herd, als das Papier Feuer fing. Er schob die Ringe wieder darüber, kaute an den Lippen, hustete.
„Ich muss fort, Mutter“, sagte er.
„Ja, das musst du wohl.“
Er setzte die Mütze auf, „Ängstige dich nicht, Mutter. Zwei, drei Tage vielleicht. Du weißt, wo ich zu finden bin.“
„Und ich, Vater?“
„Du bleibst bei Mutter.“
Vater Bredel, gebeugt und knotig wie ein Baum, sah plötzlich merkwürdig jung aus, als er seiner Frau das Haar aus der Stirn strich und ihr leise zusprach.
„Kopf hoch, Mutter, ängstige dich nicht.“
„Komm jetzt“, sagte Hein.
Mit zitternden Händen tat Frau Bredel die übrigen Kartoffelpuffer in eine Tüte.
„Steck das in die Tasche, Vater!“
Die Tür klappte. Bald verklangen die Schritte Heins und Hermann Bredels in der Nacht.
Wohin der Mensch gehört. Roman
„In der Pause hatte ihm einer der beiden Jungen, der größere, seinen Tennisball weggenommen. Stefan hatte ihn zurückgefordert, aber da war der zweite Junge gekommen und hatte gesagt: „Wenn wir mit dir abgerechnet haben, dann kriegst du ihn wieder.“ „Wieso?“, fragte Stefan. „Ich kenne euch nicht.“ „Aber du wirst uns kennenlernen, Itzig“, sagte der Größere.„Ich will meinen Ball wieder.“ „Wenn du was willst, du Judenjunge, dann sag .bitte!“ Der Kleinere mit dem finsteren Gesicht trug einen schwarzen Sweater, der wie Haut an ihm haftete. Der Größere hatte ein Pferdegesicht voller Pusteln und trug ein braunes Hemd mit Schulterriemen. Sie drängten Stefan abseits von seinen Klassengefährten an eine Mauer. „Hör, Itzig“, fragten sie, „wieviel Prozent Jude bist du?" „Geht weg!“, fauchte Stefan.Sie lachten höhnisch: „Hat hier einer was gesagt?“ „Ist deine Mutter Jüdin?“, fragte der Große. „Ja.“ „Ist dein Vater Jude?“ „Ja.“ „Sag: Mein Vater ist …
Beschreibung
„In der Pause hatte ihm einer der beiden Jungen, der größere, seinen Tennisball weggenommen. Stefan hatte ihn zurückgefordert, aber da war der zweite Junge gekommen und hatte gesagt: „Wenn wir mit dir abgerechnet haben, dann kriegst du ihn wieder.“ „Wieso?“, fragte Stefan. „Ich kenne euch nicht.“ „Aber du wirst uns kennenlernen, Itzig“, sagte der Größere.
„Ich will meinen Ball wieder.“ „Wenn du was willst, du Judenjunge, dann sag .bitte!“ Der Kleinere mit dem finsteren Gesicht trug einen schwarzen Sweater, der wie Haut an ihm haftete. Der Größere hatte ein Pferdegesicht voller Pusteln und trug ein braunes Hemd mit Schulterriemen. Sie drängten Stefan abseits von seinen Klassengefährten an eine Mauer. „Hör, Itzig“, fragten sie, „wieviel Prozent Jude bist du?" „Geht weg!“, fauchte Stefan.
Sie lachten höhnisch: „Hat hier einer was gesagt?“ „Ist deine Mutter Jüdin?“, fragte der Große. „Ja.“ „Ist dein Vater Jude?“ „Ja.“ „Sag: Mein Vater ist ein dreckiger Jude!“ Stefan stieß den im schwarzen Sweater zurück. Sein Herz klopfte. Er versuchte nach der Seite zu entschlüpfen. Sie packten ihn und schleuderten ihn zurück an die Mauer. „Los, sag es!“ Stefan presste die Lippen zusammen. Es läutete, und Stefan sah seine Klassenkameraden ins Schulhaus zurückströmen. „Du hast nicht den Mut, es zu sagen“, stellte der Große fest. „Dann will ich es dir sagen: Dein Vater ist ein dreckiger Jude!“
In diesem erstmals 1957 im Verlag Neues Leben Berlin erschienen Buch erzählt Walter Kaufmann, der als Kind jüdischer Adoptiveltern mit viel Glück vor den Nazis aus Deutschland fliehen konnte, auf beeindruckende Weise, von seiner Kindheit in Deutschland und den immer schlimmer werdenden Erniedrigungen der Juden, von England und von Australien – ein erschütternder und trotzdem ermutigender Lebensbericht, der zeigt, wohin der Mensch gehört.
Bibliografische Angaben
| Erstveröffentlichung | 01.01.1957 |
|---|---|
| E-Book-Ausgabe | 29.12.2013 |
| Seiten | 403 |
| ISBN (EPUB) | 978-3-86394-561-9 |
| ISBN (PDF) | 978-3-86394-591-6 |
| ASIN (Kindle) | B00WYDO3HM |
| Verlag | EDITION digital |
| Sprache | deutsch |
Schlagwörter
JudeAustralienHolocausFluchtGewerkschaftSolidaritätFaschismusAuschwitzKindertransportEnglandExilBerlinDuisburgLeseprobe
Die Tür wurde geöffnet, und ein schlanker Mensch mit einem schmalen Gesicht erschien. Er war gelaufen, und es dauerte einige Augenblicke, ehe er wieder zu Atem kam. Als er an den Tisch trat, in den Lichtkreis der Lampe, erkannte ihn Stefan sogleich: helle blaue Augen, dünnlippiger Mund, strähniges Haar - der Arbeiter, der in Bollers Boxzelt mit Hummel gekämpft hatte.
Bredels hatten zu essen aufgehört und sahen Hein in ahnungsvoller Stille an. Der Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn und die gebrochene Nase und sagte nur ein Wort: „Gerhart!“
Vater Bredel atmete tief.
„Wann?“, fragte er.
„Vor einer halben Stunde.“
„Gestapo?“
Hein sah sich um, auf Stefan blieben seine scharfen blauen Augen haften. „Ja“, sagte er leise.
„Mein Gott!“, sagte Georgs Mutter und ballte heftig die mageren Hände zu Fäusten, dass die Knöchel sich weiß abzeichneten. „Und Hilde?“
Hein schüttelte den Kopf. „Hilde nicht“, sagte er, „Hilde ist in Sicherheit.“
Erst da begriff Stefan, von welchem Gerhart Hein gesprochen hatte. Bilder drängten sich vor seine Augen: eine Zelle, eine Peitsche, die Narbe Gerharts hinter dem Ohr, ein Stiefel, Gerharts schmerzverzerrter Mund ... „Nicht was einer ist, sondern was einer tut, ist wichtig ...“
Vater Bredel war aufgestanden. Stefan beobachtete ihn wie im Dämmerschlaf.
„Bitte, steh einen Augenblick auf!“
Mechanisch erhob sich Stefan. Eine Tasse fiel um; ihr Inhalt tropfte auf den Boden, niemand achtete darauf. Vater Bredel wühlte unter dem Sitz, ging an den Herd, hob ein paar Ringe ab und warf irgendwelche Papiere ins Feuer. Nachdenklich hielt er die Thälmannbüste in der Hand, an der er geschnitzt hatte. Er sah seine Frau an, sie nickte. Eine Flamme schoss aus dem Herd, als das Papier Feuer fing. Er schob die Ringe wieder darüber, kaute an den Lippen, hustete.
„Ich muss fort, Mutter“, sagte er.
„Ja, das musst du wohl.“
Er setzte die Mütze auf, „Ängstige dich nicht, Mutter. Zwei, drei Tage vielleicht. Du weißt, wo ich zu finden bin.“
„Und ich, Vater?“
„Du bleibst bei Mutter.“
Vater Bredel, gebeugt und knotig wie ein Baum, sah plötzlich merkwürdig jung aus, als er seiner Frau das Haar aus der Stirn strich und ihr leise zusprach.
„Kopf hoch, Mutter, ängstige dich nicht.“
„Komm jetzt“, sagte Hein.
Mit zitternden Händen tat Frau Bredel die übrigen Kartoffelpuffer in eine Tüte.
„Steck das in die Tasche, Vater!“
Die Tür klappte. Bald verklangen die Schritte Heins und Hermann Bredels in der Nacht.
Walter Kaufmann
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